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Brief an EU-Kommission : Forscher machen Front

Frei erfundene Aussagen: Ursula von der Leyen während des Nato-Gipfels in Brüssel Bild: EPA

Der Ernstfall für die Ex-Verteidigungsministerin: „Innovation und Jugend“ ist Tausenden europäischen Wissenschaftlern zu wenig. Deshalb haben sie von der Leyen in einem Brief aufgefordert, das EU-Kommissariat umzubenennen. Ein Kommentar.

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          Von der Vorstellung, die deutsche EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen habe sich bei der Organisation und Benennung ihrer künftigen Ressorts vor allem von positiven Motiven leiten lassen, ist nicht jeder zu überzeugen. Das geplante Kommissariat für „Innovation und Jugend“ jedenfalls ist durchgefallen. Note: „ungenügend“.

          Für das offizielle Brüssel gilt das zwar noch nicht, wohl aber für die Wissenschaftler und Institutionen, die sich jetzt durch ihre zehntausend Unterschriften in einem offenen Brief vehement gegen die namentliche Verkürzung der Forschungs- und Bildungsressorts ausgesprochen haben. Darunter sind auch 18 europäische Nobelpreisträger. Nun ist der Versuch, bürokratisch komplexe Dinge einfach zu machen und diffuse Konzepte auf den Punkt zu bringen, erst einmal kein schlechter Ansatz. Brüssel war zumindest nicht bekannt dafür, die Dinge zu vereinfachen. Allgemein gelobt wird auch, dass Bildung und Wissenschaft zum ersten Mal seit langem wieder in einer Hand liegen sollen, in der einer jungen bulgarischen Politologin und Philologin nämlich, Mariya Gabriel, die vor zwei Jahren für Günther Oettinger ins Digitalressort nachgerückt war.

          Die Kaltschnäuzigkeit freilich, mit der von der Leyen die bisherigen Ressorts „Forschung, Wissenschaft und Innovation“ auf der einen und „Bildung, Kultur, Jugend und Gesellschaft“ auf der anderen zusammenfassen und auf die Begriffe Innovation und Jugend zusammenschrumpfen lässt, kommt nicht gut an. Nicht jede populäre Pose erfüllt offensichtlich Albert Einsteins Anspruch, die Dinge möglichst einfach zu sagen, aber eben auch nicht einfacher. Und es stimmt ja: Innovation ist wie die Jugend mittlerweile allgegenwärtig und vielschichtig. Der ehemalige DFG-Präsident Peter Strohschneider hatte darauf schon vor zwei Jahren zu Recht hingewiesen, als die neue Innovationslust „die Wissenschaftsorganisierung“ längst mit immer neuen Paradoxien zu drangsalieren begann. Ein Paradox ist die unbotmäßige, fast schon automatisierte Anbindung der Begriffe Bildung und Forschung an den herrschenden Diskurs um Wirtschaftswachstum und Wohlstand. Das freie Spiel der Märkte schon da anzusetzen, wo es erst einmal darum geht, die Voraussetzungen für eine erfolgreiche Wissensgesellschaft zu schaffen, ist ja wirklich nicht zwingend. Vor der Wertschöpfungskette der Innovationen steht nun einmal die Grundlagenforschung, und vor dem eifrigen Meister steht die Schule.

          Schlüsselbegriffe der Aufklärung

          So gesehen sind also Bildung und Wissenschaft nicht etwa veraltete Chiffren für überholte Werte, sondern Schlüsselbegriffe der Aufklärung. Bildung betrifft nicht nur die Jugend, und Innovation berücksichtigt nicht jede Forschung. Diese Begriffe nun also massentauglich zu machen, indem man sie in zeitgenössischen Vokabeln aufgehen lässt, wie von der Leyen das vorhat, ist allenfalls ästhetisch zu erklären, birgt aber kein geringes Risiko: Die Verlustängste jedenfalls werden mit der Kurzformel Innovation und Jugend nicht geringer und verschärfen nurmehr die alten Debatten etwa um das Nützlichkeitsgebot von Forschung und Bildung. Das kann mit dem Ziel frischer Wind für Brüssel kaum gemeint gewesen sein.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

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