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Wissenschaftliche Forschung : Die Bedenken der Anderen

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Sehr umstritten: Virologie schafft das Risiko, dass man versehentlich selbst eine Pandemie auslösen könnte. Bild: dpa

Wo Forscher vor Forschung warnen, hat das oft soziale Gründe. Wo nicht, ist das Motiv nicht immer rationaler. Doch sollte wirklich alles wissenschaftlich erforscht werden?

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          Gefahren neuer Technologien kennt man manchmal erst dann, wenn es zu spät ist. Natürlich lässt sich wissenschaftlich untersuchen, ob Risiken beispielsweise von gentechnisch veränderten Pflanzen ausgehen. Es ist allerdings nicht Aufgabe der Wissenschaft, auf Nachfrage eine abschließende Antwort zu geben. Der Streit der Experten ist nicht die Ausnahme, sondern der Normalfall. Wissenschaftliche Erkenntnisse sind revidierbar und fordern zur Kritik auf. Der „Stand von Wissenschaft und Technik“ ist – außer in eher trivialen Fragen – eben nicht unveränderlich. Experten und Gegenexperten geben sich deshalb nicht nur in Talkshows, sondern auch in Gerichtssälen und Ethikkommissionen die Klinke in die Hand.

          Die Uneinigkeit der Forscher ist typisch für die Bewertung ökologischer oder gesellschaftlicher Probleme, sie kann aber auch die Risiken der eigenen Arbeit betreffen. Forschung kann selbst problematisch und gefährlich sein. Es stellt sich dann die Frage, ob man sie nicht lieber unterlassen sollte.

          Das gilt beispielsweise für die „gain of function“-Forschung in der Virologie. Die Gene von Viren werden dafür so verändert, dass sie neue Eigenschaften annehmen, beispielsweise leichter übertragbar werden. Ziel dieser Forschung ist es, die Zusammenhänge zwischen Mutationen und Infektionswegen zu untersuchen, dazu erzeugt man im Labor gefährliche Erreger – schafft damit das Risiko, dass man versehentlich selbst eine Pandemie auslösen könnte. Und das gilt es abzuwägen.

          Im Jahr 2011 wurden zum Beispiel Experimente durchgeführt, um das H5N1-Grippevirus so zu verändern, dass der an Vögel angepasste Erreger zwischen Säugetieren und damit auch zwischen Menschen übertragen werden könnte, wie es auch in der Natur geschehen könnte. Einwände führten zu einem zeitweiligen Forschungsmoratorium, das nach einer Verschärfung der Sicherheitsrichtlinien wiederaufgehoben wurde. Doch die Kritik verstummte nicht, und im Jahr 2014 forderten in der Cambridge Working Group organisierte Wissenschaftler ein erneutes Moratorium, die Gruppe der Scientists for Science dagegen die Fortsetzung der Forschung.

          Mit Blick auf die Frage, ob diese Art wissenschaftlicher Forschung überhaupt betrieben werden sollte, standen sich damit innerhalb der Wissenschaft die Positionen zweier Gruppen gegenüber, die für beziehungsweise gegen ein Moratorium der „gain of function“-Forschung argumentierten. Petitionen beider Gruppen wurden von namhaften Wissenschaftlern unterzeichnet, und die amerikanische Regierung folgte zunächst den Argumenten der Skeptiker und verkündete ein weiteres Moratorium.

          Wie lässt sich erklären, dass Forscher für oder gegen riskante Forschung Partei ergreifen? Um diese Frage zu beantworten, haben drei Soziologen den geschilderten Fall untersucht. Sie gehen davon aus, dass es vor allem zwei Faktoren sind, von denen die Position der Wissenschaftler abhängen kann: Sie kann Resultat der Beeinflussung durch „Peers“, also sozialen Ursprungs sein oder von ihrem Forschungsschwerpunkt abhängen, also von sachlichen Kriterien.

          Kein einheitlicher Zusammenhang erkennbar

          Diese beiden Einflusskanäle können auf der Basis der Veröffentlichungen aller in die Kontroverse verwickelten Wissenschaftler abgebildet werden: soziale Beziehungen durch Ko-Autorschaften und inhaltliche Schwerpunkte. Wer zusammen mit einem anderen Wissenschaftler veröffentlicht hat, wird dessen Meinung wahrscheinlich berücksichtigen. Und wer unmittelbar mit dem umstrittenen Thema befasst ist, könnte die Risiken besonders gut kennen – und die Befürchtungen teilen oder eben für übertrieben halten.

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          Es zeigt sich jedoch, dass kein einheitlicher Zusammenhang zwischen der Positionierung, den persönlichen Kontakten und der fachlichen Spezialisierung vorliegt. Vielmehr finden sich die Gegner eines Moratoriums eher in Forschungsfeldern, die mit biomedizinischen Experimenten zu tun haben, während bei den Befürwortern weniger der eigene Forschungsschwerpunkt als die Beziehungen zu anderen Skeptikern entscheidend sind. Mit anderen Worten: Skepsis verbreitet sich über die persönlichen Beziehungen, die Zuversicht steigt hingegen mit der Nähe zur betreffenden Forschung. Die Zahl der Wissenschaftler, die direkt mit „gain of function“-Forschung zu tun haben, war dabei sehr klein. Unter den Befürwortern weiterer Forschung waren also keineswegs nur solche, die selbst von dieser Forschung und deren Förderung profitieren würden.

          Die Bedeutung der inhaltlichen Nähe deutet auf einen Zusammenhang hin, der Risikosoziologen vertraut ist: Höhere Risikobereitschaft trifft man meist dort an, wo Individuen der Meinung sind, selbst Herr der Lage zu sein. Im eigenen Auto gibt man sich der Illusion hin, die Risiken unter Kontrolle zu haben, als Passagier im Flugzeug fühlt man sich hingegen unsicher – obwohl die objektiven Unfallwahrscheinlichkeiten eine andere Sprache sprechen. Selbst riskante Forschung zu betreiben sollte zwar eine realistischere Einschätzung der Gefahren erlauben; es könnte aber ebenso dazu führen, dass man für Kontrollillusionen empfänglich wird.

          Edelmann, Achim; Moody, James; Light, Ryan (2017): Disparate foundations of scientists’ policy positions on contentious biomedical research.

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