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Soziale Systeme : Doktortitel für alle

Ohne Doktortitel geht nichts. Bild: dpa

In Deutschland erwerben 25.000 Personen jährlich einen Doktortitel. Das liegt an der Höherstufung der Ausbildungen und der wachsenden Professionalisierung. Denn in immer mehr Berufen geht nichts ohne akademische Ausbildung.

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          In Deutschland erwerben jedes Jahr etwa 25.000 Personen einen Doktortitel. Allein 8000 davon sind Mediziner. Es liegt auf der Hand, dass nur die wenigsten von ihnen anschließend in der Wissenschaft tätig sind. Das gilt auch für die anderen Berufsgruppen, die weit vorne bei den Doktortiteln liegen: Juristen und Betriebswirte. Weshalb sie gerne promovieren, ist ebenfalls nicht schwer zu sagen. Der Titel schmückt, er hilft bei der Karriere und wirkt auf Kunden.

          Doch wieso lässt sich ihrerseits die Universität darauf ein? Immerhin sind solche Verfahren nicht unaufwendig. Und warum haben Doktortitel auf Patienten, Klienten und Vorgesetzte eine solche Wirkung? Für eine Antwort auf diese Fragen ist es hilfreich zu sehen, dass das ganze moderne Bildungssystem von einer ständigen Höherstufung aller Ausbildungen bestimmt ist.

          Es werden insbesondere seit den sechziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts immer mehr Titel von immer mehr Menschen erworben. Mancherorts liegt in Deutschland der Anteil der Abiturienten an einem Jahrgang bei fast fünfzig Prozent - beispielsweise in Hamburg, das bei den ländervergleichenden Leistungstests der Schüler dann interessanterweise immer im letzten Drittel liegt.

          Die Studenten müssen erst hochschulreif gemacht werden

          Entsprechend wachsen seit Jahrzehnten die Studierquoten. Dass am unteren Rand des Schulsystems wiederum die Hauptschule abgeschafft und mit der Realschule zusammengelegt wird, ist nur die andere Seite dieser Verschiebung aller nach oben. Denn in einer Welt, in der jeder Zweite Abitur hat, ist die Entwertung niederer Abschlüsse, völlig unabhängig davon, was konkret gelernt wurde, unvermeidbar.

          Sie geht allerdings ebenso unvermeidbar mit einer permanenten Nachschulung einher. Die Universitäten berichten unisono, dass sie inzwischen das Gros der Studenten zuallererst hochschulreif machen müssen. Im Eingangsbereich des Bachelorstudiums wird also - wenn es gutgeht - nachgeholt, was auf dem Gymnasium nicht bewältigt werden konnte. Entsprechend dient das anschließende Masterstudium vielen Studenten dazu, endlich „richtig“ zu studieren, also den Kontakt zur Wissenschaft aufzunehmen. Sich längere Zeit auf ein spezielles Forschungsgebiet einzulassen heißt unter diesen Umständen schon: zu promovieren. Vorher ist gar keine Zeit dafür.

          Professionalisierung von jedermann

          Zu dieser Kombination aus Höherstufung und Nachschulung kommt noch hinzu, was der amerikanische Soziologe Harold L. Wilensky vor fünfzig Jahren schon die „Professionalisierung von jedermann“ genannt hat. Damit meinte er einen im neunzehnten Jahrhundert einsetzenden Prozess, in dessen Verlauf alle möglichen Berufe mit besonderen Zugangsbeschränkungen versehen wurden.

          Wilensky setzte damals hinter seine Diagnose noch ein Fragezeichen. Inzwischen kann man es löschen. Man muss nicht nur studieren, um Zähne ziehen, Kinder unterrichten, Häuser bauen und Jahresabschlüsse machen zu dürfen. Es gibt kaum noch ein Tätigkeitsfeld, das nicht zumindest an seinem oberen Ende akademisiert worden ist, ganz gleich, ob es sich um das Anfertigen von Kleidung, den Brandschutz, den Journalismus oder die Verwaltung von Gefängnissen handelt.

          Zuerst war das Studium nötig, um Studenten zu unterrichten, dann erfasste es die Schullehrer, bald sind auch die Kindergärtnerinnen dran. Und weil die Vorgesetzten und Manager des jeweiligen Bereichs dann angeblich noch qualifizierter sein müssen, trägt auch das zum Wachstum der höheren akademischen Titel bei.

          „Von einem Bachelor lasse ich mich nicht operieren“

          Die Gründe für diese Professionalisierung von jedermann sind vielfältig. Teils liegen sie in der steigenden Spezialisierung der Berufe, teils im steigenden Einsatz von technischem Gerät, teils auch darin, dass die moderne Gesellschaft überall Risiken wittert und sich gegen inkompetenten Umgang damit durch ebenso standardisierte wie wissenschaftlich betreute Ausbildung zu versichern sucht.

          „Von einem Bachelor lasse ich mich nicht operieren“, sagte einst ein deutscher Hochschulrektor. Das ist sogar nachvollziehbar. Aber wenn man in diese Formel „finanziell beraten“ oder „meine Kinder erziehen“ oder auch „pflegen“ einsetzt, hat man nur weitere Risikobereiche angesprochen, in denen immer höhere Bildung helfen soll.

          In Wilenskys Aufsatz fehlt der Hinweis nicht, dass viele Berufsverbände das Ihre tun, um den Eindruck zu erwecken, Akademisierung sei unvermeidlich. Dass die Universitäten das genauso sehen, muss nicht ausführlich erklärt werden.

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