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Im Gespräch : Abschied vom Schnörkel

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Doch der Streit, welcher Schrifttyp nun die bessere Grundlage für die spätere Handschrift ist, scheint obsolet. Schließlich schreiben schon heute jüngere Erwachsene kaum noch mit der Hand, von gelegentlichen Notizen und Einkaufszetteln abgesehen. Oder auch im Falle eines ohne notarielle Beglaubigung nur handschriftlich gültigen Testaments. In den Niederlanden gibt es bereits 22 sogenannte Steve-Jobs-Schulen, in denen die Kinder weder Stift noch Papier, sondern ausschließlich Tablet-Computer als Unterrichtsmedium verwenden.

Stift und Papier hilft beim Erinnnern

Den Bedeutungsverlust der Handschrift mag man also betrauern, abwenden wird man ihn nicht. Ist das so schlimm? Tatsächlich gibt es Hinweise aus Bildungsforschung und Psychologie, dass digitale Medien weniger intensive Spuren im Gedächtnis hinterlassen als Stift und Papier. In einer Studie, die im vergangenen Jahr in Psychological Science erschienen ist, führten die amerikanischen Psychologen Pam Mueller und Daniel Oppenheimer insgesamt 65 Studenten der Princeton-Universität eine halbstündige Vorlesung auf Video vor. Dabei machten sich die Studenten ihre Notizen entweder auf einem Laptop oder mit Stift und Papier. Bei einem späteren Test zeigte sich, dass beide Gruppen zwar ähnlich gut beim Wiedergeben von Fakten waren, die von Hand mitschreibenden Studenten jedoch deutlich besser abschnitten, wenn sie nach komplexeren Zusammenhängen aus der Vorlesung befragt wurden. Und das, obwohl ihre Mitschriften wesentlich knapper ausfielen als die ihrer Mitstudenten. Die Forscher sehen gerade darin den Knackpunkt: Die höhere Schreibgeschwindigkeit mit dem Laptop verleite dazu, die Vorlesung wörtlich mitzuschreiben. Papier- und Stiftbenutzer würden deren Inhalt eher in eigenen, knappen Worten verarbeiten und besser verinnerlichen.

Ähnliche Unterschiede finden sich auch beim Lesen am Bildschirm im Vergleich zum Lesen von auf Papier gedruckten Texten, wie unter anderem die norwegische Bildungsforscherin Anne Mangen von der Universität Stavanger 2013 in einer Studie mit Zehntklässlern herausfand. Ein Grund dafür, dass sich Papier und Druckerschwärze besser ins Gedächtnis einprägen, dürfte gerade bei längeren Texten die mangelnde räumliche Orientierung im digitalen Format sein, vermutet Mangen.

Für solche Probleme könnte es in Zukunft aber bessere technologische Lösungen geben, ebenso wie für handschriftliche Notizen auf dem Tabletcomputer. Und Vorteile des digitalen Umgangs mit Sprache wie das leichtere Archivieren und das Teilen mit anderen oder die Vermeidung von Papiermüll sind auch nicht von der Hand zu weisen. Das gilt ebenso für die Notwendigkeit, schon Grundschüler verstärkt an den Gebrauch von Computern heranzuführen. „Die hohen Kosten sind dabei allerdings noch ein Problem. Und wir sollten vermeiden, dass sich dabei wieder eine öde Trainingskultur im Zehnfingertippen entwickelt, so wie früher mit dem Schönschreibunterricht“, sagt Ulrich Hecker, Grundschuldirektor in Moers und stellvertretender Vorsitzender des Grundschulverbands. Die Kulturtechnik des Handschreibens sieht Hecker keineswegs in Frage gestellt. Aber man dürfe darüber schon in der Grundschule nicht den Umgang mit einem anderen Kulturgut vernachlässigen: dem Computer.

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