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Affäre in der Covid-Forschung : Eine epische Schlacht um verlorene Leben

In einem Zimmer auf der Intensivstation eines Berliner Krankenhauses wird ein Patient mit einem schweren Covid-19 Krankheitsverlauf behandelt. Bild: dpa

John Ioannidis galt als Ikone für Qualitätsforschung. In der Pandemie gibt er den Verharmloser und provoziert mit Machtspielen. Für die querdenkenden Populisten reicht das zur Galionsfigur.

          3 Min.

          Die Tragödie begann vor ungefähr einem Jahr. Ihre Hauptfigur, John Ioannidis von der Universität Stanford, einer der zehn meistzitierten Forscher der Welt, war da längst Herakles, und die biomedizinische Welt war sich sicher, keine anderen Götter fürchten zu müssen, solange Ioannidis, ihr Schutzpatron, die Hand über sie hielt. Wissenschaftliche Evidenz hatte ein Gesicht.

          Joachim Müller-Jung
          (jom), Feuilleton, Natur & Wissenschaft

          Als Ioannidis im Jahr 2005 der Welt erklärt hatte, warum die Forschung seriöser mit Statistiken umgehen und ihre Studien sorgfältiger planen muss, um reproduzierbare und damit vertrauenswürdigere Ergebnisse zu produzieren, war der Held geboren. Der Personenkult um den griechisch-amerikanischen Statistiker flaute nicht ab – nicht weil die Forschung von nun an revolutionär richtige und haltbare Resultate lieferte, sondern weil Ioannidis einen neuen skeptischen Geist entfachte. Ioannidis gründete an der kalifornischen Küste das Meta-Research Innovation Center in Stanford, kurz Metrics, einen Tempel der datengetriebenen Forschung. Kurz vor Beginn der Covid-19-Pandemie wurde er vom Berlin Institute of Health berufen, seinen outspoken-skeptischen Geist drei Jahre lang als BIH-Fellow im neuen biomedizinischen Mekka der Hauptstadt zu installieren. John Ioannidis und Christian Drosten, der Coronavirus-Experte, arbeiten also gewissermaßen unter einem Dach. Denn das BIH und die Charité gehören zusammen.

          Wissenschaftlich und kommunikativ allerdings könnte die Trennlinie zwischen den beiden deutlicher nicht sein – nicht mehr. Wie Drosten hatte Ioannidis kurz nach Beginn der Pandemie öffentlich davon gesprochen, dass es sich nach den aus China vorliegenden Daten zur Übertragungsfähigkeit des neuartigen Coronavirus um eine ansteckende Erkältungskrankheit handeln könnte. Drosten hat sich längst revidiert, die Datenlage über die Covid-19-Zahlen und -Folgen ließ bald keinen anderen Schluss mehr zu. Ioannidis dagegen bleibt bis heute dabei. In Videos, wissenschaftlichen Aufsätzen, egal wo, der Statistiker hält die Covid-19-Pandemie für nicht viel schlimmer als eine Grippe. Seine Evidenzen aber sind dünn, und sie werden immer dünner, je mehr Menschen vorzeitig an Covid-19 sterben. Drei Millionen sind es inzwischen weltweit.

          Auf 0,15 Prozent weltweit taxierte Ioannidis in seiner jüngsten Veröffentlichung im „European Journal of Clinical Investigation“ die Infektionssterblichkeit (IFR). Mit ihr wird der Anteil der Covid-19-Toten an allen Infizierten (nicht nur den offiziell positiv Getesteten) beziffert. Wie hoch sie ist, hängt von sehr vielen Faktoren ab, etwa dem Anteil junger und alter Menschen, der Gesundheitsversorgung, auch von der gewählten Stichprobe.

          Ioannidis hat nun sechs Übersichtsarbeiten zur pandemiebedingten IFR ausgewertet – eine davon war seine eigene. Und obwohl Statistiker wie Walter Krämer in der jüngsten „Unstatistik des Monats“ mit guten Argumenten immer wieder deutlich machen, dass mitten in der Pandemie eine globale IFR-Berechnung nichts weiter als eine „interessante Zahlenspielerei“ ist, hat Ioannidis den Rundumschlag versucht. Angetrieben war Ioannidis von den zahlreichen Kritiken, die ihn nach seinen ersten Verharmlosungsversuchen erreichten. An einem australischen Doktoranden der University Wollongong, Gideon Meyerowitz-Katz, arbeitete sich der Stanford-Professor derart intensiv ab, dass er in seiner Publikation den jungen Forscher ad personam als inkompetent, „unerfahren“ und ohne einschlägige Publikationserfahrung in die Studienkritik einschloss.

          Auf Twitter tobte darauf ein Sturm. Tatsächlich hatte Meyerowitz-Katz eine zum Thema schon im Preprint-Status vielzitierte Arbeit im „European Journal of Epidemiology“ veröffentlicht. Für Carl Bergstrom von der University of Washington in Seattle, einen ausgewiesenen Kritiker minderwertiger Forschung, war die persönliche Attacke des Stanford-Kollegen gegen Meyerowitz-Katz und eine weitere junge Gesundheitsökonomin ein „ungeheuerlicher“, unsachlicher, „noch nie erlebter Vorgang“. Die Folge: Ioannidis tilgte die Namen, blieb bei seiner Kritik und nahm die erste Fassung seiner Publikation aus dem Netz. Auch das ein unerhörter Vorgang: Ein einmal publizierter Aufsatz wird gelöscht und die Neufassung nicht einmal gekennzeichnet. Auch die Redaktion beim Wiley-Verlag ließ die Sache auf sich beruhen. Ioannidis war vor nicht allzu langer Zeit selbst Chef-Editor des Journals.

          So wenig zimperlich Ioannidis im Umgang mit anderen Wissenschaftlern und den publizistischen Gepflogenheiten war, so oberflächlich war der Evidenz-Papst offenbar mit den eigenen Zahlen. In seiner Meta-Analyse berücksichtigte er (wie in seiner eigenen Vorstudie) so konsequent nichtrepräsentative Stichproben, dass es zu absurden Ergebnissen kam: Für Schottland errechnet er etwa eine IFR von 0,06 Prozent, was selbst dann nicht stimmen könnte, wenn jeder der mehr als fünf Millionen Schotten sich infiziert hätte. Inzwischen sind nämlich mehr als 0,13 Prozent der schottischen Bevölkerung offiziell an Covid-19 gestorben. Solche völlig unmöglichen Sterblichkeitsraten gibt Ioannidis für sechs weitere Länder-IFR an. Tatsächlich sind Ioannidis’ Sterblichkeitsziffern weit entfernt von den allermeisten anderen Zwischenanalysen, die eine mittlere globale Infizierten-Sterberate von 0,6 bis 0,8 Prozent ermittelt haben – die Weltgesundheitsorganisation eingenommen. Die hat den angeschlagenen Stanforder Statistikhelden in ihrer jüngsten Sterblichkeitsanalyse nicht einmal mehr zitiert. Stattdessen wird Ioannidis von der AfD als Kronzeuge ihrer Verharmlosungskampagne benutzt.

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