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Gentherapie und Plastikraupen : Der Sommer der Blütenträume

Genreparatur im Zuge der künstlichen Befruchtung: Eine Option für die Behandlung schwerer familiärer Leiden? Bild: dpa

Gehypte Forschung: Neue Fragezeichen hinter selbstheilenden Gentechnik-Embryos und plastikfressenden Raupen zeigen einmal mehr: Der Zweifel ist der Vorhof zum Tempel.

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          Auf Instagram werden, wen wundert’s, von Schönheitschirurgen besonders viele Fotos gepostet. Je schriller, desto gefragter. Allerdings stammt nur einer von fünf Posts von plastischen und ästhetischen Chirurgen, die diese Berufsbezeichnung auch verdienen, von solchen mit einem ordentlichen Zertifikat. Die Biomedizin hat ein ganz ähnliches Problem. Der Schwarzmarkt, der vom Stammzelltourismus inzwischen lebt und auch nicht davor zurückschreckt, todkranke Menschen auszubeuten, wächst dramatisch weiter. Die Weltgesundheitsorganisation hat diese Woche eine beschwörende Note an die Länder verschickt mit dem Inhalt: Stoppt endlich die Scharlatane.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Und auch das Beispiel des amerikanischen Start-up-Unternehmens Homology Medicine kann zeigen, wie das, was als „hot topic“ aus dem Wissenschaftsbetrieb in den freien Markt sickert, eine geradezu frivole Nachfrage erzeugt. 127 Millionen Euro hat die kleine, von Genforschern gegründete Firma am Kapitalmarkt in kürzester Zeit an Land gezogen, und das allein mit der Behauptung, die revolutionäre „Crispr-Cas“-Technologie seinerseits in den Schatten zu stellen. Ihr Instrument: Viren, die ins Erbgut eingeschleust werden und defekte Erbanlagen durch einen hochpräzisen Genaustausch, eine homologe Rekombination, ersetzen. „Selbstheilung“ ist das Zauberwort. Tatsächlich gibt es das durchaus. In den neunziger Jahren bereits waren Viren, die einen Austausch zwischen den jeweiligen elterlichen Genomabschnitten im Zellkern hervorrufen, nachgewiesen worden. Allerdings passiert das bei gewöhnlichen Zellteilungen nur in einer von tausend Zellen. Mit neuen Viren will man das Verfahren jetzt bis zur Technikreife entwickelt haben. Der eindeutige Nachweis fehlt zwar bisher, aber die in der Forscherszene herrschenden Zweifel sind unter dem Eindruck des Booms, der durch die Genchirurgie mit Crispr-Cas ausgelöst worden ist, wie weggeblasen in der Investorenszene. Hier wird auf die Zukunft gewettet und gerne spekuliert. In der „Hype-Pipeline“, so der Wissenschaftssoziologe Timothy Caulfield, gibt es vor allem Interessen, weniger Zweifel. Wie viel Verantwortung aber trägt dafür die Wissenschaft, quasi als Wegbereiter?

          Zweifel als Triebfeder der Wissenschaft

          Zweifellos ist Marketing mittlerweile jederzeit auch Teil ihres Geschäfts. Die Möglichkeiten, aber eben auch die Notwendigkeit, auf sich aufmerksam zu machen, sind heute gewaltig, ob es um die Öffentlichkeit geht oder das Werben um Fördermittel. Trotzdem lebt der gesunde Zweifel, lebt das, was schon Teilhard de Chardin als die Lebensversicherung für den Neugierbetrieb angesehen hat: „Der Zweifel ist der Beginn der Wissenschaft. Wer nichts anzweifelt, prüft nichts. Wer nichts prüft, entdeckt nichts. Wer nichts entdeckt, ist blind und bleibt blind.“

          In diesem Sinne ist uns in den vergangenen Wochen mustergültig vorgeführt worden, wie gesunde wissenschaftliche Skepsis funktioniert. Die Vorlage für das erste Beispiel hatten spanische Umweltforscher geliefert, die vor Wochen mit einem Bericht über plastikfressende Wachsmotten weltweit für Furore sorgten. Die Larven sollen im Labor Polyethylen-Plastiktüten regelrecht verdaut und damit unschädlich gemacht haben. Eine Sensation – wenn es zutrifft. Die Messung von Ethylenglykol, das nach der Behandlung mit zermanschten Raupen als Abbauprodukt des Plastiks spektroskopisch nachgewiesen wurde, reichte den Gutachtern für den biochemischen Abbau. Einem Chemiker-Team um Till Opatz von der Universität Mainz nicht. Sie haben jetzt in der Zeitschrift „Current Biology“, demselben Journal, das die spanischen Ergebnisse publizierte, auf entscheidende Lücken in der chemischen Beweisführung hingewiesen. Möglicherweise haben die Raupen den Kunststoff gar nicht chemisch verdaut, sondern schlicht nur zerkleinert. Denn was als Abbauprodukte der Plastiktüten gemessen worden war, könnte, so zeigen die Mainzer Forscher anhand ähnlicher spektroskopischer Signale, eine Protein-Fett-Mischung gewesen sein – die homogenisierten Larvenleiber also.

          Zu schön um wahr zu sein? Die plastikfressende Raupe wurde in diesem Sommer als wissenschaftliche Sensation verkauft.

          Das spanische Team um Paolo Bombelli von der Universität Santander beharrte in der Antwort im selben Heft zwar auf der Möglichkeit der biochemischen Zersetzung des Plastiks, weil auch schon andere Forscher Hinweise zu plastikfressenden Raupen gesammelt hatten. Die Lücken in ihrem Nachweis aber waren nicht mehr zu leugnen.

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