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Pestizide - wie gefährlich? : Das Bio-Glyphosat

Nicht nur für Unkraut gefährlich: Herbizide mit dem Wirkstoff Glyphosat können laut einer Studie der WHO potentiell krebserregend sein. Bild: Reuters

Ist das Allerwelts-Pestizid jetzt krebserregend oder nicht? Die Experten stiften Chaos, aber wehe wir suchen im Biomarkt nach Antworten.

          Wir gewöhnlichen Mischköstler bewegen uns im Supermarkt ja bekanntermaßen durch ein Minenfeld, aus dem es kein Entrinnen gibt. Als vor kurzem herauskam, dass an der Fleischtheke mit krebsauslösenden Substanzen gehandelt wird, war das bloß noch für die Hypochonder unter uns ein gefundenes Fressen, die anderen haben sich längst damit abgefunden, dass die Regale voll sind mit lebensgefährlicher Ware, deren Bestimmung darin besteht, uns nur vorübergehend am Leben zu erhalten, um den Körper am Ende radikal mit Zucker, Geschmacksverstärkern und Pestiziden zu vergiften. Warum also, fragen wir uns, wird dieser unsägliche Streit um das Allerweltspestizid Glyphosat so maßlos ausgewalzt? Zur Erinnerung: Die Krebsagentur der Weltgesundheitsorganisation hat nach Studienlage vor ein paar Monaten festgestellt: Das Ackergift ist wahrscheinlich krebserregend. Überrascht? Woher denn. Gesünder als rotes Fleisch wird es ja wohl kaum sein. Die Europäische Lebensmittelbehörde allerdings ist dem Bundesinstitut für Risikobewertung gefolgt, ebenfalls nach Sichtung aktueller Studien, und meint jetzt: Freispruch. Glyphosat könne mit gutem Gewissen zehn weitere Jahre zugelassen und als wahrscheinlich nicht krebserregend eingestuft werden. Ein klarer Widerspruch. Die Kollegen von „Nature“ haben das Studienhickhack inzwischen vergeblich aufzulösen versucht. Beide Seiten wollen die besseren Daten auf ihrer Seite haben und schlussendlich auch recht behalten. Und weil wir in der Ernährungsfrage nunmal leider nicht über eine höchstwissenschaftliche Instanz verfügen, eine moralische Autorität vom Range des Weltklimarates, die für die Klärung und Popularisierung toxikologischer Wahrheiten zuständig ist, bleiben wir Verbraucher halt erstmal wieder ratlos zurück. Ratlos, aber keineswegs verzweifelt. Denn denjenigen, die dem Glyphosatbraten nicht trauen, bleibt immerhin die Zuflucht in den Biomarkt. Dort, im Dunstkreis ernährungsbewusster Veganer und Vegetarier, sind pausenlos Minenentschärfer im Einsatz. Einer Münchner Biosupermarktkette reicht freilich auch das nicht. Sie hat angekündigt, bis Mitte Dezember in jeder der 33 bundesweiten Filialen 15-Milliliter-Teströhrchen auszulegen, um eine einzigartige Datensammlung über die Glyphosatbelastung zu ermöglichen. Ihre Arbeitshypothese: Die meisten Menschen haben Glyphosat bereits reichlich im Körper. Deshalb sollen möglichst viele Biomarktkäufer in die Röhrchen pinkeln und verschlossen im Päckchen zu einem Leipziger Biolabor schicken. Genau 53,55 Euro kostet die Teilnahme am Glyphosatsuchspiel. Wer will, kann auch zweimal pinkeln. Vor und nach dem Einkaufen am besten. Rabatte gibt es trotzdem nicht. Dieser spätkapitalistische Umgang mit gespendeten Körpersäften hat natürlich nur dann eine Berechtigung, wenn die Sammelware auch tatsächlich einen wissenschaftlichen Output erhoffen lässt. Mehr Licht ins Pestiziddunkel. Ab tausend Urin-Proben, heißt es dazu, deutschlandweit gesammelt, sei eine repräsentative Datenerhebung zur Glyphosat-Belastung gewährleistet. Wenn das stimmt, wäre in Biomärkten genauso viel Glyphosat zu finden wie im ganz gewöhnlichen Supermarkt. Willkommen also im alternativen Minenfeld.

          jom

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

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