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Zukunftslabor Lindau : Wissenschaftler unter Druck

  • -Aktualisiert am

Hauptsache publizieren: Was macht das mit Forschern und der Wissenschaft? Bild: Picture-Alliance

Eine große Karriere in der Wissenschaft heißt heute auch: strategisch denken. Publizieren um jeden Preis: „Publish or perish“. Das muss sich ändern, fordern vor allem junge Forscher. Erste Ansätze gibt es schon.

          Um sich in der akademischen Forschung behaupten zu können, braucht es mehr als Kreativität, Intelligenz und Durchhaltevermögen. Mindestens ebenso wichtig ist es, sich frühzeitig um eine „maßgeschneiderte“ Veröffentlichung der erzielten Resultate zu kümmern. Denn je mehr Autorschaften den persönlichen Lebenslauf zieren, desto besser sind die Aussichten, eine der rar gesäten Stellen im akademischen Forschungsbetrieb zu ergattern. Der Druck, möglichst viel in möglichst angesehenen Journalen zu publizieren, macht vor allem Nachwuchswissenschaftlern erheblich zu schaffen. Das gilt selbst für jene handverlesene Gruppe von jungen Hoffnungsträgern, die ein Ticket zum diesjährigen Nobelpreisträger-Treffen in Lindau erhalten haben – eine Auszeichnung, die nur einer Minderheit der Antragsteller aus aller Welt zuteilwird.

          „Bis zu meiner Promotion in Innsbruck lief alles rund“, beantwortet der Biologe Lukas Peintner vom Institut für Molekulare Medizin der Universität in Freiburg die Frage, wie er sich im Dschungel des „Publish or perish“ (Veröffentliche oder du gehst unter) zurechtfindet. „Ich konnte damals viele Fachartikel publizieren“, sagt Peintner, „darunter einen als Erstautor. In Freiburg habe ich dann ein großes Projekt begonnen, aber nichts mehr veröffentlicht. Das war strategisch ungeschickt.“ Denn inzwischen würden seine Anträge häufig mit der Begründung abgelehnt, er habe in den letzten drei Jahren nichts publiziert, sagt der Biologe, der den molekularen Wurzeln eines familiär gehäuften Nierenleidens nachspürt. Aus den gleichen Gründen sei es fast unmöglich, wissenschaftliches Neuland zu betreten: „Dann heißt es: Sie können in dem Bereich noch keine Fachartikel vorweisen.“ Er sei daher gezwungen, immer in einem winzig kleinen Fachbereich zu bleiben.

          Zweifelhafte Studien

          Auf eine weitere Schattenseite des Publikationsdrucks kommt Prisca Bauer vom Neuroscience Research Center in Lyon zu sprechen. Demnach verleitet dieser zu Lug und Trug. „Während meiner Zeit als Doktorandin habe ich mehrmals erfolglos versucht, die Ergebnisse eines bekannten Forschungslabors zu replizieren. Irgendwann ist mir dann aufgefallen, dass das Team in allen Artikeln dieselben Daten verwendet hat. Diese waren so konsistent, das konnte gar nicht sein.“

          Was dann geschah, wirft ein Schlaglicht auf den Filz im Publikationswesen: Frau Bauer und ihre Kollegen informierten die Herausgeber der Journale, in denen die fragwürdigen Artikel erschienen waren, über ihre beunruhigenden Entdeckungen. „Die meisten wollten davon aber gar nichts wissen. Denn die Autoren der zweifelhaften Studien waren zum Teil sehr angesehene Professoren“, sagt die junge Frau, die das Bewusstsein bei Meditation oder Hypnose erforscht. „Ein Fachjournal hat unseren Brief dann doch genommen und zusammen mit den Ergebnissen unserer Studie, in der wir die andere Forschergruppe widerlegen, veröffentlicht“, sagt Bauer. Dass das Team seine zweifelhaften Erkenntnisse nie zurückziehen musste, führt die junge Ärztin auf Interessenkonflikte zurück. So unterhielten Wissenschaftsverlage oft enge Bande zu anerkannten Professoren, von denen einige obendrein selbst Herausgeber von Fachjournalen seien.

          Nicht alle Jungforscher empfinden den Publikationsdruck gleichermaßen als belastend. Einige können diesem auch Positives abgewinnen. „Wenn man weiß, dass man die Resultate zu einer stimmigen Geschichte zusammenfügen muss, bleibt man fokussierter und verliert sich nicht so leicht in vielleicht interessanten, aber wenig zielführenden Seitenwegen“, sagt Sandra Malmgren Hill, die am Institute for Medical Research der University of Cambridge, Großbritannien, über neurodegenerative Erkrankungen forscht. Gerade für junge Wissenschaftler sei es zudem enorm motivierend, wenn die eigene Arbeit zu etwas führt. Wie die schwedische Molekularbiologin andererseits einräumt, sollte die Förderwürdigkeit eines Forschers nicht allein von der Länge der Publikationsliste abhängen. Genauso sehr ins Gewicht fallen sollte, ob sich die betreffende Person an der Lehre beteiligt, Doktoranden betreut und anderen Wissenschaftlern hilft. Förderinstitutionen könnten hier eine Vorreiterrolle spielen, indem sie weniger auf geniale Einzelkämpfer setzen als vielmehr auf Forscher, die mit ihrem Beitrag die wissenschaftliche Gemeinschaft unterstützen und die Wissenschaft als solche voranbringen.

          Mehr Transparenz durch Vorabdrucke

          Und wie könnte ein ideales Publikationswesen aussehen? Eines, das den Nachwuchs nicht nur fordert, sondern zugleich auch fördert und Schummeleien erschwert? Viele Jungforscher würden es begrüßen, wenn sie ihre Resultate vor Einreichung an ein Journal einem breiten Fachpublikum vorstellen könnten, um möglichst viel konstruktives Feedback zu erhalten. In der Physik seit langem etabliert, gewinnen solche internetbasierten Vorabdrucke (Preprints) auch in den Lebenswissenschaften zunehmend an Boden. Sascha Marx, Neurochirurg an der Universitätsmedizin in Greifswald, schätzt an Preprints wie bioRxiv vor allem die transparente Evaluation: „Bei den Fachjournalen bleiben die Namen der Gutachter dagegen geheim. Handelt es sich um Konkurrenten oder um Personen, die etwas gegen meinen Chef haben, kann sich das negativ auf die Beurteilung auswirken.“ Ein Vorteil der offenen Plattformen sei auch, dass der Beitrag des Einzelnen deutlicher zutage trete. „Nur wer im Thema richtig drin ist, kann kritische Fragen sachkundig beantworten“, sagt er.

          Dem Chemie-Nobelpreisträger Randy Schekman gehen die Preprints dagegen noch nicht weit genug. Der amerikanische Biochemiker träumt stattdessen von einer Welt, in der alle Forscher ihre Ergebnisse frei einsehbar ins Internet stellen können und die Verlage, wenn überhaupt, nur noch Übersichtsartikel veröffentlichen. Denn ihn störe es, sagt der Laureat, dass die „glamourösen Journale“ derzeit bestimmten, was veröffentlicht werde und was nicht.

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