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Öko und Wissenschaft : Genwende im grünen Gewand

Reis und Genreis, beides gezüchtet. Der Vitamin-A-reiche „Golden Rice“ (r.) wird von Ökobewegten oft als Trojanisches Pferd der Agrarlobby gebrandmarkt. Bild: Reuters

Ökobauern und Gentechnik – geht das bald zusammen? Noch nicht, aber die Grünen haben einen wegweisenden Schwenk probiert.

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          Die Dauergespräche, die von allen Seiten der Gesellschaft derzeit mit der Wissenschaft geführt werden, hinterlassen inzwischen Spuren. Speziell in der Politik. Ironischerweise dürften die Antiaufklärer auf der Straße, die Corona als Weltverschwörung zelebrieren, ihren Anteil daran haben. Ihre pseudo- und parawissenschaftlichen Attacken werfen auf alle Realitätsverweigerer ein schräges Licht, und davon darf sich auch jener Teil von Bündnis 90/Die Grünen nicht ausnehmen, der die alte Front gegen die Gentechnik auch in den neuen Grundlinien der Partei verankert sehen wollte.

          Gentechnik, nein danke, aber Homöopathie sehr gerne – diese ausschließlich weltanschauliche Haltung ist, wenn man gleichzeitig in der Klimadebatte den Argumenten der empirischen Naturwissenschaften höchste Priorität einräumt, vor allem jungen Gebildeten längst nicht mehr vermittelbar. Zu viele Ideen der Wissenschaften wurden schon mit den Füßen der Ideologen getreten.

          Keine Rosinenpickerei mehr mit der Wissenschaft

          In der Corona-Diskurs jedenfalls ertappt sich jetzt mancher selbst auf seinem Holzweg. Die Grünen akzeptieren nun nicht nur Genforschung per se, sie geben auch ihre Forderungen nach Anbauverboten genveränderter Nutzpflanzen auf, weil solche Sorten irgendwann vielleicht die letzte Antwort auf die Ernährungsfrage unter Klimawandelbedingungen werden könnten. Und den Abstimmungsergebnissen nach zu schließen, sah auf dem Digital-Parteitag ein Drittel grundsätzlich die Möglichkeit, mit Werkzeugen wie der mit dem Chemie-Nobelpreis gewürdigten Crispr/Cas-Technik den Umbau zu einer nachhaltigeren – vor allem naturfreundlicheren – Landwirtschaft zu betreiben.

          Keine Rosinenpickerei mehr mit der Wissenschaft, diese Forderung einer der Initiatoren der Gegenbewegung, Dorothea Kaufmann, fruchtet. Das ist mehr als ein politstrategischer Schwenk zur Mitte hin, es ist eine intellektuelle Reifeprüfung. Es enthält das Eingeständnis, dass man Wissenschaft nicht mehr länger als Interessenverband sehen und Genforschung mit Agrarlobby gleichsetzen will, sondern als das akzeptiert, was sie ist: zuvorderst ein offener Prozess, der für die Gesellschaft Zusammenhänge nachvollziehbar herstellt (auch Risiken offen legt), der Fortschritt möglich und für jeden einsehbar macht. Politisch muss da nichts zurechtgebogen werden, auch nicht mit den besten Absichten.

          Joachim Müller-Jung
          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

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