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Mahnbrief für EU und Brasilien : Warum die Aufklärer keine Ruhe geben

Mit Kettensäge im Regenwald des Amazonas in Brasilien: In den vergangenen 25 Jahren ist eine Fläche von 239 Millionen Hektar an Naturwäldern vernichtet worden. Bild: dpa

Aufgebrachte Wissenschaftler, Unterschriftenlisten, Mahnbriefe: Wie die Jugend reiben sich Forscher immer offener an der Politik. Das liegt nicht nur am neuen Populismus.

          Wenn Wissenschaftler sich unverblümt mit einer Protestnote ins politische Tagesgeschäft einmischen, wird ganz genau hingesehen: Sind es Einzelne, die nicht auf Linie sind, ignoriert oder isoliert man sie. Sind es einige, erinnert man sie – mit dem Hinweis auf die politischen Spielregeln – an ihren Auftrag. Sind es aber Hunderte oder Tausende, wie neulich in einem in „Science“ veröffentlichten Unterstützerbrief für die Schülerproteste „Fridays for Future“ oder wie jetzt in einem ebenfalls in „Science“ publizierten Ersuchen an die EU-Kommission, Brasiliens Indigene in ihrem Kampf für die Erhaltung des Amazonas-Regenwaldes durch eine auf Nachhaltigkeit pochende Handelspolitik zu unterstützen, muss man auf polemische, selbstherrliche Bemerkungen nicht lange warten.

          Überlasst das den Profis – die Standpauke des Freidemokratenchefs Christian Lindner an die jungen Klimaschützer ließ keinen Zweifel zu: Es geht nicht um die Qualität des Arguments, sondern um die Farbe der Tinte, mit der die Protestnote eingereicht wird. Die traurige Realität der ungebremsten Erderwärmung fällt unter den Tisch. Fakt ist: Brasiliens Waldverluste von 1,35 Millionen Hektar allein für das vergangene Jahr sind die größten weltweit, und sie bedrohen neben dem sozialen Frieden im Land auch die Stabilität des Weltklimas. Europa ist zweitgrößter Handelspartner Brasiliens. Viehweiden, Eisenminen – die Regenwaldfläche, die allein zu Lasten der Bedürfnisbefriedigung von Europäern geht, entspricht vorsichtig geschätzt Hunderten von Fußballfeldern – jeden Tag.

          Das Vorsorgeprinzip und der Fortschritt

          Europa hat also Verantwortung, genauso wie es Macht besitzt in den Handelsgesprächen. Die EU-Kommission an diese Verantwortung zu erinnern, wie sich das nun Wissenschaftler öffentlich herausnehmen, nicht aber Politiker von Rang, verrät einiges über das sich verändernde Spannungsverhältnis von Politik und Wissenschaft. Das einst von Europäern in der Umwelt- und Gesundheitspolitik durchgesetzte Vorsorgeprinzip nervt viele Politiker zusehends. Der alternative Ansatz, das „Wissenschaftsprinzip“, das man auch die amerikanische Regel nennen könnte, wonach nur solche Risiken überhaupt betrachtet werden sollen, die wissenschaftlich als abschließend belegt gelten (was ist schon sicher?), spielt kaum noch eine Rolle. Vorsorge ist das neue Wissenschaftsprinzip.

          Wie es dazu kam? Nennen wir es Fortschritt. Fortschrittsfetischist Lindner würde es ungern so bezeichnen, aber genau darum handelt es sich. In der Medizin ist’s ein Segen: Prävention. Doch auch hier muss sich das Vorsorgeprinzip (Gesundheitsaufklärung) mühsam gegen Beharrungskräfte wehren. Dabei gehört dieser Fortschritt zur Logik der Aufklärung. Empirische und theoretische Forscher verfügen mittlerweile über so ausgefeilte Werkzeuge, Methoden und über so viele Daten, dass sie die Kurzsichtigkeit, mit der die Politik (auch wahlstrategisch) geschlagen ist, hinter sich lassen können. Unser Blick auf die Vergangenheit und mögliche Zukünfte weitet sich immer mehr, immer schneller. Trotzdem wollen es sich einige (auf Kosten anderer) immer noch leisten, blind und selbstherrlich in die Zukunft zu stolpern.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

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