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Evolutionäre Medizin : Die große Belohnung des Lebens

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Wo ist die Evolution? Das fragt nicht nur ein Streetartist in Beirut - Forscher in Groningen diskutierten die Rolle der Evolution in der Medizin. Bild: dpa

Warum interessiert sich die Medizin immer noch so wenig für Evolution? Über das Schwinden von Grundlagenwissen debattierten Forscher in Groningen.

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          Natürliche Selektion hat unsere Körper geformt und deren Anfälligkeit für Rückenverspannungen, Übergewicht und Gelenkverschleiß. Natürliche Selektion formt unsere Körperzellen, die im Alter an Vitalität einbüßen oder aus der Kooperation ausbrechen und ihr eigenes Ding machen, wir nennen es Krebs. Und dann sind auch die Bakterien, die unser Leben bedrohen, von natürlicher Selektion geformt, ebenso wie die Bakterien, die Haut und Darm bewohnen und unser Leben erst ermöglichen. Alles Leben ist geformt durch Evolution. Folgerichtig ist die Wissenschaft, die sich mit dem Leben befasst, die Biologie, eingefasst vom evolutionären Paradigma. „Nichts in der Biologie ergibt einen Sinn außer im Licht der Evolution“, lautet der bekannte Satz von Theodosius Dobzhansky.

          Die Wissenschaft aber, die sich mit den Krankheiten befasst, die ja auch zum Leben gehören und damit zu den Ergebnissen und laufenden Projekten der Evolution, will von dieser Metatheorie nichts wissen. Ganz pragmatisch interessiert sich die Medizin nur für die proximaten Mechanismen und wie man in sie eingreifen kann, um Erkrankungen zu behandeln oder zu verhindern. Das tiefere Warum interessiert sie nicht. Und diesen Pragmatismus zum Wohle der Gesundheit will man ihr wohl gerne zugestehen. Wenn die Anhänger der evolutionären Medizin jedoch recht haben, sollte genau die Fundierung in der Evolution als Metatheorie ein tieferes Verständnis ermöglichen, das auch Behandlung und Prävention voranbringt.

          Grundlagendiskussionen in Groningen

          In Groningen traf sich nun die International Society for Evolutionary Medicine and Public Health und diskutierte, wie die Evolution zur theoretischen Grundlage der Medizin werden könnte. Darunter verstanden die Referenten sehr unterschiedliche Dinge. Es wurde ein Evolutionsprozess der Zellen eines Tumors computersimuliert, um so Handlungsanweisungen zu entwickeln, wie möglichst repräsentative Gewebeproben entnommen werden können. Archäologische Forschung an Beckenknochen sollten Aufschluss darüber geben, ob die Fähigkeit zum aufrechten Gang tatsächlich in Konflikt steht mit der Weite des Geburtskanals. Experimentelle Evolution per Taufliegenzucht über viele Jahre sollte einen Zusammenhang zwischen später Mutterschaft und langem Leben erkunden. Virologen verfolgten die Evolution des HI-Virus im Angesicht von immer wirksameren Medikamenten.

          Das Feld ist interdisziplinär, es gibt wenig methodische und inhaltliche Gemeinsamkeiten. Was die Forscher aber teilen, sind einige „Big Ideas“, wie Dan Grunspan (Arizona State University) es nannte. Er hat in mehreren Fragebogenwellen Experten befragt, was das Forschungsfeld im Innersten zusammenhält. Es ergaben sich fünfzehn Kernprinzipien, darunter der Gedanke, dass die natürliche Selektion nicht Gesundheit und Langlebigkeit optimiere, sondern nur den Reproduktionserfolg. Oder auch die Idee des Trade-offs: Bessere Möglichkeiten von Zellwachstum und Heilung gingen mit dem Risiko einher, dass dieses Zellwachstum als Krebs außer Kontrolle gerät. In der Evolution setze sich dann die Balance mit der höchsten Reproduktionsfähigkeit durch.

          Die Zuhörer waren angetan von den fünfzehn Kernprinzipien: Endlich lasse sich das heterogene Feld auf einen Nenner bringen. Randolph Nesse von der Arizona State University, einer der Mitbegründer der evolutionären Medizin, warnte jedoch vor der Gefahr, die Forschung durch die Prinzipienliste einzuengen.

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