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Gender-Studies : Echt auf den Hund gekommen

  • -Aktualisiert am

Ein Ergebnis feministischer Geographie: Männer sollte man am besten wie Vierbeiner behandeln. Bild: elliott erwitt / Magnum Photos /

Drei amerikanischen Forschern ist ein trauriger Beweis gelungen: Man kann selbst den größten Blödsinn publizieren – wenn er nur ins vorgefasste Weltbild passt.

          Von so einem Output können die meisten Forscher nur träumen. Zwischen September 2017 und Juli 2018 verfassten der Mathematiker James Linsday, die Mediävistin Helen Pluckrose und der Philosoph Peter Boghossian zusammen 20 Fachartikel, von denen sieben auf Anhieb zur Publikation in anerkannten Fachjournalen angenommen werden. Die Fächer waren indes gar nicht die Ihren, sondern unter anderem Gender Studies, kritische Rassentheorie und Fat Studies. Aber in den Artikeln stimmte ohnehin nichts. Stattdessen hatten die Autoren sich so ziemlich aller Sünden wissenschaftlichen Arbeitens schuldig gemacht: Ihre Paper strotzten nur so von „unglaublich implausiblen Statistiken; Schlussfolgerungen, die sich nicht aus den Daten ableiten lassen, und ideologiegetriebenen, qualitativen Analysen“, so ihr kürzlich im Online-Magazin „Areo“ veröffentlichtes Bekenntnis.

          Was Areo-Chefredakteurin Pluckrose und ihre Mitstreiter da unter falschen Namen fabulierten, klingt für Fachfremde hanebüchen, den beteiligten Redakteuren und Gutachtern erschien es aber offensichtlich ganz normal oder gar bahnbrechend. Das Quartalsmagazin „Sexuality & Culture“ etwa veröffentlichte einen Artikel mit dem Titel „Going in Through the Back Door: Challenging Straight Male Homohysteria and Transphobia through Receptive Penetrative Sex Toy Use“. Die These: Der Nicht-Gebrauch von Anal-Dildos durch Männer sei ein Beleg für deren homophobe Einstellungen. Männer zur Benutzung solcher Geräte zu ermuntern könne diese Ablehnung lindern.

          Queer Astrology

          Oder die in „Gender, Place & Culture“, einem Journal für „feministische Geographie“, erschienene Beobachtungsstudie über „Vergewaltigungskultur“ unter Hunden und die Reaktionen von Herrchen und Frauchen auf das Gerammel ihrer Lieblinge. Sie endet nach seitenlangem Geschwurbel über „Heuristiken, die dazu beitragen, maskulinistische Hegemonien zu konzeptualisieren“, in dem Vorschlag, man solle Männer wie Hunde durch Anschreien zu wünschenswertem Verhalten konditionieren. Eine andere Studie bezeichnet „westliche Astronomie“ als sexistisch und fordert stattdessen eine „Queer Astrology“. Ein Artikel mit dem Titel „Our Struggle is My Struggle: Solidarity Feminism as an Intersectional Reply to Neoliberal and Choice Feminism“ besteht gar aus einem Kapitel aus Hitlers „Mein Kampf“, den die Autoren mit Modeworten und Phrasen aus der feministischen Forschung anreicherten. Und so weiter. Die wahre Fragestellung all dieser Arbeiten: Inwieweit kann noch der größte Quatsch als hohe Gelehrsamkeit in Fachjournalen unterkommen, wenn man ihn nur in das richtige Gewand aus unverständlichem Fachjargon und Fundierung vorspiegelnden Zitationen hüllt?

          Der Streich ist eine Fortsetzung der seit den 1990er Jahren anhaltenden „Science Wars“. In diesem Krieg kämpfen auf der einen Seite Wissenschaftler, die von der einer objektiv existierenden und empirisch erforschbaren Wirklichkeit ausgehen. Ihnen gegenüber stehen die Truppen einer „Postmoderne“, die wissenschaftliche Theorien als sozial konstruiert ansieht und alternative Methoden des Erkenntnisgewinns propagiert. Verkürzt könnte man auch sagen, in den Science Wars kämpfen Naturwissenschaftler gegen Geistes- und Sozialwissenschaftler um die Deutungshoheit im Imperium des Wissens – und beide Seiten halten sich für Luke Skywalker.

          Sokals Erben

          Die Idee, schwafelige Auswüchse der Sozialwissenschaften zu entlarven, indem man Nonsens-Artikel in deren Fachjournale plaziert, ist nicht neu. Als Pate gilt „Auf dem Weg zu einer transformativen Hermeneutik der Quantengravitation“, ein 1996 im angesehenen Fachblatt „Social Text„ erschienener Artikel des Physikers Alan Sokal. Keinem Gutachter war aufgefallen, dass der Text nur aus Zitaten postmoderner Denker und deren typischen Jargon zusammengeschustert war.

          Dergleichen funktioniert allerdings nicht nur in den Sozialwissenschaften. 2013 schickte der amerikanische Wissenschaftsjournalist John Bohannon einen offensichtlichen Fake-Artikel über die angeblich krebshemmende Wirkung eines Naturstoffs aus Flechten an über 300 Open-Access-Fachmagazine, in denen die Autoren teils hohe Gebühren für die Veröffentlichung zahlen müssen. Dazu gehören auch die vier biomedizinischen Magazine, in denen ein britischer Wissenschaftsblogger vergangenes Jahr unter dem Pseudonym „Dr. Lucas McGeorge“ einen Artikel über „Midi-Chlorianer“ unterbrachte, die für die Wahrnehmung der Jedi-Macht verantwortlich seien. „Raub-Verlage“ nennt man diesen Bodensatz betrügerischer Open-Access-Zeitschriften, die Wissenschaftler aktiv zum Publizieren einladen, ihre Manuskripte aber nicht einmal oberflächlich begutachten.

          Da gibt es nichts schönzureden

          Das kann man im Fall Linsday, Pluckrose und Boghossian nicht behaupten. Sie düpierten anerkannte Magazine, deren Gutachter sich dann mehrheitlich in Lobeshymnen über „unglaublich innovative und extrem gut geschriebene“ Studien überschlugen. Das sei in der Tat ein Problem, an dem es nichts schönzureden gebe, sagt Paula-Irene Villa, Münchner Professorin für Soziologie und Gender Studies. „Da haben einige Peer Reviewer und Zeitschriften schlampig oder politisch gearbeitet, was beides nicht akzeptabel ist. Aber es ist ein höchst unwissenschaftlicher Fehler, von solchen Fällen auf ganze Felder zu schließen.“

          Eine regelrechte Hetze gegen Fächer wie Gender Studies durch rechte Kräfte, die sich offenbar von der Infragestellung traditioneller Gewissheiten bedroht fühlen, sieht die Berliner Biologin und Genderforscherin Kerstin Palm: „Eine Strategie der Hetzschriften gegen die Gender Studies ist, ihre Schwachpunkte zu verallgemeinern. Eine weitere Strategie ist, Inhalte und Methoden völlig falsch zu verstehen und dies dann zur Grundlage für eine Empörung über die Unsinnigkeit der Gendererkenntnisse zu machen.

          Kritik muss sein, auch wenn Beifall von falscher Seite droht

          Tatsächlich hat die AfD die Abschaffung jeglicher Gender-Forschung zu einem zentralen Punkt ihrer Forschungspolitik gemacht. Das Forschungsziel, Ursachen und Mechanismen zu identifizieren, die grundgesetzlich garantierte Gleichstellung von Mann und Frau behindern (so die Definition des Bundesforschungsministeriums), erscheint der neuen Volkspartei nicht förderwürdig. Beifall von der falschen Seite für Linsday, Pluckrose und Boghossian, die sich selbst als linksliberal bezeichnen und Genderforschung durchaus nicht völlig abschaffen wollen.

          Auf akademischer Ebene sehen sich die drei ihrerseits als Opfer von Mobbing. An den Unis mache sich eine Wissenschaft breit, die sich weniger der Suche nach Wahrheit als einer sozialen Agenda widme. „Ihre Vertreter benehmen sich zunehmend wie Bullies, die Studenten und Kollegen aus anderen Fachgebieten ihre Weltsicht aufdrücken.“ Wie solches Mobbing aussehen kann, musste kürzlich der amerikanische Mathematiker Theodore Hill erfahren.

          Der komplementäre Fall: Zensur

          Der pensionierte Professor hatte in einem Artikel eine rein mathematische Betrachtung entworfen, unter welchen speziellen Umständen die sogenannte Variabilitätshypothese zutreffen könnte. Diese vermutet, dass in der Evolution bestimmte Merkmale der Geschlechter bei gleichem Mittelwert eine unterschiedliche Variationsbreite aufweisen könnten. Weil eine breitere Streuung des IQ unter Männern wiederholt als mögliche, empirisch aber kaum zu beweisende Erklärung für den hohen Männeranteil in Führungspositionen herangezogen wurde, hat das Thema politische Sprengkraft. Das wusste auch Hill, der im Manuskript mehrfach auf den rein modellhaften Charakter seiner Berechnungen hinweist. Nachdem sein Artikel von einem Fachjournal zur Veröffentlichung angenommen wurde, stellte Hill ihn online. Prompt entlud sich ein Shit-storm, und nach zahlreichen Interventionen und Drohungen entschied das „New York Journal of Mathematics“ im November letzten Jahres schließlich, den bereits online publizierten Artikel sang- und klanglos durch einen anderen zu ersetzen – ein ziemlich einzigartiger Vorgang.

          Der Fall zeigt, wie schwer es sein kann, in ideologisch vermintem Gebiet überhaupt Wissenschaft zu betreiben. Er zeigt auch: Der dreißigjährige Krieg der Wissenschaften ist noch nicht vorbei. Möge die Macht mit jenen sein, die dabei sachlich bleiben.

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