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Wissenschafts-Bias : Im Alphabet vorne forscht es sich besser

Die Namensliste der Atlas-Collaboration (Ausschnitt) Bild: Screenshot

Wissenschaftlicher Erfolg wird in der Anzahl von Zitationen bemessen. Doch diese hängt keineswegs nur von der Qualität der Arbeit ab. Eine Glosse.

          Wissenschaftlicher Erfolg ist ein kompliziertes Projekt. Naiv möchte man annehmen, er hänge vor allem an der Qualität der eigenen Forschung. Der geniale Geist findet seinen Weg nach oben schon ganz von selbst, wenn er nur fleißig ist und die Ergebnisse stimmen. In dieser einfachen Welt spiegeln sich Fleiß und Qualität in Zitationszahlen, und schon ist Erfolg leicht quantifizierbar. Dass die Dinge so simpel nicht sind, ist heute allgemein bekannt.

          Sibylle Anderl

          Redakteurin im Feuilleton.

          Nicht zuletzt die Möglichkeit, große wissenschaftliche Publikationsdatenbanken systematisch zu durchforsten, hat allerlei potentielle Störfaktoren für die Engführung von Zitationen und Publikationsqualität aufgedeckt: Ruhm heimsen in Kollaborationen demnach vor allem diejenigen ein, die schon erfolgreich sind, bereits oft zitierte Artikel werden sehr wahrscheinlich noch mehr zitiert, und größere Forschungsgruppen erregen mehr Aufmerksamkeit als kleine.

          Die Psychologen Jeffrey Stevens und Juan Duque von der University of Nebraska-Lincoln haben nun einen weiteren Verzerrungseffekt enthüllt: Wenn im Text Arbeiten mehrerer Autoren zitiert werden – (Bauer 1989, Ludwig 1970, Meyer 2001) –, dann werden die, die ganz vorne stehen, bevorzugt auch von anderen zitiert. In Disziplinen, die im Text eine alphabetische Ordnung der Zitierten vorsehen, sind das also systematisch diejenigen mit günstiger Position des Nachnamens im Alphabet. Stevens und Duque demonstrieren dieses Problem für die Psychologie. Sie unterscheide sich damit von chronologisch oder numerisch ordnenden Gebieten wie der Biologie oder den Geowissenschaften, bei denen entsprechend kein Einfluss des Autorennamens auf den Erfolg der Artikel zu beobachten sei.

          Die Wichtigkeit der geschickten Positionierung der eigenen Forschung haben indes andere Disziplinen schon lange erkannt. Täglich werden neue astrophysikalische Veröffentlichungen auf dem Preprint-Server arXiv gelistet. Für Astrophysiker weltweit beginnt der Tag mit der Lektüre dieser Liste. 2007 widmete sich eine Studie dem Phänomen, dass sich Autoren per sekundengenauer Einreichung ihrer Studien die oberen Listenplätze systematisch zu erkämpfen scheinen. Die Belohnung: im Durchschnitt die doppelte Anzahl von Zitationen. Ob Psychologen sich bereits gezielt im Alphabet nach vorne heiraten, ist dagegen nicht bekannt.

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