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Forschung : Alternativlose Tierversuche

Ein Rhesusaffe sitzt im Freigehege am Institut für Hirnforschung in Frankfurt Bild: Frank Röth

Viele Menschen fragen sich, ob die Versuche an Tieren noch sein müssen. Tatsächlich löst sich das asymmetrische Verhältnis von Mensch und Tier auf. Doch ein Forschungsverzicht würde vor allem die Solidarität mit anderen Menschen in Frage stellen. Ein Kommentar.

          3 Min.

          Müssen Tierversuche wirklich sein? So kann man fragen. Man kann die Frage aber auch so stellen, wie sie von einigen der mehr als 1,2 Millionen Unterzeichner gemeint sein dürfte, die in einer EU-Bürgerinitiative die Zulässigkeit von Tierversuchen bezweifeln: Ist es unserer aufgeklärten, vielfach begünstigten, aber eben auch ethisch hochgradig sensibilisierten Kultur noch angemessen, Tiere ausschließlich fremdnützig, also für den Fortschritt des menschlichen Wohlergehens, einzusetzen?

          Es ist kaum anzunehmen, dass das Europäische Parlament an diesem Montag die geltende Richtlinie in den Boden stampfen wird, die Tierexperimente prinzipiell ermöglicht. Eine ethische Wende ist nicht in Sicht. Doch genau darauf arbeiten jene Tierschützer hin, die für sich moralische Positionen in Anspruch nehmen, die in den siebziger Jahren durch den Australier Peter Singer mit seiner Streitschrift „Die Befreiung der Tiere“ philosophisch salonfähig wurden.

          Tiere werden vermenschlicht

          Das traditionell asymmetrische Verhältnis von Mensch und Tier, das Singer radikal in Frage stellte, ist keine Gewissheit mehr. Das wird am deutlichsten im Umgang mit den uns am nächsten stehenden Kreaturen, besonders mit Affen. Wann waren wir moralisch betrachtet unseren biologischen Verwandten jemals näher? Für Kant, Aristoteles und frühe christliche Theologen war allein der Mensch schützenswert. In den sozialen Medien heute sind Tiere die Helden, sie werden vermenschlicht, wer sie quält, muss nicht nur die Facebookmeute fürchten, sondern auch den Staat.

          Die Empathiewelle trägt die Tierschutzbewegung weiter. Dass allerdings ein Teil von ihr nun ausgerechnet zur Hatz auf Wissenschaftler bläst, die mit Tieren in der biologischen Grundlagenforschung experimentieren, etwa für die Entwicklung von Arzneimitteln, ist moralisch nicht mehr zu begründen. Das lässt sich an dem Fall Nikos Logothetis, der die Öffentlichkeit seit Tagen beschäftigt, anschaulich zeigen. Nach Drohmails und Schmähplakaten, Morddrohungen am Telefon und monatelangen Beschimpfungen hat der Tübinger Hirnforscher angekündigt, seine wissenschaftlich gerühmten, fast beispiellosen Versuche an Rhesusaffen nach Beendigung der laufenden Experimente einzustellen. Der Forscher gibt auf, und das keineswegs, wie es die baden-württembergische Tierschutzbeauftragte perfiderweise glauben machen will, weil es Ersatz für die Tierversuche geben könnte, sondern weil Logothetis seelisch und körperlich fertiggemacht wurde.

          Das fing an, als radikale Tierschützer einen ihrer Leute als vermeintlichen Tierpfleger in den Stall des Tübinger Max-Planck-Instituts einschleusten und anschließend Videoaufnahmen veröffentlichten. Diese haben sich in ihrer Genese wie ihrer Deutung als fragwürdig erwiesen, genügten aber der Staatsanwaltschaft als Ausgangspunkt von Ermittlungen.

          Um konkrete Tierquälerei geht es jedoch kaum noch. Logothetis ist das berühmte Exempel. Was unter den Tisch fällt: Kein Stall in diesem Land, schon gar nicht die Käfige von Kaninchen- oder Geflügelzüchtern, wird so penibel überwacht und mit unangemeldeten Kontrollen geprüft wie die der Labors. Selbst wenn es einzelne Mängel gibt, sie werden von den massenhaften, ungeregelten, überflüssigen Missständen außerhalb der Labore in den Schatten gestellt. Wer heute mit Tieren, mit Affen gar, experimentieren möchte, der muss in epischer Breite Motive, Ziele und auch die konkreten Umstände der Tierhaltung erläutern. Es muss ethisch begründet werden, warum der erhoffte Erkenntnisgewinn nur mit diesem speziellen Tierversuch möglich ist – er muss „alternativlos“ sein, wie die Kanzlerin sagen würde, wenn sie sich als Wissenschaftlerin einmal zu dieser Frage äußern würde.

          Qualen müssen vermieden werden

          Was die Affenversuche von Logothetis alternativlos gemacht, was die deutsche Forschung mit an die Spitze der Kognitionsforschung weltweit gebracht hat, lässt sich an einem Projekt zeigen, das keineswegs nur Parkinsonpatienten oder Krebskranke berührt: Zehn Millionen Menschen werden jedes Jahr allein in unserem Land operiert und in Vollnarkose versetzt. Bis heute weiß man weder, wie Bewusstsein ausgeschaltet wird, noch, wie es kommt, dass viele Patienten nach einer solchen Operation zuweilen monatelang an Gedächtnisproblemen leiden. Wahrnehmungsforschung an Ratten wäre hier völlig aussichtslos. Die Teile des Großhirns, die an solchen Bewusstseinsprozessen beteiligt sind, gibt es bei Nagern nicht.

          Zu den fundamentalen Normen der Forschung muss auch in einer satisfaktionsfähigen Kultur wie der heutigen das zählen, was der Hirnforscher Ernst Pöppel die „zwingende Komplementarität“ von Tier- und Menschenversuchen nennt. Es geht um Solidarität, die durch Forschungsverzicht in Frage gestellt würde. Anders gesagt: Experimentelle Elektroden im Gehirn von Affen können genauso sinnvoll sein wie therapeutische Elektroden, die die Beschwerden von mittlerweile Tausenden Parkinsonkranken oder Schwerstdepressiven lindern. Entscheidend ist: Qualen müssen vermieden werden. Dass dieses Motiv alle teilen, dringt in dem martialischen Kreuzzug der Tierschützer gegen Forscher leider nicht mehr durch.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

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