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Zum Tod von Manfred Eigen : Die Klaviatur des Lebens

Manfred Eigen am 19.06.2009 im ZiF Bielefeld Zentrum für interdisziplinäre Forschung Bild: Imago

Er war einer der vielseitigsten deutschen Naturwissenschaftler und engagierter Förderer des wissenschaftlichen Nachwuchses. Am Mittwoch ist Manfred Eigen im Alter von 91 Jahren gestorben.

          Aus ihm hätte auch ein großer Pianist werden können. Denn an dem nötigen Talent hat es Manfred Eigen, der 1927 in Bochum als Sohn eines Kammermusikers geboren wurde, nicht gemangelt. Doch aufgrund der Wirren des Zweiten Weltkriegs – Eigen wurde mit sechzehn Jahren als Luftwaffenhelfer eingezogen – und der anschließenden Gefangenschaft konnte der Physiker und Biochemiker jahrelang nicht üben. Und so entschied er sich nach Kriegsende für seine zweite große Leidenschaft, die Naturwissenschaften.

          Manfred Lindinger

          Redakteur im Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Dass er offenkundig die richtige Wahl getroffen hatte, zeigte sich 1967, als Eigen im Alter von vierzig Jahren den Nobelpreis für Chemie zuerkannt bekam. Gewürdigt wurde er für sein in den fünfziger Jahren in Göttingen entwickeltes Verfahren – die Relaxationsmethode –, das es ermöglichte, die Geschwindigkeit schneller chemischer Reaktionen zu messen. Damit konnten erstmals molekulare Prozesse untersucht werden, die in einer Milliardstel Sekunde ablaufen.

          Die Nobelpreisträger von 1967: Vorderste  Reihe von links nach rechts -  Ragnar Granit, Haldan Hartline, George Wald  (alle Medizin) und Senor Miguel Asturias (Literatur). Hintere Reihe von l. n. r.:  Ronald Norrish , Manfred Eigen, George Porter (alle Chemie) und Hans Bethe (Physik).

          Weil er in der Physik und Chemie nichts dazulernen konnte, wie er einmal sagte, wandte sich Eigen in den sechziger Jahren zunehmend biologischen Fragestellungen zu. Er widmete sich vor allem den extrem langsamen Evolutionsprozessen.

          Die Evolution im Zeitraffer

          Manfred Eigen betrachtete die Evolution in erster Linie als ein rein molekulares Phänomen. Die Entstehung des Lebens beruhe seiner Meinung nach ausschließlich auf chemischen und physikalischen Reaktionen zwischen Biomolekülen. Am Göttinger Max-Planck-Institut für biophysikalische Chemie, das er 1971 gegründet hatte, entwickelte er „Evolutionsmaschinen“. Mit diesen speziellen Bioreaktoren konnten Eigen und seine Mitarbeiter die Entwicklung etwa von Virenkulturen unter Laborbedingungen beobachten und gezielt manipulieren.

          Eingang der Biotech-Firma Evotec in Hamburg

          Diese Bioreaktoren erlaubten es, grundlegende Mechanismen der Evolution im Zeitraffer zu untersuchen. Mit seinen Arbeiten begründete er einen neuen Forschungszweig, der die Bezeichnung „evolutionäre Biotechnologie“ erhielt. Dank der Evolutionsmaschinen ließen sich aus Millionen Biomolekülen recht schnell jene auswählen, die für bestimmte Zwecke, etwa als Wirkstoffe, am geeignetsten erschienen. Eigens Forschungen führten zur Gründung der Hamburger Biotech-Firma Evotec.

          Der Wissenschaftsmanager und Musiker

          Neben seiner Tätigkeit als Wissenschaftler war Manfred Eigen, der noch lange nach seiner Emeritierung 1995 am Göttinger Max-Planck-Institut forschte, auch ein engagierter Wissenschaftsmanager und Autor. So förderte er als Präsident der Studienstiftung des deutschen Volkes hochtalentierte Nachwuchsforscher. Seiner Musik ist Eigen, der Mitglied des Ordens Pour le merite und unter anderem mit dem Otto-Hahn-Preis für Chemie und Physik sowie mit dem Paul-Ehrlich- und Ludwig-Darmstädter-Preis geehrt wurde, Zeit seines Lebens treu geblieben. Zwei Klavierkonzerte von Mozart spielte er auf CD ein. Einmal wurde er sogar vom Boston Symphony Orchestra begleitet. Mit seinem Wunsch ein Max-Planck-Institut für Musik zu gründen, scheiterte er allerdings.

          „Manfred Eigen verstand es wie kaum ein anderer, vorherrschende Denkmuster zu durchbrechen und mit Erfolg wissenschaftlich neue Richtungen einzuschlagen“, sagt Herbert Jäckle, langjähriger Vize-Präsident der Max-Planck-Gesellschaft und Emeritus-Direktor am MPI in Göttingen. „Diese Fähigkeit zieht sich als roter Faden durch sein gesamtes Leben.“ Manfred Eigen, der immer neugierig geblieben war, ist am Mittwoch im Alter von 91 Jahren gestorben.

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