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Deutsche Wissenschaftselite : Frauen sind nur beim Zweifeln in der Mehrheit

  • -Aktualisiert am

Das Geschlecht wird in der Medizin immer wichtiger. Bild: dpa

Alles ist gut, solange du jung bist: Eine Bestandsaufnahme von Frauenkarrieren im Forschungsland der grauen Anzüge.

          3 Min.

          Manche halten die Äußerungen des britischen Medizin-Nobelpreisträgers Tim Hunt zur Rolle von Frauen im Labor - „Du verliebst dich in sie, sie verlieben sich in dich und wenn du sie kritisierst, fangen sie an zu heulen“ - für einen misslungenen, letztlich aber verzeihlichen Scherz. Andere sehen darin das Symptom einer tieferen Krankheit des Wissenschaftsbetriebs, nämlich einer systematischen Benachteiligung von Frauen. Die Kurzdiagnose lautet oft: Es herrscht ein Sexismus, der verhindert, dass Frauen sich wissenschaftlich voll entfalten und in Führungspositionen kommen können, um am Ende das Betriebsklima von oben her zu beeinflussen.

          Hunt hat seine Rede auf dem Weltkongress für Wissenschaftsjournalismus in Korea alle Ämter gekostet - eine harte Strafe für einen 72 Jahre alten Wissenschaftler, der von sich selbst sagt, er habe sich an seinen Wirkstätten stets um die Förderung von Frauen bemüht, und der mit einer renommierten Forscherin verheiratet ist.

          Und wie sieht es nun im Forschungsland Deutschland abseits der von sozialen Medien verstärkten Erregungswellen aus, die den Eindruck vermitteln könnten, es wimmle gerade unter den Männern nur so von Feministen? Bei den Jahrestagungen und Festakten der Wissenschaft wimmelt es nur so von grauen Anzügen, die sich gegenseitig auf die Schulter klopfen. Wenn sich die Präsidenten der fünf großen deutschen Forschungsorganisationen - DFG, Max-Planck-Gesellschaft, Leibniz-Gemeinschaft, Fraunhofer-Gesellschaft und Helmholtz-Gemeinschaft - versammeln, kommen fünf Träger von Y-Chromosomen zusammen.

          In jüngster Zeit hätte es einige Gelegenheiten gegeben, dass erstmals eine Frau in den Kreis der einflussreichen, jährlich mehr als neun Milliarden Euro schweren Forschungspräsidenten stößt, doch dazu ist es nicht gekommen. Stattdessen werden munter untereinander die Stühle getauscht, wenn etwa Matthias Kleiner vom Spitzenamt der DFG nach kurzer Pause auf den Präsidentenposten der Leibniz-Gemeinschaft rückt. Ganz oben in den Hierarchien hat die deutsche Wissenschaft durchaus etwas Männerbündisches, auch wenn obendrüber seit 1998 jeweils Frauen als zuständige Bundesforschungsministerinnen stehen. Doch von unten her ändert sich etwas, und dazu hat auch mancher Träger grauer Anzüge beigetragen. Bei den Forschungsgruppenleitern der Max-Planck-Gesellschaft ist der Frauenanteil von 12 Prozent im Jahr 2000 auf heute 31 Prozent gestiegen. Die Leibniz-Gemeinschaft hat unter den Wissenschaftlerinnen ab Doktorandenniveau einen Frauenanteil von 42 Prozent, und die Helmholtz-Gemeinschaft hat allein zwischen 2009 und 2014 exakt 2270 Wissenschaftlerinnen angestellt, womit deren Gesamtanteil von 22 auf 29 Prozent stieg. Helmholtz kann auch damit punkten, dass im Juni mit der Astrobiologin Pascale Ehrenfreund erstmals eine Frau an die Spitze des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) rückt. 2014 wurde in der größten deutschen Forschungsorganisation jede dritte W3-Position mit einer Frau besetzt. Bei der Fraunhofer-Gesellschaft entspricht der Anteil der neu angestellten Frauen denen der Absolventinnen in technisch-naturwissenschaftlichen Fächern. Bei den Ingenieuren liegt er sogar mit 27 Prozent deutlich darüber.

          Wurde Chefin des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR): Pascale Ehrenfreund.

          Die Gemeinsame Wissenschaftskonferenz von Bund und Ländern (GWK) sieht in ihrem Monitoringbericht zum Pakt für Forschung einen insgesamt positiven Trend: Waren 2005 erst 14 Prozent der Führungspositionen in der Wissenschaft mit Frauen besetzt, waren es 2013 bereits 27 Prozent. Es lässt sich aber genauso eine Kehrseite formulieren. Die Max-Planck-Gesellschaft spricht selbst von einer „leckenden Pipeline“: Je weiter man nach oben kommt, desto weniger Frauen sind stets anzutreffen. Waren 1990 von 199 Max-Planck-Direktoren genau zwei weiblich, sind es heute auch nur 32 von 291. Ist es ein Erfolg, wenn bei Helmholtz von 36 Zentrenvorständen neun Frauen sind und sich bei Fraunhofer unter 79 Institutsleitern drei Frauen befinden? Die Organisationen verweisen auf das mit der GWK vereinbarte „Kaskadenmodell“, das für einen steigenden Anteil von Frauen sorgen soll. Einen Kulturwandel fordert die Ministerkonferenz. Denn Chancengleichheit fängt mit adäquaten Berufungen erst an: Entscheidend ist der Alltag im Büro oder Labor - auf den bezog sich ja auch Hunts Äußerung.

          Jede Organisation hat eigene Initiativen, die diesen Alltag verbessern sollen und zum Beispiel Mentoring und Karriereplanung umfassen. „Talenta“ heißt das entsprechende Programm bei Fraunhofer, „Minerva-FemmNet“ bei Max-Planck. Doch der Weg bis zu umfassender Chancengleichheit ist noch lang, wie eine aktuelle Erhebung unter Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern an Max-Planck-Instituten zeigt, deren Ergebnisse die Organisationsforscherin Martina Schraudner im Auftrag der Gesellschaft im Juni vorgelegt hat.

          Jede zweite Frau wünscht sich an ihrem Max-Planck-Institut stärkeres Engagement für Chancengleichheit, fast jede vierte glaubt, sie habe bei der Neubesetzung von Stellen wegen ihres Geschlechts schlechtere Chancen. Beklagt wird auch, dass „organisatorische Aufgaben (wie Konferenzorganisation), die tendenziell mit weniger Reputation verbunden sind, hauptsächlich an Frauen vergeben werden“. Bessere Kinderbetreuung und flexiblere Arbeitszeiten stehen auf der Wunschliste oben. Die Studie zeigt: Drei Viertel der Männer glauben, dass bereits genug für Chancengleichheit getan wird. Nur die Hälfte der Frauen sieht das so. Die Antworten klaffen auch bei einem Thema auseinander, das für das Vorankommen in dem von Leistungsdruck und Vergleich geprägten Umfeld enorm wichtig ist: Auf die Frage, ob sie wiederkehrend Zweifel an den eigenen wissenschaftlichen Fähigkeiten plagten, antwortete nur gut die Hälfte der Männer mit Ja, aber zwei Drittel der Frauen.

          Mit einer Geste um die Welt „Hunts Verhalten war nicht in Ordnung. Aber er hat einen Witz gemacht, vor dem falschen Publikum. In jedem Labor herrscht ein intensives Klima. Es gibt Freundschaft, Wettkampf, und es entstehen Ehen.“ Peter C. Doherty, Medizin-Nobelpreisträger

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