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Artensterben : Wie wenig ist zu viel?

Letzten ihrer Art: Nördliche Breitmaulnashörner im Ol Pejeta Schutzgebiet in Kenia. Bild: dpa

Umweltverschmutzung, Wilderei und Zerstörung der Lebensräumen: Der gravierende Einfluss des Menschen auf die Artenvielfalt kann nicht geleugnet werden. Doch wann ist eine Art wirklich gefährdet?

          Es ist ein neuer Versuch, das politisch immer noch weitgehend unterbelichtete Thema der Ökosystemzerstörung auf einen wissenschaftlichen Nenner zu bringen: Auf mehr als der Hälfte der Landoberfläche unseres Globus, genauer: auf 58 Prozent, hat die Biodiversität den „sicheren“ Korridor verlassen - jene Schwelle, unterhalb derer die Stabilität und Produktivität der Lebensgemeinschaften gefährdet ist. In der Klima- und Nachhaltigkeitsforschung kennt man solche statistischen Modellierungsversuche, die Funktionstüchtigkeit von Ökosystemen quantitativ zu definieren, mittlerweile unter dem Begriff der „planetaren Grenze“ oder „Leitplanken“.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Ein umstrittenes Konzept, durchaus, zumal in der Biodiversitätsfrage. Denn genau zu definieren - zumal in globaler Hinsicht -, was als sicher oder unsicher, was als gefährlicher Verlust an Stabilität oder Produktivität zu gelten hat, das ist für komplexe und kleinteilige Lebensgemeinschaften noch viel schwieriger als für polare Eisschilde oder Grundwasserreserven. Trotzdem hat die internationale Gruppe um Tim Newbold vom World Conservation Monitoring Center des UN-Umweltprogramms die anspruchsvolle Rechenaufgabe versucht und in der Zeitschrift „Science“ veröffentlicht (doi: 10.1126/science.aaf2201).

          Grundlage dafür waren 1,8 Millionen Bestandserhebungen für 39 123 Arten an mehr als 18.600 Standorten weltweit. Ausgenommen waren alle Gewässer, auch die großen Meereslebensräume. Für die Beurteilung, ob die Schwelle einer intakten Lebensgemeinschaft unterschritten ist, hat man die Zahl der ermittelten Arten und ihre (meist geschätzten) Populationen mit dem (hypothetischen) Lebensraum in seiner ursprünglichen Artenbesetzung verglichen. Zusätzlich wurden, sofern Angaben dazu möglich waren, die Zahl neu eingewanderter oder eingeschleppter Arten berücksichtigt, die bestimmte Ökosystemfunktionen übernehmen können - etwa die Bestäubung von Pflanzen, die Erzeugung von Holz und damit Kohlenstoffspeicher oder, was seltener vorkommt bei Neozooen und Neophyten, die Kontrolle von Schädlingen. Würde man solche ökologischen Serviceleistungen bezahlen müssen, kommt man leicht auf viele Billionen Euro im Jahr.

          „Kippelemente“-Theorie

          Müsste das also demnach nicht bedeuten, dass ein Verlust dieser Ökosystemleistungen längst - auch ökonomisch - spürbar wäre? Tatsächlich ist er es in vielen Gegenden zumindest in der Landwirtschaft längst. Und es könnte schlimmer kommen. Wenn nämlich stimmt, dass mehr als die Hälfte der Lebensgemeinschaften die als „noch sicher“ definierte Schwelle von zehn Prozent Artenverluste beziehungsweise zwanzig Prozent Bestandsverluste (bezogen auf Häufigkeit der ursprünglich vorhandenen Arten) bereits gerissen haben, dann ist es um die Stabilität der meisten Ökosysteme schlecht bestellt. Der Ersatz der alten durch neue Arten mindert den Anteil der „unsicheren“ Lebensräume global um allenfalls zehn Prozent.

          Im Sinne der „Kippelemente“-Theorie hieße das: Die Abwärtsspirale schreitet unaufhaltsam fort. Eine gewagte Aussage. Für Naturschutzforscher wie Carsten Neßhöver vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Leipzig liefert die Studie jedenfalls noch nicht genügend stichhaltige Belege: „Die Bedingungen in Ökosystemen und ihrer Reaktion auf Landnutzungsänderungen in Artenzahl und Häufigkeit sind zu vielfältig, um sie so stark zusammenzufassen“, sagte der Forscher dem Science Media Center (SMC). „Auf der globalen Ebene“, so Neßhöver, „die die Studie anspricht, kann man solche Schwellenwerte kaum festlegen.“ Dieter Gerten, der am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung mit planetaren Grenzen befasst ist, hält die Studie dennoch für ein wichtiges Signal: „Die Studie zeigt, dass der Artenverlust aufgrund der verbreiteten Überschreitung der Toleranzgrenzen in der Tat eines der wesentlichsten globalen Umweltprobleme darstellt.“

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