https://www.faz.net/-gwz-9ff9q

Gender-Studies : Echt auf den Hund gekommen

  • -Aktualisiert am

Dergleichen funktioniert allerdings nicht nur in den Sozialwissenschaften. 2013 schickte der amerikanische Wissenschaftsjournalist John Bohannon einen offensichtlichen Fake-Artikel über die angeblich krebshemmende Wirkung eines Naturstoffs aus Flechten an über 300 Open-Access-Fachmagazine, in denen die Autoren teils hohe Gebühren für die Veröffentlichung zahlen müssen. Dazu gehören auch die vier biomedizinischen Magazine, in denen ein britischer Wissenschaftsblogger vergangenes Jahr unter dem Pseudonym „Dr. Lucas McGeorge“ einen Artikel über „Midi-Chlorianer“ unterbrachte, die für die Wahrnehmung der Jedi-Macht verantwortlich seien. „Raub-Verlage“ nennt man diesen Bodensatz betrügerischer Open-Access-Zeitschriften, die Wissenschaftler aktiv zum Publizieren einladen, ihre Manuskripte aber nicht einmal oberflächlich begutachten.

Da gibt es nichts schönzureden

Das kann man im Fall Linsday, Pluckrose und Boghossian nicht behaupten. Sie düpierten anerkannte Magazine, deren Gutachter sich dann mehrheitlich in Lobeshymnen über „unglaublich innovative und extrem gut geschriebene“ Studien überschlugen. Das sei in der Tat ein Problem, an dem es nichts schönzureden gebe, sagt Paula-Irene Villa, Münchner Professorin für Soziologie und Gender Studies. „Da haben einige Peer Reviewer und Zeitschriften schlampig oder politisch gearbeitet, was beides nicht akzeptabel ist. Aber es ist ein höchst unwissenschaftlicher Fehler, von solchen Fällen auf ganze Felder zu schließen.“

Eine regelrechte Hetze gegen Fächer wie Gender Studies durch rechte Kräfte, die sich offenbar von der Infragestellung traditioneller Gewissheiten bedroht fühlen, sieht die Berliner Biologin und Genderforscherin Kerstin Palm: „Eine Strategie der Hetzschriften gegen die Gender Studies ist, ihre Schwachpunkte zu verallgemeinern. Eine weitere Strategie ist, Inhalte und Methoden völlig falsch zu verstehen und dies dann zur Grundlage für eine Empörung über die Unsinnigkeit der Gendererkenntnisse zu machen.

Kritik muss sein, auch wenn Beifall von falscher Seite droht

Tatsächlich hat die AfD die Abschaffung jeglicher Gender-Forschung zu einem zentralen Punkt ihrer Forschungspolitik gemacht. Das Forschungsziel, Ursachen und Mechanismen zu identifizieren, die grundgesetzlich garantierte Gleichstellung von Mann und Frau behindern (so die Definition des Bundesforschungsministeriums), erscheint der neuen Volkspartei nicht förderwürdig. Beifall von der falschen Seite für Linsday, Pluckrose und Boghossian, die sich selbst als linksliberal bezeichnen und Genderforschung durchaus nicht völlig abschaffen wollen.

Auf akademischer Ebene sehen sich die drei ihrerseits als Opfer von Mobbing. An den Unis mache sich eine Wissenschaft breit, die sich weniger der Suche nach Wahrheit als einer sozialen Agenda widme. „Ihre Vertreter benehmen sich zunehmend wie Bullies, die Studenten und Kollegen aus anderen Fachgebieten ihre Weltsicht aufdrücken.“ Wie solches Mobbing aussehen kann, musste kürzlich der amerikanische Mathematiker Theodore Hill erfahren.

Der komplementäre Fall: Zensur

Der pensionierte Professor hatte in einem Artikel eine rein mathematische Betrachtung entworfen, unter welchen speziellen Umständen die sogenannte Variabilitätshypothese zutreffen könnte. Diese vermutet, dass in der Evolution bestimmte Merkmale der Geschlechter bei gleichem Mittelwert eine unterschiedliche Variationsbreite aufweisen könnten. Weil eine breitere Streuung des IQ unter Männern wiederholt als mögliche, empirisch aber kaum zu beweisende Erklärung für den hohen Männeranteil in Führungspositionen herangezogen wurde, hat das Thema politische Sprengkraft. Das wusste auch Hill, der im Manuskript mehrfach auf den rein modellhaften Charakter seiner Berechnungen hinweist. Nachdem sein Artikel von einem Fachjournal zur Veröffentlichung angenommen wurde, stellte Hill ihn online. Prompt entlud sich ein Shit-storm, und nach zahlreichen Interventionen und Drohungen entschied das „New York Journal of Mathematics“ im November letzten Jahres schließlich, den bereits online publizierten Artikel sang- und klanglos durch einen anderen zu ersetzen – ein ziemlich einzigartiger Vorgang.

Der Fall zeigt, wie schwer es sein kann, in ideologisch vermintem Gebiet überhaupt Wissenschaft zu betreiben. Er zeigt auch: Der dreißigjährige Krieg der Wissenschaften ist noch nicht vorbei. Möge die Macht mit jenen sein, die dabei sachlich bleiben.

Weitere Themen

Topmeldungen

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.