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Ordoliberalismus : Das verwaiste Erbe der Freiburger Schule

Walter Eucken hinterließ ein Werk, das in Deutschland nicht weiterentwickelt wurde. Heute ist der Liberalismus marginalisiert.

          5 Min.

          In geschichtlicher Betrachtung lassen sich drei maßgeblich von deutschen Autoren geprägte gesellschaftswissenschaftliche Schulen mit starker ökonomischer Prägung erkennen: der Marxismus, die historische Schule des neunzehnten Jahrhunderts und der auch als "Freiburger Schule" bezeichnete Ordoliberalismus. Der Marxismus und die historische Schule sind untergegangen. Aber auch vom Ordoliberalismus in seiner ursprünglichen Form ist wenig geblieben: Mit dem Tode seines Übervaters Walter Eucken (1891 bis 1950) wurde er als Forschungsprojekt praktisch aufgegeben, auch wenn sich manche seiner Prinzipien in zeitgenössischeren, überwiegend durch amerikanische Autoren entwickelten Versionen des Liberalismus wiederfinden.

          Gerald Braunberger
          Herausgeber.

          Im Modell des Ordoliberalismus garantiert, etwas vereinfacht, ein starker Staat als Garant der Wirtschaftsordnung die Funktionsfähigkeit freier Märkte. Der starke Staat, der in der Tradition der deutschen Geistesgeschichte steht, war ein Pfeiler von Euckens Modell, das ihn von einem traditionellen, den Staat weitaus kritischer beurteilenden Liberalismus unterschied. Stark musste dieser Staat aber sein, weil Eucken ein entschiedener Gegner jeder wirtschaftlichen Macht war. Er akzeptierte nur die Marktform der vollständigen Konkurrenz, in der Unternehmen im Wettbewerb miteinander stehen, ohne dass ein Unternehmen spürbare Marktmacht haben darf. Eucken war kein Anhänger eines "Laissez-faire"; Ordnungspolitik wurde ihm zur Voraussetzung für die Sicherung der Freiheit.

          Eine der vornehmsten Aufgaben seines Staates ist daher eine konsequente Wettbewerbspolitik, die wirtschaftliche Machtbildung verhindert. Auch diese Vorstellung steht im Widerspruch zu einem traditionellen Liberalismus, der die Macht einzelner Unternehmen bis zum Extremfall des Monopols akzeptiert, solange offene Märkte Konkurrenten einen Markteintritt gestatten. Kein Wunder, dass Eucken auf frühen Tagungen der Mont-Pèlerin-Gesellschaft in harte Kontroversen mit Anhängern eines "Laissez-faire" wie Ludwig von Mises geriet, die im Ordoliberalismus nichts anderes als eine weitere Variation des Sozialismus sahen.

          Gleichwohl hat man dem Ordoliberalismus einen nachhaltigen Einfluss auf das wirtschaftspolitische Denken der frühen Bundesrepublik Deutschland zuerkannt. Als Verkörperung dieses Einflusses gilt Ludwig Erhard, als wichtigstes ordnungspolitisches Werk das Gesetz gegen Wettbewerbsbeschränkungen (GWB) aus dem Jahre 1957. Beides ist nicht falsch, aber auch nicht vollständig. Ludwig Erhard teilte viele Überzeugungen Euckens, aber er betrachtete sich nicht als Mitglied einer Schule. Beeinflusst war Erhard auch von Alfred Müller-Armack, der den Begriff "Soziale Marktwirtschaft" geprägt hatte und dessen Konzeption zwei wesentliche Unterschiede zum Ordoliberalismus aufwies: Müller-Armack besaß eine unbefangenere Einstellung gegenüber wirtschaftlicher Macht, und er erkannte der Sozialpolitik eine größere Bedeutung zu. Im Nachhinein betrachtet, war Müller-Armacks politischer Einfluss wohl größer als der Euckens, was aber auch an Euckens frühem Tod im Jahre 1950 lag.

          Zwiespältig fällt auch die Bewertung des GWB, der Magna Charta des deutschen Wettbewerbsrechts, aus, das nach zehn Jahre währenden Auseinandersetzungen, unter anderem gegen die an Kartelle gewöhnte deutsche Industrie, im Jahre 1957 verabschiedet wurde. Mit seinem Kartellverbot, der Kontrolle von Unternehmenszusammenschlüssen und der Möglichkeit des Vorgehens gegen den Missbrauch marktbeherrschender Stellungen von Unternehmen erfüllte es im Grundsatz zentrale Forderungen des Ordoliberalismus. Andererseits setzte die Industrie zahlreiche Ausnahmeregelungen durch, die eine Verwässerung des Wettbewerbsgedankens zur Folge hatten. Insofern war das GWB für Ordoliberale ein Sieg mit bitterem Beigeschmack.

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