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Citizen Science : Die Demokratiewelle in den Wissenschaften rollt

  • -Aktualisiert am

Aus dem Vogelbuch, das die Schulkinder anhand ihrer Beobachtungen schufen. Bild: Plos Biology

Wissenschaftler werben immer öfter Laien an, ihnen bei ihren Forschungen zu helfen. An vielen Orten ist das zum Erfolgsmodell geworden. Das zeigen viele Beispiele.

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          Elfenbeinturm, ade. Immer mehr Wissenschaftler laden interessierte Bürger und Bürgerinnen dazu ein, sich als „Citizen Scientists“ an ihren Forschungen zu beteiligen. Oft steckt dahinter der Wunsch, das umfangreiche Datensammeln dadurch zu bewältigen, dass man möglichst viele interessierte Laien mitarbeiten lässt. Mitunter geht es zunächst aber einmal darum, möglichst großes Interesse in der Bevölkerung zu wecken. Von solch einem Beispiel von Bürgerwissenschaft berichten Forscher um Markéta Zárybnická von der Tschechischen Universität für Biowissenschaften in Prag in der Online-Zeitschrift „Plos Biology“.

          Für ihre ornithologischen Untersuchungen haben die Wissenschaftler besonders ausgestattete Nistkästen entwickelt, die eine umfassende Beobachtung der gefiederten Bewohner erlauben. In den Kästen sind ein Minicomputer, ein oder zwei Kameras und ein Mikrofon montiert. Sobald die Lichtschranke am Eingang des Behältnisses eine Bewegung meldet, beginnen die bis zu zwei Minuten langen Aufzeichnungen. Die Videofilme kann jedermann als Live-Webcast (www.birdsonline.cz) und auch jetzt noch ansehen und somit verfolgen, was sich in den Nistkästen abspielt.

          Vogelnest wird im Unterricht beobachtet

          Zárybnická und ihre Kollegen hatten im Frühjahr 2016 fünfundzwanzig Nistkästen aufgehängt, die meisten an Schulen. Im Laufe des ersten halben Jahres haben sich zahlreiche Singvögel eingenistet: Blaumeisen, Kohlmeisen, Stare oder Feldsperlinge. Dass die Behausungen mit Überwachungskameras ausgestattet waren, störte offenkundig keinen der Bewohner. Einige Nistkästen dienten bis in den Sommer hinein sogar zwei- bis dreimal als Kinderstube.

          Bürgerwissenschaftler hielten grafisch das Verhalten von Vögeln in den Brutkästen fest.

          Wie die Nestlinge aus dem Ei schlüpften, heranwuchsen und schließlich ausflogen, wurde in den Biologieunterricht einbezogen, als Live-Webcast oder in Form von ausgewählten Videos. Die neun- bis zehnjährigen Schulkinder lernten dadurch nicht nur eine Menge über das Leben der Vögel, sondern auch über ökologische Zusammenhänge. Das ist nicht überraschend, schließlich konnten sie doch eine Beziehung zu einem Vogelpaar, das auf „ihrem“ Schulhof herumstöberte, aufbauen.

          Schüler werden mit der echten Natur konfrontiert

          Älteren Schülern bietet das Projekt auch die Möglichkeit, „ihre“ Vogelfamilie mit anderen gefiederten Artgenossen oder mit anderen Vogelarten zu vergleichen, deren Leben im Internet dokumentiert ist. Mitunter werden die Schüler dabei allerdings auch mit den weniger idyllischen Aspekten eines Vogellebens konfrontiert. In einem Nistkasten der tschechischen Biologen hatten junge Kohlmeisen zum Beispiel arg unter Vogelmilben zu leiden.

          Von diesen Blutsaugern attackiert, wurden die Tiere immer schwächer und gingen schließlich zugrunde. Bei manchen Vogelarten können die Eltern auch selbst eine schaurige Show inszenieren. Der Landesbund für Vogelschutz, der in Bayern an Dutzenden von Storchennestern Webcams installiert hat, weist übrigens ausdrücklich auf die rauhen Sitten der populären Vögel hin: Wenn Störche nicht ausreichend Futter finden, um alle hungrigen Schnäbel zu stopfen, halten sie die jüngsten Nestlinge kurz und werfen sie notfalls halb verhungert aus dem Nest.

          Große Datenmengen müssen ausgewertet werden

          Die tschechischen Wissenschaftler um Markéta Zárybnická sammelten in wenigen Monaten von insgesamt 35 Vogelbruten mehr als hunderttausend Videosequenzen. Diese Datenfülle kann nicht nur vor Ort als Grundlage für wissenschaftliche Arbeit dienen. Die universelle Verfügbarkeit der Videos animiert auch zu internationaler Zusammenarbeit. Interessierte Bürger können ebenfalls einen Beitrag leisten.

          Weitere Seiten aus dem Vogelbuch.

          Fest eingeplant ist solches Engagement von „Citizen Scientists“ allerdings nicht. Die tschechischen Forscher treiben vielmehr die computergestützten Analysen voran. Sie wollen Programme entwickeln, die Verhaltenssequenzen zuverlässig analysieren und dabei lernfähig sind. So sollen sich nicht nur größere Datenmengen bewältigen, sondern auch Muster aufspüren lassen, die menschlichen Betrachtern verborgen bleiben.

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