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Psychoterror mit Wortverboten : Das freie Denken wird verstaatlicht

In Ketten legen: Plakat auf dem Frankfurter „March for Science“ im Sommer diesen Jahres. Bild: dpa

Früher war es Forscherparadies, mit Trumps Regierung ist Amerika ein Minenfeld. Die Verbotslisteaffäre zeigt: Washington meint, die Wissenschaft gehört ihr. Dieser Psychoterror muss ein Ende haben.

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          Wie sicher können wir heute noch sein, dass besinnlich wirklich von Sinn kommt? Von Sinnen wäre zumindest eine alternative Deutung – gültig jedenfalls im amerikanischen Führungsbunker des Alternativdenkens, wo man laut „Washington Post“ und anderer scharfer Beobachter des antiwissenschaftlichen Irrlichterns im Weißen Haus eine vorweihnachtliche Liste mit sieben Wörtern aus dem Gesundheitssektor ausgearbeitet hat, welche jedenfalls in den Augen der Trump-Administration nichts in den offiziellen Dokumenten für die kommenden Budgetverhandlungen zu suchen haben. Der wissenschaftlich-neutrale Begriff „Fötus“ etwa soll im Zusammenhang mit der Bekämpfung der Zika-Erreger nicht mehr auftauchen dürfen. Gleichzeitig gehören fötale Schäden im Gehirn zu den unabweisbar möglichen Folgen einer Zika-Infektion. Was also wird da stehen: das Ungeborene? Embryo wird es kaum werden, der Begriff ist seit der Stammzelldebatte politisch verbrannt. Man riecht ihn förmlich, den faulen Gestank der Abtreibungsdebatte, den die Evangelikalen in Präsident Trumps ideologieverseuchter Umgebung verströmen.

          Woran genau sich die Trumpsche Sprachpolizei stößt, wenn sie den Gesundheitsbehörden den Gebrauch von „Diversität“, „Ansprüche“, „Transgender“ oder „verletzlich“ untersagt, ist nicht überliefert. Für den anonymen Politikanalysten aus den „Centers for Disease Control and Prevention“, der die Liste öffentlich gemacht hat, war der vulgäre Spracherpressungsversuch von Beamten jedenfalls skandalös und einmalig genug, „beispiellos in der amerikanischen Geschichte“. Dass daraufhin seine Chefin, CDC-Direktorin Brenda Fitzgerald, mit einiger Verzögerung über Twitter wissen ließ, „es gibt keine verbotenen Worte“ und „wir werden weiter über alle unsere Gesundheitsprogramme reden“, hat die Besinnlichkeit nicht wiedergebracht und den Eindruck von offenkundiger Besinnungslosigkeit im Weißen Haus kaum zu mildern vermocht. Schon der Versuch bleibt ein Irrsinn. Und der Manipulationsversuch wurde von Fitzgerald nicht dementiert. Nun sind versuchte Einflussnahmen durch Regierungen und ihre Poltergeister nicht grundsätzlich neu, auch Einschüchterungsversuche nicht. Es gibt sie in ihrer mehrheitlich harmlosen Variante als politische „Formulierungshilfen“ etwa im Weltklimarat IPCC oder als bestellte Gutachten mit ideologischem Einschlag.

          Politische „Formulierungshilfen“

          Den Lobbys wird die Macht dazu gegeben. Doch wenn die Politik nun auch politisch unverdächtige Begriffe wie „wissenschaftlich basiert“ (science based) und „evidenzbasiert“ (evidence based), die lediglich den wissenschaftlichen Anspruch an methodische Qualität ausweisen sollen, auf den Index hebt, ist es wirklich nicht mehr weit bis zum trostlosen „Anti-Intellektualismus“ und zur respektlosen Wissenschaftsfeindlichkeit, die DFG-Chef Peter Strohschneider vor einiger Zeit beklagt hat. Ein Trost: In der Klimafrage zumindest ist die Propagandaschlacht gegen die Evidenz letztlich zugunsten der Wissenschaften entschieden worden. Seriöse Klimapolitik, das hat die Welt inzwischen begriffen, lässt sich auch ohne Washington und gegen dessen pseudowissenschaftliche Handlanger voranbringen. Wissenschaft hat da ein dickes Fell bewiesen. Es zeigt auch: Einschüchterung hat Grenzen. Gleich, ob man Wissenschaft nun für eine widerstandsfähige oder wankende Instanz der Zivilgesellschaft hält, ob man in ihr ein verletzliches Instrument des Fortschritts sieht, einen wertfreien Prozess, um die Welt zu verstehen, oder eine bestimmte Haltung zur Welt – eines ist sie nach wie vor nicht: eine amerikanische Bundesbehörde.

          Joachim Müller-Jung
          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

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