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Forschung in China : Der gelbe Drache pulverisiert die globale Hackordnung

Der Taikonaut soll Chinas Wissenschaftsaufstieg symbolisieren Bild: AFP

Chinas Forschung hat in diesem Jahr den Sprung geschafft. Nur noch Amerika investiert mehr in die Wissenschaft. Mit ungezügelt wachsenden Budgets entstehen pompöse Forschungstempel, und die Heere der Wissenschaftler wachsen.

          Auf dem Shanghaier Minhang Campus muß der wiedergeborene Drache sein Zuhause haben. Ein gigantischer Forschungspalast aus Granitplatten und Betonsäulen, dazu ein protziger Triumpfbogen, unter dem der Mensch zur Mikrobe schrumpft. Keine Studentenseele weit und breit. Dafür ein seelenlos dreischauender Sicherheitsbeamter vor der Pforte und eine ferngesteuerte Kamera in der Eingangshalle, die an der Wand im neckischen Blau den Schriftzug „Education“ führt. Der chinesische Drache mag ein Monster sein, von akademischem Stil oder studentischem Flair jedenfalls hält er nicht viel.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Doch was sind das für antike Kategorien in einem Reich, das sein Volk in diesem Jahr in einer einmaligen Dokumentarserie im Fernsehen auf die Rolle der wiedergewonnenen Weltmacht vorbereitet und die Kräfteverhältnisse auf der Weltkarte der Wissenschaft jedenfalls in ökonomischer Hinsicht eindrucksvoll gekippt hat. Vor fünf Jahren noch war China gleichauf mit Deutschland, was die Forschungsinvestitionen angeht. Heute liegt es nach einer Verdoppelung des Budgets schon vor Japan auf Platz zwei. Nur in den Vereinigten Staaten wird mehr Geld für Forschung und Innovation ausgegeben.

          Karten sind neu gemischt

          Die neue Statistik der OECD war vor wenigen Wochen kaum mehr als eine Randnotiz. Und doch verbirgt sich hinter den Zahlen eine gigantische Umwälzung. Denn der chineische Drache schwingt sich gerade mächtig auf, und er macht jede Menge Wind. Als vor ein paar Tagen drei chinesische Forscher und ein Franzose die Rekonstruktion eines zweiköpfigen Drachenfossils aus der Kreideformation desYixian im Nordosten Chinas in den „Proceedings“ der Royal Society präsentierten - ein Drachengesicht grinsend, das andere genießerisch ernst -, war dies fast schon Sinnbild für den Seelenzustand der chinesischen Wissenschaft.

          Forscherin im „Bio-X-Zentrum” von Schanghai

          Die Karten sind neu gemischt, und China hält das aussichtsreichste Blatt in der Hand, auf diese Botschaft läuft jede Begegnung mit den Funktionsträgern der Universitäten heute hinaus. Wie bei Lin Zhongquin, dem Vizepräsidenten der Jiao Tong University, die nach einer Verdreifachung der Universitätsfläche in fünf Jahren nicht weniger als sechs Campi in der 19-Millionen-Metropole Shanghai ihr Eigentum nennt. Darunter der grotesk-pompöse Geistercampus Minhang, auf dessen drei Quadratkilometern Fläche ein paar tausend Studenten schnell verloren gehen. Doch China baut seine Wissenschaftstempel für morgen, nicht für heute. Für seine Heere von Forschern, die aus dem In- und Ausland rekrutiert und internationales Format bekommen sollen. Mehr als 1600 Publikationen in hochrangigen internationalen Zeitschriften, „fünfmal soviele wie Anfang er neunziger Jahre“, preist Lin als eine der wichtigsten Errungenschaften seiner Hochschule - neben Programmierweltmeistern und Tischtennisassen auf dem Campus.

          „Brain Gain ist ein Projekt mit staatlicher Priorität“

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