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Soziale Systeme : Bildungsgleich gesellt sich gern

Paare kommen immer häufiger aus bildungsgleichen Schichten. Bild: dapd

Die Einkommensungleichheit in Deutschland hat in den vergangenen Jahrzehnten zugenommen. Die Ursachen dafür sind nur schwer zu erfassen. Ein neuer Verdacht macht sich nun breit: Ist die Emanzipation daran schuld, dass Menschen unterschiedlich viel verdienen?

          Zu den öffentlichen Gewissheiten gehört es derzeit, dass in Deutschland die Einkommensungleichheit in den vergangenen Jahrzehnten zugenommen habe. Die Armuts- und Reichtumsberichte der Bundesregierung bestätigen dieses Bild teilweise. Sie stellen eine zunehmende Ungleichheit seit den siebziger Jahren fest, konstatieren aber seit 2005 eine leichte Umkehr dieses Trends. Worauf der Trend selbst beruht, ist umstritten.

          Eine interessante Deutung macht einerseits Bildung und andererseits Heirats- und Paarbildungsmuster dafür verantwortlich. Das Argument vollzieht sich in drei Schritten. Erstens: Seit den sechziger Jahren ist es zu immer größerer Bildungsbeteiligung gekommen; mehr Leute machen Abitur, mehr studieren. Das gilt insbesondere für Frauen. Von 1985 bis 2011 beispielsweise ist der Anteil der Frauen, die einen Hochschulabschluss besitzen, von neun auf neunzehn Prozent gestiegen. Im selben Zeitraum stieg dieser Wert bei den Männern aber nur um gut sieben Prozent, so dass zwar nach wie vor mehr Männer einen hohen Abschluss haben, aber die Bildungsverteilung sich allmählich ausgleicht.

          Zweiter Schritt: Paare finden sich zunehmend in Bildungskontexten. Wer zusammenlebt, hat sich häufig in den Schulen, den Universitäten oder in beruflichen Zusammenhängen kennengelernt, in denen ebenfalls Bildungsgleiche zusammentreffen. Der Bildungsaufstieg der Frauen sorgt mithin dafür, dass Partnerschaften mit großen Bildungsunterschieden seltener werden. Es gibt, so die Schlussfolgerung, einen Trend zur Homogamie.

          Immer häufiger Doppel-Verdiener Haushalte

          Dritter Schritt: Der Wandel von bildungsungleichen zu mehr bildungsgleichen Haushalten hat Einkommenseffekte. Denn wo bislang der Fall verbreitet war, dass sich ein hohes Einkommen des Mannes mit einem niedrigen oder gar keinem der Frau kombinierte, haben wir es inzwischen immer öfter mit Doppelverdiener-Haushalten zu tun, in denen beide aufgrund ihrer hohen Bildung gut verdienen. Die steigende Ungleichheit der Haushaltseinkommen wäre dann, so gesehen, ein Resultat von weiblicher Aufwärtsmobilität im Bildungssystem.

          Das klingt einleuchtend, aber stimmt es auch? Die Kölner Soziologen Hans-Jürgen Andreß und Martin Spitzenpfeil schütteln den Kopf. Sie haben auf der Grundlage von Daten des „Sozioökonomischen Panels“, einer repräsentativen Haushaltsbefragung, für Westdeutschland nachgerechnet und kommen zu ganz anderen Schlüssen. Zunächst halten sie fest, dass von einem allgemeinen Trend zunehmender Ähnlichkeit der Partner in Haushalten nicht die Rede sein kann. Was tatsächlich stark zugenommen hat, ist der Anteil der Haushalte, in denen beide studiert haben. Dafür aber gibt es auch viel weniger Paare, in denen beide einen niedrigen Abschluss (keine Lehre, kein Abitur) besitzen. Insgesamt ist der Anteil der homogamen Haushalte über dreißig Jahre hinweg relativ konstant. Er liegt bei etwas weniger als der Hälfte aller Haushalte.

          Zahl der Frauen mit niedrigem Bildungsniveau stark rückläufig

          Die steigende Einkommensungleichheit durch hochgebildete Doppelverdiener wurde mithin kompensiert durch eine Abnahme der Anzahl von Haushalten mit niedrig gebildetem weiblichem Partner. Die Zahl der Frauen mit niedrigem Bildungsniveau ist überhaupt die am stärksten rückläufige Größe: Zwischen 1985 und 2011 ist ihr Anteil von 43 Prozent auf 22 Prozent aller Frauen zurückgegangen.

          Was ebenfalls - und teils als Folge davon - zurückgegangen ist, ist der Anteil der nur niedrig gebildeten Singles (alleinerziehend oder ohne Kinder). Da die Gruppe der Singles insgesamt aber gewachsen ist - und zwar um vier Prozent bei den Frauen und um fünf Prozent bei den Männern -, wirkt auch diese Entwicklung in Richtung Einkommensgleichheit.

          Die Kölner Soziologen haben auch durchgerechnet, ob es zu größerer Einkommensgleichheit gekommen wäre, wenn sich die Paarbildungsmuster und das Bildungsverhalten seit den achtziger Jahren nicht geändert hätten. Hier heißt es ebenfalls: Fehlanzeige. Die Hypothese, dass die Emanzipation der Frau zusammen mit einer „sozialen Schließung“ des Paarbildungsverhaltens dafür verantwortlich ist, dass die Haushaltseinkommen ungleicher geworden sind, kann, so die Autoren, als widerlegt gelten. Man möchte ergänzen: Zurück zu Thomas Piketty, es muss andere Gründe für die Ungleichheit geben.

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