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#FactoryWisskomm : Die Stimmen aus der Wissenschaft stärken

  • -Aktualisiert am

Der Virologe Christian Drosten gilt als Musterbeispiel eines Wissenschaftskommunikators. Hier bei einer Podiumsdiskussion zum Abschluss der ersten #FactoryWisskomm Ende September 2020 in Berlin. Bild: dpa

Ob Forschende kommunizieren, ist nicht die Frage von Alles-oder-nichts oder vertagten Diskussionen: Es gibt konkrete Aufgaben für die Institutionen im Land. Ein Gastbeitrag.

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          „Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler müssen mehr kommunizieren“, so lautet – zumindest in der Wahrnehmung der Wissenschaftscommunity – derzeit eine Forderung aus der Politik. Man schließt dies etwa aus den Förderrichtlinien des BMBF und aus den erst kürzlich publizierten Handlungsempfehlungen der #FactoryWisskomm. „Nach dem Wunsch der Politik soll jeder Forscher seine Erkenntnisse in die Öffentlichkeit tragen“ – so formuliert das Marcel Knöchelmann an dieser Stelle und hält dann dagegen: „Das würde aber weder der Gesellschaft noch der Wissenschaft nützen.“

          In der Tat wird die Forderung der Politik aus unterschiedlichen Gründen von Teilen der Wissenschaftscommunity kritisch bewertet. Ein Teil der Kritiker warnt davor, dass es vor dem Hintergrund steigender Anforderungen an Wissenschaftsinstitutionen kaum möglich sei, auch noch Wissenschaftskommunikation zur Pflicht zu machen, ohne dabei die Kernaufgaben, also die Forschung und die Lehre, zu vernachlässigen.

          Ein anderer Teil macht sich eher Sorgen um den Gegenwind, um den rauen Ton, den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in diesen Zeiten nicht nur zu befürchten haben, sondern auch erleben, wenn sie kommunizieren. Angesichts der aufgeheizten Debatten um Corona oder den Klimawandel sollten Forschende – so die Argumentation – mehr geschützt als in die erste Reihe gestellt werden. Die Kommunikation sollte man Profis überlassen. Schließlich könne man nicht erwarten, dass jeder und jede diesen Stürmen und Anfeindungen ungerührt und souverän standhalten kann und gleichzeitig trotzdem noch ruhig erklärt, was die Ergebnisse der Wissenschaft für die Gesellschaft bedeuten. Vermehrt wurden deshalb Stimmen laut, die forderten, Wissenschaftskommunikation solle nur noch von Chefs und professionellen Pressestellen oder sogenannten „wissenschaftlichen Räten“ betrieben werden.

          Diese Position verkennt die Realitäten an deutschen Hochschulen und Forschungseinrichtungen und deren Möglichkeiten einer quasi dirigistischen Steuerung ihrer Kommunikation. Genauso unrealistisch ist die Forderung der Gegenposition, alle Wissenschaftlerinnen müssten an die Front der Wissenschaftskommunikation geschickt werden.

          Die Kernfrage ist damit aber noch gar nicht benannt: Was soll kommuniziert werden? Erst wenn das geklärt ist, stellen sich die Fragen nach Wer und Wie. Die klassische Ergebniskommunikation vom Typ „Wissenschaftler haben herausgefunden, dass …“ funktioniert nicht mehr –, die zugehörigen Pressemitteilungen verhallen viel zu häufig ungehört, die Hochglanzfarbmagazine verblassen ungeöffnet in der Leseecke. Es ist daher nicht sinnvoll und nicht erstrebenswert, Wissenschaft durch eine professionelle und zentral gesteuerte Hochglanzkommunikation glattzubügeln.

          Vertreter der deutschen Wissenschaftsorganisationen sowie aus Politik, Wissenschaftskommunikation und Wissenschaftsjournalismus nehmen an einer Podiumsdiskussion zum Abschluss der ersten #FactoryWisskomm teil.
          Vertreter der deutschen Wissenschaftsorganisationen sowie aus Politik, Wissenschaftskommunikation und Wissenschaftsjournalismus nehmen an einer Podiumsdiskussion zum Abschluss der ersten #FactoryWisskomm teil. : Bild: dpa

          Was wir brauchen, ist eine Wissenschaftskommunikation, die ein realistisches und ehrliches Bild der Wissenschaft vermittelt und die sich am Erkenntnisgewinn ihrer Zielgruppen und nicht am Reputationsgewinn der kommunizierenden Institution orientiert. Authentische Einblicke in die Welt der Wissenschaft, in ihre Werte, Prozesse und Methoden müssen direkt aus den Laboren kommen, von denen, die forschen. Sie können am besten authentisch und mit hoher Begeisterung, vom Herausfinden, vom Hinterfragen, von der Erforschung eines Gegenstands erzählen. Auch wenn die Ergebnisse spektakulär sein mögen, wird der Erfolg der Kommunikation sich nur einstellen, wenn der steinige Weg der Wissenschaft zum Ergebnis glaubwürdig dargestellt werden kann – und das können Wissenschaftler oft selbst am besten.

          Wissenschaftskommunikation als Teil der Ausbildung

          Noch erfolgreicher wird die Kommunikation, wenn sichtbar gemacht werden kann, dass Forschung mühsam ist, dass auch exzellente und letztlich erfolgreiche Forschung oft zunächst sehr viele Sackgassen exploriert, sie Null- und Negativergebnisse produziert, aus denen man lernt und die schließlich Grundlage für Erfolge sein können. Und auch Null- und Negativergebnisse zu dokumentieren und sichtbar zu machen ist ein wesentliches Element von guter wissenschaftlicher Praxis! Nur so, direkt aus der Wissenschaft, können zudem die Pluralität und Diversität der Perspektiven und Positionen in der Wissenschaft sichtbar gemacht, erklärt und begründet werden. Das ist entscheidend, um das Vertrauen in Wissenschaft und Forschung auf einem hohen Niveau zu halten.

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