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Afrikanistik und Politik : Der amerikanische Freund

  • -Aktualisiert am

Leben und Werk von Melville J. Herskovits waren 2009 Thema des Dokumentarfilms „Herskovits at the Heart of Blackness“. Bild: California Reel

Melville J. Herskovits, ein Gründervater der amerikanischen Afrikaforschung, hielt die wissenschaftliche Objektivität für die Sendung der Vereinigten Staaten. Deshalb wird er heute kritisch bewertet.

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          Im September 1958 trug der frisch gewählte Präsident der nordamerikanischen Vereinigung von Afrikawissenschaften (African Studies Association), Melville J. Herskovits, auf der ersten Jahrestagung der Organisation in Evanston bei Chicago „Einige Gedanken zur amerikanischen Forschung in Afrika“ vor. Da die Vereinigten Staaten keine besonderen Bindungen zu dem Kontinent hätten und dort auch keine territorialen Ansprüche hegten, führte der berühmte Ethnologe aus, könnten Forscher aus den Vereinigten Staaten die Probleme Afrikas besonders objektiv studieren.

          Dem aus Trinidad stammenden Elliot P. Skinner, Professor an der Columbia-Universität, lief bei der Rede, wie er später berichtete, ein kalter Schauer über den Rücken. Wie konnte dem weißen Amerikaner Herskovits die Tatsache entgehen, dass er Bürger eines Landes war, welches Menschen mit schwarzer Hautfarbe weiterhin nachhaltig diskriminierte? Und glaubte Herskovits wirklich, die Vereinigten Staaten seien gegenüber Afrika gleichsam neutral und ohne spezifische Bindungen?

          Die heutige Vorsitzende der ASA, die Historikerin Jean Allman, stellte diese Gründungsepisode an den Anfang ihrer eigenen „Presidential Address“, die nun gedruckt vorliegt (HerskovitsMustFall? A Meditation on Whiteness, African Studies, and the Unfinished Business of 1968“, in: African Studies Review, Band 62, Heft 3, September 2019 / Cambridge University Press). Allman zeichnet ein äußerst kritisches Bild des „afrikawissenschaftlichen Unternehmens“ in den Vereinigten Staaten. Sie behauptet, „weiße Privilegien“ seien der Organisation bei der Gründung fest eingeschrieben und durch die Marginalisierung älterer Traditionen afroamerikanischer Afrikaforschung sowie die Amerikanisierung der Wissensproduktion über Afrika verfestigt worden. Proteste afrikanischer und afroamerikanischer Mitglieder auf den Jahrestagungen der ASA 1968 und 1969 hätten zwar die Diversifizierung und Demokratisierung der Vereinigung gefördert, doch bis heute seien Strukturen weißer Bevorzugung bestenfalls ansatzweise aufgebrochen.

          Wohin floss das Geld?

          Allman sieht einen engen Zusammenhang zwischen der Abtrennung von „afroamerikanischen“ oder „schwarzen“ Studien von der nordamerikanischen Afrikaforschung und der in den fünfziger und sechziger Jahren massiven finanziellen Förderung für universitäre Afrikaprogramme durch private Stiftungen wie Ford, Carnegie und Rockefeller sowie durch den Staat. Vom Geldsegen profitierten nämlich vor allem „traditionell weiße Institutionen“ wie die Northwestern University in Evanston, wo Herskovits lehrte, oder Columbia. Schwarze Einrichtungen, allen voran die Howard University in Washington, gingen hingegen weitgehend leer aus.

          Auf diese Weise, schreibt Allman, seien organisch gewachsene panafrikanische Verbindungen zwischen dem Studium Afrikas und seiner Diaspora an den Rand gedrängt worden. In der Forschung sei die afrikanische Wissensproduktion bagatellisiert oder sogar völlig ignoriert worden. Allman spricht von einer „Rekolonisierung Afrikas“ durch Wissenschaftler. Die Dauerkrise von Einrichtungen höherer Bildung in Afrika seit den frühen siebziger Jahren bestärke die globale Ungleichheit und die „Kolonialität“ der Schaffung von Wissen über den Kontinent.

          Melville Herskovits, dem Sohn österreichisch-ungarischer Einwanderer, kam bei der Einleitung dieses Prozesses eine zentrale Rolle zu. Seine Studien zu den Einflüssen afrikanischer Kulturen in den Amerikas hatten ihn in den Jahren vor dem Zweiten Weltkrieg zu einem der wichtigsten Vertreter der „Black Studies“ in Nordamerika gemacht. Sein Beharren auf der Notwendigkeit, „objektive“ wissenschaftliche Forschung zu betreiben, brachte ihn in Gegensatz zu politisch aktiven afroamerikanischen Gelehrten wie W. E. B. Du Bois und Carter Woodson. Erfolgreich intervenierte er etwa bei der Canergie-Stiftung gegen die Finanzierung der von Du Bois geplanten Encyclopedia Africana. Seinem nachhaltigen Einsatz für die Etablierung von Afrika- und Afroamerika-Studien als wichtigem Bestandteil universitärer Curricula stand, so Allman, seine Praxis gegenüber, schwarzen Kollegen nicht ein Jota Kontrolle zu konzedieren.

          Herskovits starb überraschend 1963. Kurz darauf rief die ASA einen nach ihm benannten jährlich vergebenen Preis für die beste afrikawissenschaftliche Studie in englischer Sprache aus, der seither zu den wichtigsten Auszeichnungen im Feld zählt. Allman hat in ihrer Rede eine Umbenennung ins Spiel gebracht, was sie als Anstoß zu Bemühungen verstanden wissen möchte, das reiche afroamerikanische Erbe der nordamerikanischen Afrikastudien zu ehren und zugleich die Rolle der ASA in dessen Marginalisierung kritisch aufzuarbeiten.

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