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Forschung zum Mitmachen : Aus großer, lebenslanger Freude

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Auch Jüngere können mitforschen: Wettbewerb „Jugend forscht“ für wissenschaftlich interessierte Jugendliche bis 21 Jahre
Auch Jüngere können mitforschen: Wettbewerb „Jugend forscht“ für wissenschaftlich interessierte Jugendliche bis 21 Jahre : Bild: Röth, Frank

Eines der ersten solchen Astronomieprojekte mit aktiver Bürgerbeteiligung war „Stardust@home“. Hier ruft die Nasa seit 2006 dazu auf, extrem vergrößerte Aufnahmen von mit Spezialgel beschichteten Sensoren der Stardust-Sonde nach Spuren von Sternenstaub zu durchsuchen. Dadurch inspiriert, konzipierte der Astrophysiker Chris Lintott von der Universität Oxford wenig später Galaxy Zoo. Die Resonanz war so durchschlagend und die Ergebnisse so brauchbar, dass es inzwischen zahlreiche ebenfalls von Lintott gemanagte „Zooniverse“-Projekte und noch mehr nach ähnlichem Prinzip arbeitende andere Initiativen weltweit gibt.

Die heißen im Bereich Astronomie etwa „Galaxy Zoo 2“, „Galaxy Zoo Hubble“, „Planet Hunter“ oder „Planet Four“. Bei Letzterem, gestartet am 8. Januar dieses Jahres, werden Detailfotos aus der Südpolarregion des Mars ausgewertet. Ähnlich ist der Ansatz bei „Seafloor Explorer“, dessen Bilder allerdings vom Grund der Tiefsee anstatt von der Marsoberfläche stammen. Und bei Projekten wie „Nature’s Notebook“ geht es um Zusammenhänge zwischen Klima und Naturphänomenen.

Die Teilnehmerzahlen können dort, wo kein Spezialwissen nötig ist und offenbar viele Leute Lust auf so etwas haben, in die Hunderttausende gehen. Zooniverse insgesamt zum Beispiel hat derzeit etwa 800.000 Mitglieder. Reichlich Expertise ist dagegen für „herbaria@home“ nötig, wo Hobbybotaniker Fotos von Herbarien aus allen möglichen britischen Museen, Archiven und Privatsammlungen durchforsten und soweit möglich die gepressten Pflanzen bestimmen. Hier liegt die Teilnehmerzahl insgesamt gerade einmal bei um die 400, dafür dürfte aber der Nutzen jedes einzelnen Beitrages besonders hoch sein.

„Citizen Science aufwerten“

Für andere Varianten von Bürgerforschung muss man den Platz am Schreibtisch und vor dem Rechner verlassen. Aquarianer in Deutschland etwa kümmern sich inzwischen systematisch um den Erhalt seltener südasiatischer Fischarten. Ein Klassiker ist auch die „Stunde der Gartenvögel“ des Naturschutzbundes, bei der Hobby-Ornithologen zu einem landesweit festgelegten Datum alle Vogelarten im eigenen Garten dokumentieren. Die Daten, die sie liefern, sind zwar im Einzelfall nicht unbedingt hundertprozentig genau, denn ein Sperling etwa wird gerne einmal mit einer Heckenbraunelle verwechselt.

Doch in ihrer schieren Masse und geographischen Verteilung sind sie trotzdem extrem wertvoll und wären mit anderen Mitteln niemals zu erheben. Nicht nur wegen der möglichen Fehleranfälligkeit äußern sich allerdings Berufswissenschaftler gelegentlich wenig schmeichelhaft über Bürgerforscher. So sagte etwa David Weinberger vom Berkman Center for the Internet and Society in Harvard der New York Times, „diese Leute“ seien nichts anderes als „wissenschaftliche Instrumente“. Den emeritierten Bielefelder und Witten-Herdecker Wissenschaftstheoretiker Peter Finke ärgern solche Einschätzungen.

Für ihn sind Menschen wie Irmgard Sonneborn Gegenbeweis genug. Zudem ist ihm die Bildungs- und Forschungspolitik in Deutschland „viel zu einseitig auf Spezialwissen, Elite und Exzellenz ausgerichtet“. Man müsse parallel dazu die „Citizen Science aufwerten, sich klar werden, was da möglich ist, und gleichzeitig dafür sorgen, dass dort verantwortlich gehandelt wird“, sagt Finke. Sich über Letzteres Gedanken zu machen, dazu gibt es in jüngster Zeit zunehmend Anlass. In den vergangenen Jahren haben in Nordamerika und Europa Amateure damit begonnen, sich in privaten oder Gemeinschaftslaboren an Biotech, Genanalyse und Gentechnik zu versuchen.

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