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FAZ.NET-Tweetstory: #LiNo15 : Als Wunderkind unter 65 Nobelpreisträgern

Medizinabsolventin Minu Tizabi auf dem Campus Neuenheimer Feld der Universität Heidelberg Bild: Joachim Müller-Jung

Jüngste Abiturientin, jüngste Ärztin aller Zeiten: Die Pforzheimerin Minu Tizabi macht sich auf zum großen Nobelpreisträgertreffen am Bodensee. Für FAZ.NET twittert sie eine Woche lang aus Lindau.

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          Sie war mit 14 Jahren die jüngste deutsche Abiturienten aller Zeiten, sie ist jetzt mit 22 die jüngste Ärztin der Geschichte und steckt schon mitten drin in ihrer Karriere als Krebsforscherin, kurz: Minu D. Tizabi schnuppert am Nobelpreis. In der kommenden Woche wird die Pforzheimerin für FAZ.NET  allerdings erst einmal von ihrem Treffen auf der 65. Lindauer Nobelpreisträgertagung aus Lindau berichten - oder anders gesagt: Das Wunderkind wird für uns vom Bodensee twittern. In ihrem #LiNo15-Twittertagebuch wird sie über ihre Begegnungen mit den 65 preisgekrönten Häuptern aus aller Welt schreiben, was sie über die Geniestreiche der Laureaten lernen kann und wen sie Interessantes trifft - jeweils auf 140 Zeichen, kurz und konzentriert, wie alle Stationen ihres noch jungen Lebens.

          F.A.Z.-Artikel aus dem Sommer 2007, als die märchenhafte Schulkarriere von Minu bundesweit bekannt wurde.
          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          „Lindau ist ein echter Höhepunkt, darauf will ich mich vorbereiten“, sagt Minu kurz vor dem Aufbruch, und dabei geht es ihr nicht nur um die inhaltliche Vorbereitung auf Vorträge, Masterclass, Science Breakfast und Podiumsdiskussionen. Minu will für das Megatreffen der Superschlauen passend gekleidet sein. Knapp 700 Studenten aus fast neunzig Ländern wird sie in Lindau treffen, allesamt hochtalentierte, leistungsbereite und nach strengen Kriterien und Länderquoten ausgewählte Nachwuchsforscher, die von der Nobelpreisträger-Stiftung eine Art Nobelpreis-Schnupperwoche mit Urlaubsflair zugesprochen bekommen haben.

          Grillfeste und Tretbootgelegenheit, das Sommerfest mit der Bundesforschungsministerin auf Schloss Montfort zum Start an diesem Samstagabend sowie die Begegnung mit dem Bundespräsidenten am Sonntag in der Inselhalle - all das, so scheint es, hat sich Minu Tizabi aus Pforzheim mindestens genauso verdient wie die 65 Medizin-, Chemie- und Physiknobelpreisträger, die für den einwöchigen Trip nach Lindau eingeladen wurden. Sechs Jahre lang, zwölf Semester, hat sich die Überfliegerin davor im Neuenheimer Feld in Heidelberg hinter Bücher und Labortische geklemmt. Als sie im Sommer 2007 mit 14 Jahren vom Pforzheimer Hebel-Gymnasium gegangen und zum Medizin-Studium an die Uni Heidelberg gegangen war - mit der Abiturnote 1,0, als Schulbeste in Mathematik und Englisch - da fragte sich mancher, wann der Einbruch wohl auch bei ihr kommen könnte. Büffeln ist kein hundertprozentiger Pubertätspuffer.

          Entspannt im Botanischen Garten.

          Doch hinter respektablen Schlagzeilen wie „Deutschlands neue Elite“ in der „Welt“ oder „Die Minu“ in der „taz“ verbarg sich vor allem eines: die Erwartung einer ganz großen Karriere. Gründe dafür hatte Minu bis dahin schon reichlich geliefert. Mit drei konnte sie lesen, den Kindergarten ließ sie aus. Ihr Vater, Djamshid Tizabi, ein gebürtiger Iraner, Elektroingenieur und nach dem frühen Tod von Minus Mutter Dietlinde als Nachhilfelehrer selbständig, förderte die bildungshungrige Minu in jeder freien Minute. „Buchstaben statt Bauklötze“, hieß es später. Und tatsächlich war Minu nicht nur ausgesprochen neugierig, sie saugte Wissen und Fertigkeiten wie ein Schwamm auf. 1999, mit sechs Jahren, kommt sie in die Schule, sie kann schreiben, lesen und rechnen, kann auch schon einiges auf Englisch und Französisch, etwas Persisch kommt hinzu.

          Minu startet in der dritten Klasse. Zwei Jahre später wechselt sie in die sechste Klasse am Pforzheimer Hebel-Gymnasium. Vier Schuljahrgänge lässt sie bis zum Abitur im Sommer 2007 aus. Das Medizin-Studium im englischen Cambridge war danach ihr Ziel. Minderjährig, mit 14, darf man dort jedoch nicht studieren. Also Heidelberg, im internationalen Ranking deutsche Spitzenuni. Verkürzen geht jetzt nicht mehr. Also nimmt sie mit, was geht: Nach dem Physikum, dem ersten Abschnitt des Medizinstudiums, packt sie quasi nebenbei ein Laborprojekt am Institut für Anatomie und Zellbiologie an, etabliert eine Zelllinie. Später startet sie ihre wissenschaftliche Arbeit im MD/PhD-Programm, das Medizin und Biowissenschaften in Heidelberg zusammenführt. Ihr Projekt am Deutschen Krebsforschungszentrum, gleich neben ihrer Fakultät, beschäftigt sich mit Signalübertragung und Wachstumskontrolle in Hirntumorzellen. Onkologie ist ihr Ziel, Tumorstammzellen - eines der heißesten Gebiete der Biomedizinforschung - sind ihr Steckenpferd (hier ihr Lindau-Blogbeitrag zum Thema).

          Minu in der Heidelberger Medizin-Bibliothek.

          Nun also, in einem Alter, wenn die meisten die ersten Physikkurse besuchen und ihre ersten Leichen studieren, schreibt sie routiniert über Krebsentstehung und reicht mit dem dritten Examen in der Tasche ihre Approbation als Ärztin ein. Noch nie hat ein Student in Deutschland so früh die Arztzulassung erhalten. Ihre letzte Prüfung legte sie kürzlich mit 22 Jahren und neun Monaten ab - allerdings auch nur drei Monate früher als ihre Heidelberger Bekannte, die junge gebürtige Chinesin Christine Zhang.

          Ob sich solche Überflieger selbst verwirklichen können? Fotografieren, Bücher kaufen und lesen, selbst Gedichte schreiben, Amateurastronomie - Minu hat einige weltliche Interessen. Und doch ist die Universitätsbibliothek ihre Kathedrale. Wie weiter also? „Lindau ist mein nächstes große Projekt“, sagt sie, zum Genießen vielleicht, ja, aber vor allem wohl zum Netzwerken. Denn ihr Blick geht schon längst in die höchsten Etagen der Krebsforschung: Nach dem Lindauer Nobelpreisträgertreffen macht sie sich auf den Weg nach Cambridge. Nicht das britische, von dem sie als Vierzehnjährige träumte, sondern das amerikanische Cambridge: Am Massachusetts Institute of Technology (MIT) wird sie sich von der Tumorstammzellelite an die Grenzen des biomedizinischen Fortschritts leiten lassen. Konzentriert, wie immer: Erstmal nur drei Monate wird sie dort bleiben und lernen. Dann stürzt sich Minu in ihre Promotionsarbeit in Heidelberg; und arbeitet sicher zielstrebig daran, in ein paar Jahren wieder nach Lindau zu kommen - dann allerdings nicht mehr als Nachwuchsforscherin.     

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