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Wissenschaftler-Demo : Vorwärts, marsch!

Ein Anfang: Pro-Wissenschafts-Demo Anfang des Jahres in Boston. Bild: AP

Samstag ist Demotag: Marsch für die Wissenschaft. Gegen die Wissenschaftsfeinde. Haut auf den Trump also? Jedenfalls wollen die Klügsten gerne gehört werden. Was schreibt man da aufs Plakat?

          Der Schuh drückt. Wie blöd. Marschieren wird schon gehen, aber die Füße wund laufen auf dem „Marsch für die Wissenschaft“? Sich Blasen laufen will man ja nicht. Heureka! Blasen. „Fakten statt Blasen“. Das ist es, das muss er werden, der Slogan für mein erstes Demo-Banner. Blasenbildung, da drückt die Wissenschaft der Schuh, oder etwa nicht? Den Verschwörungstheoretikern in ihren Gesinnungsblasen, denen zeig ich’s. Fakten statt Fakes. „Zu Fakten gibt es keine Alternativen“, okay, das gibt’s schon als Transparent, „Forschen statt Faken“ auch. Ist einer der „Lieblingsslogan“-Vorschläge aus dem rhetorischen Fundus der Website „March for Science Germany“.

          Andererseits könnte das jetzt auch wirklich nach hinten losgehen. Wo geforscht wird, fallen Späne. Fakes, Wissenschaftsschwindler und schräge Karrieristen gab’s schon, bevor der Populismus die Wissenschaftsfeindlichkeit überhaupt erst entdeckt hat. Andererseits: Geht es beim Marsch am Samstag nicht um mehr: um Demokratie pur? Für Demokratie und gegen die wissenschaftsfeindlichen Lumpen Trump, Orbán und Kaczynski – gegen das „autoritäre Cäsarentum“, um mal einen Formulierungskünstler aus den Reihen der Wissenschaften zu bemühen, DFG-Chef Peter Strohschneider?

          Mehr als 500 Parallelmärsche weltweit

          Überhaupt, die Helden. Sie laufen jetzt gesinnungsgenossenschaftlich zur Höchstform auf. Ich könnte mein Transparent jeden Tag neu beschriften. „Augen auf – Hirn an“ klingt auch gut, wäre griffig, fast schon logisch. Nur gegen wen geht das jetzt wieder? Gegen die ahnungslosen Homöopathiegläubigen oder die Gentechnikfeinde im Land, gegen eine demoskopische Mehrheit also, von deren Vertretern ich einige am Wochenende zum Essen eingeladen habe? Nein, das Beschimpfen von Freunden geht gar nicht. „Science matters“, das hat was. Klarheit, Internationalität – Wissenschaft zählt, überall, das sollte jeder wissen. Mehr als fünfhundert Parallelmärsche weltweit finden am Samstag statt. Fast zwanzig sind es allein in Deutschland. Die Aufklärung geht global in den Warnstreik. Eine innere Stimme sagt mir allerdings: Wenn alle Experten sich einig sind, ist Vorsicht geboten. Stammt von dem Logiker Bertrand Russell. Andererseits wieder: Weltwissenschaftstümelei ist politisch geboten, ein moralisches Gebot besonders für Zivilisationsapokalyptiker.

          Der „postfaktische Nationalpopulismus“ geistere gerade durch die Welt, das hat der Klimapapstberater John Schellnhuber festgestellt. Die Engstirnigkeit der neuen Wissenschaftsfeinde könne sich „zu einer Bedrohung unserer Zivilisation auswachsen“. Große Worte, starke Meinung. Populistisch wird sie am Samstag keiner nennen. Differenziert ist sie trotzdem nicht. Gewöhnlich ist Differenzierung das Geschäft der Wissenschaft. Nur nicht, wenn sie marschiert. Klar stört das einige Betriebsangehörige, lange schon bevor das erste Banner hochgehalten wird. Geht’s also konkreter?

          „Wissenschaft wirkt“ - oder was?

          „Wissenschaft wirkt“ lautet ein Vorschlag, irgendwo heißt es auf einem Pro-Science-Plakat: „Wir haben die Lösung.“ Das ist kein Rezept, das klingt nach Laotse: „Nach Wissen suchen heißt Tag für Tag dazugewinnen.“ Wer da draußen soll mir das abkaufen? Isolation blendet.

          Das ist das Schöne an der Wissenschaft: Überheblichkeit lässt sich in der Wissenschaftsblase hinter dem grellen Schein des Idealismus und der Euphorie verstecken. Schöne, heile Forschungswelt. Der hier wäre dafür auch nicht schlecht, ganz pauschal: „Das Tolle an Fakten: Man kann sie nachprüfen!“ Schön wär’s. Kommt mir bestimmt nicht aufs Plakat.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

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