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Im Gespräch : Abschied vom Schnörkel

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Der Letzte seiner Art? Niemand will einstweilen den Schülern den Griffel wegnehmen. Bild: Imago

Dass finnische Grundschulen das Schreiben von Hand abschaffen wollen, war eine Falschmeldung. Aber selbst wenn: Wäre das so schlimm?

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          In der vergangenen Woche machte die Nachricht die Runde, Finnland wolle das Schreiben per Hand gänzlich aus den Grundschullehrplänen streichen. Stattdessen sollten sich die Kinder ganz aufs Tippen verlegen. Die Aufregung war groß: Ausgerechnet das Pisa-Musterland schaffe eine jahrtausendealte Kulturtechnik ab, es drohe die digitale Demenz schon im Kindesalter.

          Vor lauter Entrüstung machte sich niemand die Mühe, in Finnland nachzufragen, was genau denn nun geplant sei. „Das ist ein Missverständnis in den Medien: Das Schreiben von Hand ist und bleibt ein zentraler Inhalt in unserem Lehrplan“, sagt Minna Harmanen vom Bildungsausschuss des finnischen Bildungsministeriums. „Die Neuerung betrifft nur das Erlernen der verbundenen Schreibschrift, das ab dem Sommer 2016 nicht mehr zwingend vorgeschrieben ist.“ Stattdessen könnten die Kinder bei den anfangs ohnehin erlernten Druckbuchstaben bleiben und daraus direkt einen individuellen, mehr oder minder verbundenen Schreibstil entwickeln. Die so gewonnene Zeit solle sinnvoller genutzt werden, eben auch für den Unterricht am Computer.

          Kann die Grundschrift die Lösung sein?

          In Wirklichkeit vollziehen die Finnen also lediglich einen Wechsel, der in Deutschland seit Jahren diskutiert wird und an vielen Grundschulen, etwa in Hamburg, bereits Alltag ist: Die Abkehr von den sogenannten Ausgangsschriften mit ihren verbundenen Buchstaben. Drei verschiedene Varianten gibt es davon in deutschen Schulen: die besonders schnörkelreiche lateinische Ausgangsschrift (LA), die sie seit 1972 im Westen mehr und mehr ersetzende vereinfachte Ausgangsschrift (VA) sowie die aus der DDR stammende Schulausgangsschrift (SAS).

          „Schluss mit dem Schriften-Wirrwarr!“, fordert deshalb eine 2010 gestartete Kampagne des deutschen Grundschulverbands. Der mitgliederstärkste Fachverband für Grundschullehrer und -lehrerinnen propagiert stattdessen die sogenannte Grundschrift. Diese besteht im Wesentlichen aus handgeschriebenen Druckbuchstaben, wie sie in der ersten Klasse ohnehin schon gelehrt werden. Neu sind lediglich kleine Wendebögen an einigen Kleinbuchstaben, die den Anschluss zum nächsten Buchstaben erleichtern sollen.

          Führt das nun zu weniger Kinderfrust und mehr Zeit für die wichtigen Dinge der Schulbildung, wie der Grundschulverband meint, oder zu einer ästhetischen Verarmung und einem Verkümmern feinmotorischer Fähigkeiten, wie die Befürworter der verbundenen Ausgangsschriften fürchten? Antworten aus der empirischen Bildungsforschung sind rar. In einer der wenigen Studien zum Thema befanden Forscher der Pädagogischen Hochschule in Luzern, dass Viertklässler, die eine der Grundschrift ähnliche Basisschrift gelernt hatten, schneller und trotzdem leserlicher zu schreiben vermochten als ihre Schulkameraden, die in der alten „Schnürlischrift“ schrieben.

          Schriften-Wechsel verwirrt

          Das widerspricht der vielfach geäußerten Sorge, die Grundschrift führe zu einer Verlangsamung der Handschrift und damit zu einem stockenden Fluss der Gedanken beim Schreiben. Tatsächlich gibt es bestimmte Faktoren beim Schreibenlernen, die sich hinderlich auf die Geschwindigkeit auswirken können. So untersuchten kanadische Forscher vor drei Jahren 715 Zweitklässler, die entweder die klassische Kombination „erst Druck-, dann Schreibschrift“ erlernten oder von Anfang an nur in einer der beiden Schrifttypen schrieben. „Ob Druckschrift oder Schreibschrift – Kinder sind besser dran, wenn nur ein Schrifttyp gelehrt wird“, fasst Studienleiterin Isabelle Montesinos von der Universität Quebec die Ergebnisse zusammen. Die auch in Deutschland übliche Umstellung der Schriftarten in den ersten Schuljahren dagegen hemme die Automatisierung der Schreibbewegungen und wirke sich negativ auf Rechtschreibung und Textqualität aus.

          Doch der Streit, welcher Schrifttyp nun die bessere Grundlage für die spätere Handschrift ist, scheint obsolet. Schließlich schreiben schon heute jüngere Erwachsene kaum noch mit der Hand, von gelegentlichen Notizen und Einkaufszetteln abgesehen. Oder auch im Falle eines ohne notarielle Beglaubigung nur handschriftlich gültigen Testaments. In den Niederlanden gibt es bereits 22 sogenannte Steve-Jobs-Schulen, in denen die Kinder weder Stift noch Papier, sondern ausschließlich Tablet-Computer als Unterrichtsmedium verwenden.

          Stift und Papier hilft beim Erinnnern

          Den Bedeutungsverlust der Handschrift mag man also betrauern, abwenden wird man ihn nicht. Ist das so schlimm? Tatsächlich gibt es Hinweise aus Bildungsforschung und Psychologie, dass digitale Medien weniger intensive Spuren im Gedächtnis hinterlassen als Stift und Papier. In einer Studie, die im vergangenen Jahr in Psychological Science erschienen ist, führten die amerikanischen Psychologen Pam Mueller und Daniel Oppenheimer insgesamt 65 Studenten der Princeton-Universität eine halbstündige Vorlesung auf Video vor. Dabei machten sich die Studenten ihre Notizen entweder auf einem Laptop oder mit Stift und Papier. Bei einem späteren Test zeigte sich, dass beide Gruppen zwar ähnlich gut beim Wiedergeben von Fakten waren, die von Hand mitschreibenden Studenten jedoch deutlich besser abschnitten, wenn sie nach komplexeren Zusammenhängen aus der Vorlesung befragt wurden. Und das, obwohl ihre Mitschriften wesentlich knapper ausfielen als die ihrer Mitstudenten. Die Forscher sehen gerade darin den Knackpunkt: Die höhere Schreibgeschwindigkeit mit dem Laptop verleite dazu, die Vorlesung wörtlich mitzuschreiben. Papier- und Stiftbenutzer würden deren Inhalt eher in eigenen, knappen Worten verarbeiten und besser verinnerlichen.

          Ähnliche Unterschiede finden sich auch beim Lesen am Bildschirm im Vergleich zum Lesen von auf Papier gedruckten Texten, wie unter anderem die norwegische Bildungsforscherin Anne Mangen von der Universität Stavanger 2013 in einer Studie mit Zehntklässlern herausfand. Ein Grund dafür, dass sich Papier und Druckerschwärze besser ins Gedächtnis einprägen, dürfte gerade bei längeren Texten die mangelnde räumliche Orientierung im digitalen Format sein, vermutet Mangen.

          Für solche Probleme könnte es in Zukunft aber bessere technologische Lösungen geben, ebenso wie für handschriftliche Notizen auf dem Tabletcomputer. Und Vorteile des digitalen Umgangs mit Sprache wie das leichtere Archivieren und das Teilen mit anderen oder die Vermeidung von Papiermüll sind auch nicht von der Hand zu weisen. Das gilt ebenso für die Notwendigkeit, schon Grundschüler verstärkt an den Gebrauch von Computern heranzuführen. „Die hohen Kosten sind dabei allerdings noch ein Problem. Und wir sollten vermeiden, dass sich dabei wieder eine öde Trainingskultur im Zehnfingertippen entwickelt, so wie früher mit dem Schönschreibunterricht“, sagt Ulrich Hecker, Grundschuldirektor in Moers und stellvertretender Vorsitzender des Grundschulverbands. Die Kulturtechnik des Handschreibens sieht Hecker keineswegs in Frage gestellt. Aber man dürfe darüber schon in der Grundschule nicht den Umgang mit einem anderen Kulturgut vernachlässigen: dem Computer.

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