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Einem geübten Eisvogel entwischt keine Beute. Die Erfolgsquote beim Fischfang liegt bei hundert Prozent. Foto: Jaap La Brijn

Wie ein Blitz vom Himmel

Von CORD RIECHELMANN
Einem geübten Eisvogel entwischt keine Beute. Die Erfolgsquote beim Fischfang liegt bei hundert Prozent. Foto: Jaap La Brijn

06.04.2019 · Der Eisvogel ist berühmt für sein leuchtendes Federkleid. Viele kennen ihn nur aus der Bierwerbung. Wer das Glück hat, ihn in freier Natur zu beobachten, erlebt einen unglaublich geschickten Jäger.

A ls dunkel und schwer verständlich angesehen, wird oft verkannt, dass der Dichter Paul Celan mit seiner Sprache bestimmte Momente erstaunlich klar erfasste. „Stimmen, ins Grün / der Wasserfläche geritzt. / Wenn der Eisvogel taucht, / sirrt die Sekunde: .../,“ heißt es etwa in den ersten Versen in dem Gedichtband „Sprachgitter“, der 1959 im S.Fischer Verlag erschienen ist. Und das ist eine ziemlich genaue Beschreibung dessen, was geschieht: Wenn ein Eisvogel einen Fisch im Wasser erblickt und zum Fangstoß ansetzt, dauert es vom Eintauchen bis zum Ergreifen der Beute meist weniger als eine Sekunde. Da sirrt dann tatsächlich die Sekunde, nimmt man das Geräusch des Eintauchens wie das des Wiederauftauchens hinzu.

Foto: Getty

In der Regel haben sich die Eisvögel bereits unter Wasser, nachdem sie den Fisch mit dem Schnabel gepackt haben, so ausgerichtet, dass sie – wie in einer Bewegung – mit dem Auftauchen gleich zum Flug überwechseln können. Selten nur bleiben die Vögel mit ausgebreiteten Flügeln kurz auf der Wasseroberfläche liegen, um die Tropfen abzuschütteln und dann auch bald abzuheben. Ihr Flug erfolgt, gradlinig und mit schnellen Flügelschlägen, meist so dicht über dem Wasser, dass sich das Bild einer geritzten Fläche tatsächlich aufdrängt – wenn man denn den Sinn hat für die Vögel und ihre Erregungsrufe: ein scharfes, fast zweisilbig gedehntes „tjii“.


Allerdings sind es meist nicht die Ohren, sondern eher die Augen, mit denen man Eisvögel wahrnimmt. Fliegen sie etwa an einem Bach oder Stadtteich von ihrer Sitzwarte auf und über das Wasser weg, kommt ihnen jemand zu nahe, dann blitzt einen bei Sonnenschein ein türkis- oder kobaltblauer Streifen an, der den Vogel vom Nacken bis zum Schwanz glänzen lässt. Die leuchtenden Farben des Eisvogels überblenden seine Lautäußerungen regelrecht. Wer schon einmal einen Eisvogel sah und ihn beschreiben soll, dem werden wohl der blaue Rücken, der orangebraune Unterleib und die stark kontrastierenden weißen Seitenflecken am Hals einfallen. Kaum jemand wird sich an die durchdringend gepfiffenen „tiht-tiht“-Kontaktlaute erinnern.


Es zeugt im Großen und Ganzen nicht einmal von besonderer Ignoranz, wenn dieser Vogel nur als türkisblauer Blitz in Erinnerung blieb, denn in der Regel haben bunte Vögel ein weniger ausgeprägtes Lautrepertoire als unauffällige wie zum Beispiel Amsel oder Nachtigall. Das bedeutet jedoch nicht, dass sie allein optisch über das Farbenspiel kommunizieren. Bei den heimischen Eisvögeln, um die es hier vor allem gehen soll, lassen sich immerhin sieben verschiedene Rufe beschreiben, welche sie durchaus rhythmisch und melodisch im Kontext variieren können. Was trotzdem nichts daran ändert, dass der europäische Eisvogel Alcedo atthis, der im Englischen als „common kingfisher“ bezeichnet wird und dessen Bestand auf 79 .000 bis 160. 000 Tiere geschätzt wird, zu den stilleren Vertretern seiner ornithologischen Familie der Eisvögel, den Alcedinidae, gehört. Er ist neben dem afrikanischen Graufischer (Ceryle rudis) das bekannteste und bestuntersuchte Familienmitglied und dominiert unser Bild von dieser Vogelschar, was ihr nicht völlig gerecht wird.

Alcedo atthis, der europäische Eisvogel, führt ein bewegtes Dasein. Foto: Riccardo Trevisani

Die Familie der Eisvögel umfasst 92 Arten, von denen ein Drittel die klassische Lebensweise des hiesigen Eisvogels führt. Die zwei anderen Drittel halten sich vorwiegend abseits der Gewässer auf, und für ihre Lebensweise könnte der in Färbung und Größe unserem Eisvogel ähnliche, afrikanische Braunkopf-Zwergfischer (Ceyx lecontei) als Paradebeispiel dienen. Dieser Zwergfischer lebt im tropischen Regenwald und ernährt sich hauptsächlich von Insekten. Es gibt außerdem noch typische Savannen- und Gartenbewohner wie die australischen Kookaburras, die down under nicht zuletzt deshalb ziemlich beliebt sind, weil sie sich von Schlangen ernähren.

Einige typische Merkmale, die allen gemein sind und die Familie kennzeichnen, lassen sich dennoch am gewöhnlichen Eisvogel gut beschreiben. Da wäre zum einen die merkwürdige Mischung aus Scheue und Anpassungsfähigkeit. Den Eisvögeln kann man eigentlich nicht zu nahe kommen, irgendwann fliegen sie weg. Und sie bevorzugen eine verborgene Lebensweise, trotz ihrer Farbenpracht gelingt es ihnen zum Beispiel in Wäldern, ähnlich den bunten Pfauen- oder Fasanenhähnen, im Licht- und Schattenspiel ihrer Umgebung zu verschwinden.

Dass Eisvögel den direkten Kontakt mit Menschen scheuen, bedeutet aber nicht, dass sie auf Habitate fern jeglicher Zivilisation angewiesen sind. Tatsächlich hielten europäische Eisvögel vergleichsweise früh in urbane Lebensräume Einzug, und sie haben nicht nur Stadtteiche, sondern auch Gartentümpel mit Zierfischen für sich als Nahrungsgründe entdeckt. Ihr weites Verbreitungsgebiet – von Europa über Sachalin bis nach Japan und die Inseln Indonesiens sowie Melanesiens – spricht ebenfalls dafür, dass die Vögel recht anpassungsfähig sind.

Während manche Populationen, etwa die skandinavischen, im Herbst weite Strecken zurücklegen, um vor Winterkälte zu fliehen, zählen die Vögel Mitteleuropas zu den sogenannten Standvögeln. Für die territorialen Vögel hat das den Vorteil, dass sie ihr Herrschaftsgebiet das ganze Jahr über besetzen können und es nicht jedes Frühjahr neu erobern müssen. Zum Nachteil geraten ihnen dann aber extrem kalte Monate, die den Populationen erheblich schaden können.

In solch harten Wintern erfrieren gar bis zu achtzig Prozent der Eisvögel, und es kann fünf bis sieben Jahre dauern, bis sich die Bestände wieder erholt haben. Dass die Zahl der Eisvögel in den letzten Jahren relativ stabil geblieben ist, hängt unter anderem damit zusammen, dass sie die Städte als Lebensraum entdeckt haben, wo die Temperaturen nie so tief fallen wie im Umland. In Berlin sollen beispielsweise acht Paare leben, der Brutbestand in Deutschland wird auf 4500 bis 7000 Exemplare geschätzt. Im Prinzip hat sich auch nichts daran geändert, dass sie auf Natur – und insbesondere saubere Gewässer angewiesen sind. Die nach wie vor anhaltende Verschmutzung der Umwelt setzt ihnen zu. Wenn nun allgemein ein Niedergang von Vogelarten, Insekten und Säugetieren festgestellt wird, sind die Eisvögel davon nicht ausgenommen.

Die Jagdmethode des Eisvogels ist das Stoßtauchen. Foto: dpa

Als Brutplatz bevorzugt Alcedo atthis langsam fließende oder stehende Gewässer mit guten Sichtverhältnissen – und einem reichhaltigen Angebot an Kleinfischen, Insekten, Kaulquappen und jungen Fröschen. Um diese überhaupt erspähen zu können, benötigen sie geeignete Aussichtsplätze: Beliebt sind Äste, aber man sieht Eisvögel ebenso auf Bootshäusern, Steganlagen oder Stromleitungen sitzen. Dabei nicht gerade wählerisch, heikel wird es jedoch beim Nestbau: Sie brauchen überhängende oder senkrechte Abbruchkanten, in die sie ihre Bruthöhlen graben können. Mindestens fünfzig Zentimeter hoch müssen solche Uferkantenstücke sein, damit sie als Nistplatz in Betracht kommen, und das macht sie zu einem der limitierenden Faktoren. Ein anderes Problem ist das ausgeprägte Territorialverhalten.

Der europäische Eisvogel ist ein Einzelgänger. Weibchen, die sich am orangefarbenen Unterschnabel erkennen lassen, und Männchen leben in eigenen Territorien, zur Fortpflanzung müssen sie natürlich zusammenfinden – und das ist keine leichte Übung. In milden Jahren bilden sich bereits im Januar die ersten Paare, sonst sind die Vögel üblicherweise von März bis Mai auf Partnersuche, ein Findungsprozess, der mit sogenannten Flugjagden beginnt: Das Männchen fliegt dem Weibchen hinterher, scheint es zu attackieren. Zwischendurch lassen sich die beiden immer mal wieder auf Ästen nieder, und bei einem solchen Aufenthalt kann das Männchen fast elend klingende „tji“-Lockrufe ausstoßen, bis es die Jagd wieder aufnimmt. In einer späteren Phase dieses zäh wirkenden Balzrituals sitzt das Männchen auf einer Art Warte vor der potentiellen Brutwand und beginnt mit dem Bau der Nisthöhle. Schaut ein Weibchen diesem Treiben zu, gräbt der erwartungsfrohe Vogel ostentativer, wirft Erdkrumen in die Luft und vollführt Flugmanöver. Er fliegt in die Höhle hinein und wieder hinaus.

Wenn sich dann zwei füreinander entschieden haben, graben sie eine kurze Zeit zu zweit, bis das Weibchen sich schließlich um die Innenausstattung kümmert. In dieser Bauphase wird es nun vom Männchen mit totem Fisch gefüttert, und es ist nicht unwahrscheinlich, dass ein Weibchen auf gleiche Weise wie später die Jungvögel um Nahrung bettelt: mit leicht schlagenden Flügeln und den entsprechenden Bettellauten.

Und runter damit. Da kommt selbst der Reiher nicht mit. Foto: Jaap La Brijn

Während der drei Wochen dauernden Brut wechseln sich Männchen und Weibchen, zumindest beim ersten Gelege in einer Saison, regelmäßig ab. Eisvögel brüten oft zweimal im Jahr, aber es können durchaus auch drei Gelege sein, in seltenen Fällen sogar vier oder fünf. Sie legen jeweils sechs oder sieben Eier, aus denen im Schnitt fünf flügge gewordene Jungvögel hervorgehen – und das darf als außergewöhnlich großer Bruterfolg gelten. Der im Übrigen nur dadurch möglich wird, dass es den beiden Einzelgängern gelingt, effektiv zu kooperieren, wenn es um ihren Nachwuchs geht. Da die Männchen meist mehrere Bruthöhlen anlegen, kann es zu sogenannten Schachtelbruten kommen. Während der Vater sich noch um die Jungen aus der ersten Brut kümmert und sie füttert, legt das Weibchen bereits die zweite an und brütet sie allein aus. Diese spezielle Arbeitsteilung lässt es auch zu, dass ein Männchen mit zwei Weibchen Partnerschaften eingeht, Eisvögel verhalten sich weder sozial noch genetisch monogam. Zwischen der ersten und zweiten Brut können Partnerwechsel vorkommen, und es ist nie ausgeschlossen, dass Männchen mit den Jungen allein gelassen werden. Eisvögel eignen sich schlecht als Sinnbild für Treue.

Die Aufzucht so zahlreicher Jungen kann allerdings nur gelingen, wenn klare Gewässer vorhanden sind. Darin fischen Eisvögel nach Elritzen, Stichlingen oder Barschen – und geübte erreichen mit ihren Sturzflügen eine Erfolgsquote von hundert Prozent. Ein so guter Fang gelingt selbst Reihern nicht, die gern im Wasser warten und ihre Schnäbel oft schon dicht an der Oberfläche halten, um ihre Beute zu erhaschen.

Einen Fisch zu sehen und ihn dann auch zu erbeuten, dafür ist einiges an Geschick nötig. Junge Eisvögel müssen lernen, ihre Beute unter Berücksichtigung der Beugung des Lichts durch die Wasseroberfläche richtig anzupeilen. Natürlich müssen sie auch die Eigenarten der jeweiligen Art berücksichtigen und lernen, wie man die Fische mit dem Schnabel packt. Am Kopf nämlich, um sie dann durch Schlagen auf einen festen Untergrund zu töten. Darin üben sich die Eisvögel, und dann gibt es kaum eine Möglichkeit, einem Könner zu entkommen. Entscheidend für die Perfektion ist eine gute Sicht ins Wasser. Und durch Rüttelflüge auf der Stelle können sich die Eisvögel in eine geeignete Position bringen, aus der sie sich nur noch fallen lassen müssen. Der in Deutschland heimische Alcedo atthis braucht für seine Rüttelflüge unbedingt Windunterstützung. Nur eine Art, der afrikanische Graufischer, ist in der Lage, diese selbst bei Windstille auszuführen.

Der Eisvogel ernährt sich von Fischen, Wasserinsekten und deren Larven, Kleinkrebsen und Kaulquappen. Foto: dpa

Sich näher mit dem Graufischer zu beschäftigen ist insbesondere deshalb von Interesse, weil sich erforschen lässt, wie sich die Jagdbedingungen auf das Sozialsystem dieser Art auswirken. Klares beziehungsweise trübes Wasser fordert die Graufischer unterschiedlich heraus. So zeigten Studien vor allem von Heinz-Ulrich Reyer und seinem Team von der Universität Zürich, der damit unter Verhaltensökologen zu Recht berühmt geworden ist, variable Sozialbeziehungen in Abhängigkeit vom Wasser. Untersucht hatte man Populationen am Naivasha- und am Viktoriasee in Afrika, wo die vergleichsweise großen und weniger scheuen Vögel zahlreich vorkommen.


Während der Naivashasee klares und ruhiges Wasser führt, ist der Viktoriasee trübe und das Wasser unruhig. Was zur Folge hatte, dass Brutpaare am Viktoriasee trotz gleicher Gelegegrößen und Schlupfraten nur halb so viele Junge zur Flugreife brachten wie die Paare am Naivashasee. Die anderen verhungerten, schlicht weil es zwei Eltern allein nicht schafften, genug Nahrung für die durchschnittlich fünf Küken heranzuschaffen. In Folge dieser misslichen Lage, durch die regelmäßig die halbe Brut verhungerte, haben die Graufischer am Viktoriasee ein ausgeklügeltes Helfersystem entwickelt, durch das ihr Bruterfolg dem am Naivashasee ähnelt. Helfersystem heißt in diesem speziellen Fall, das sich einem Brutpaar zwei, drei, manchmal sogar vier Graufischer unterstützend anschließen, die nicht selbst verpaart sind. Diese Bruthelfer können Nachkommen aus dem vergangenen Jahr sein, aber auch nicht verwandte Vögel aus anderen Nestern. In der Regel, und das war zunächst verblüffend, sind die Helfer männlichen Geschlechts. Und dieser Umstand lässt sich damit erklären, dass für die Weibchen der Graufischer eine höhere Sterblichkeitsrate besteht, die generell zu einem Überschuss an Männchen in der Population führt.

Die entscheidende Frage, die sich dann dem Zoologen Reyer stellte: Welche Vorteile ziehen die Helfer aus der Aufzucht? Sie sind ja nicht die biologischen Väter der Jungen. Aus den weiteren Untersuchungen ließen sich überraschende Schlüsse ziehen, denn offenbar profitieren vor allem fremde, nichtverwandte Förderer der Brut. Sie überzeugen wohl durch ihre erwiesene Fähigkeit, Fische zu fangen und Jungtiere zu füttern, was ihre Chancen erhöht, von Weibchen als Partner auserkoren zu werden. Sie kommen aber nicht nur bei unbeteiligten Beobachterinnen zum Zuge, sondern wurden anschließend auch von Weibchen jener Paare erwählt, denen sie bereits geholfen haben. Die männlichen Helfer sind also nicht nur die Unterstützer eines Brutpaares, sondern gleichzeitig auch Konkurrenten des bisherigen Partners. Trotzdem werden sie von diesem Männchen mehr als nur geduldet, das sie ja zum Helfen einlädt. Warum, das versuchten die Verhaltensforscher zu ergründen, indem sie die jeweiligen Vorteile berechneten. Bei der Entscheidung spielen die Väter jedenfalls kaum eine Rolle: Das Sagen haben die Weibchen, die Mütter der Brut.

Obwohl es keine Anzeichen für ein derart komplex gestaltetes Helfersystem bei europäischen Eisvögeln gibt, lassen sich doch ein paar Erkenntnisse von den Graufischern auf sie übertragen. Klare, ruhige sowie fischreiche Gewässer erleichtern den sonst einzelgängerisch lebenden Eisvögeln die Aufzucht ihrer Brut erheblich. Sind die Jungen des ersten Geleges erfolgreich aufgepäppelt, können sich beide Elternteile im Schachtelbrutverfahren getrennt um weiteren Nachwuchs kümmern, ohne sich darüber genau verständigen zu müssen. Wobei im Leben eines Eisvogels alles darauf ausgerichtet zu sein scheint, möglichst bald wieder allein zu sein. Sobald die Jungen ihr Federkleid vollständig tragen, fangen die Alten an, sie mit Fischen aus dem Schutz der Nisthöhle zu locken. Sind die Jungen einmal draußen, werden sie mit der Beute auch immer weiter weggeführt.

Bei einem solchen Ausflug beginnen die Jungtiere auch mit sogenannten Badestürzen. Sie tauchen dafür ins Wasser, um zu baden und sich anschließend das Gefieder zu säubern. Zehnmal täglich, ihr Leben lang, so halten es Eisvögel mit dieser Körperpflege. Sie werden zwar nur ein paar Jahre alt, aber neben der Jagd nach Fischen gehören regelmäßige Bäder zum erfüllten Dasein eines Alcedo atthis. Sein Gefieder dürfte eines der einprägsamsten sein, und wer einmal einen Eisvogel vorbeizischen sah, wird vielleicht auch seine Umgebung anders wahrnehmen: mit dem orange-blauen Blitz zurück zur Natur.


Vom unerschrockenen Kookaburra und anderen Eisvögeln

K lassisch, wenn man sie so bezeichnen will, sind Eisvögel klein bis mittelgroß, mit auffällig kurzem Schwanz sowie kurzen Beinen, und sie haben einen kräftigen Schnabel an einem großen Kopf. Von dieser Form weichen aber manche Gruppen ab, insbesondere zwei auf dem australischen Kontinent: die Kookaburras und die „Paradise kingfishers“. Über Letztere ist wenig bekannt, während die Kookaburras sich regelrecht zu Genossen des Menschen entwickelt haben.

In den Mythen der Aborigines war am Anfang alles grau. Ihre Götter entschieden sich erst später, Tag und Nacht zu erschaffen. Um Menschen und Tieren ein Zeichen zu geben, dass es nun Zeit sei, aufzuwachen und mit dem Tagwerk zu beginnen, ernannten sie einen Vogel zum Boten des Morgens, und so übernahmen die Kookaburras den Weckdienst mit ihren lauten, rauhen Rufen. Diese blieben den europäischen Immigranten natürlich nicht verborgen: „Siedlers Wecker“, wie sie den Vogel anfangs nannten, benahm sich fast unverschämt zutraulich und zog in ihre Parks und Vorgärten ein. Die ungekämmte Erscheinung gefiel den Siedlern, die eine Übereinstimmung von Wesen und Aussehen feststellten. So wurden die Kookaburras zu den bekanntesten und beliebtesten Vögeln Australiens.

Der Kookaburra wird wegen seiner typischen Laute auch „Lachender Hans“ genannt. Foto: Picture Alliance

Mit dem weißen bis verwaschen gelbbraunen Federkleid, nur am Flügel findet sich etwas Blau, ist der „laughing kookaburra“ Dacelo novaeguineae recht schlicht gefärbt für einen Eisvogel. Doch er verfügt über komplexe Ruffolgen, die das ganze Jahr über in freier Reihenfolge zu hören sind. Oft findet man Gruppen durcheinanderschreiend mit typischen Lachlauten, was diesem Jägerliest auch den Namen „Lachender Hans“ einbrachte, umrahmt von „kooa“, „cackle“ und „rollings“. Nur der Schlussakkord ist immer gleich – und geschlechtsspezifisch: Männchen enden mit fordernden „gogo“-Silben, Weibchen mit gutturalem Gurgeln.

Australiens Dacelo novaeguineae Foto: Imago

Nistende Paare lassen sich meist von Bruthelfern unterstützen, und das sind überwiegend Söhne aus den Vorjahren. Die Männchen sind kleiner als die Weibchen, die besseren Helfer und generell anhänglicher als Töchter, die ihre Geburtsgruppen außerdem früher verlassen. Wenn sich ein Paar gefunden hat, begibt es sich mit dem Gefolge auf Nistplatzsuche, gräbt entweder eine Erdhöhle oder sucht sich Nestboxen in Eukalyptusbäumen. Das Weibchen übernimmt darin das Brüten der Eier und wird währenddessen vom Partner und dessen Helfer gefüttert. Mehr als fünf Unterstützer sollten es aber nicht sein, sonst bricht die Versorgung zusammen und die Gruppe zerfällt. Die ersten Wochen nach dem Schlüpfen sind die schwierigsten, denn die von Anfang an größeren Weibchen neigen dazu, die kleineren Männchen zu töten. Deshalb wird manipuliert: Niemand weiß, wie die Kookaburras es anstellen, aber fast immer schlüpft zuerst ein Männchen. Mit ausreichend Nahrung versorgt, wächst dieses schnell und ist dadurch dem nachfolgenden Weibchen ebenbürtig. Beim dritten Küken sind die Geschlechter etwa gleich verteilt, und dessen Überlebenschancen hängen davon ab, ob es die beiden ersten geschafft haben. An Nahrung mangelt es selten, denn Kookaburras sind in der Lage, abgesehen von Insekten, Mäusen und Ratten auch bis zu einen Meter lange Schlangen zu fangen, die sie Kopf voran hinunterwürgen. Die Schlangen – überwiegend Arten der zum Teil hochgiftigen Elapidenfamilie – ergreifen sie mit ihrem Schnabel hinter dem Kopf und schlagen sie gegen Steine oder Baumstämme. Mit widerspenstigen Exemplaren fliegen sie auf, um sie aus der Höhe fallen zu lassen.


Wie unerschrocken die beiden großen australischen Kookaburra-Arten sich verhalten, ließ sich schon daran beobachten, dass sie größeren Greifvögeln ihre Beute stahlen. Dabei lässt sich Dacelo leachii, der „blue-winged kookaburra“, leicht von D. novaeguineae, dem Lachenden Hans, unterscheiden. Selbst im dichten Wald ist sein Flügelschlag zu identifizieren, denn es scheint, als würde man kurz aufflackernde blaue Blitze sehen. Und seine Rufe klingen eher wie ein mechanisch erzeugtes Keifen oder ein verzerrtes Schreien. Im Gegensatz zum spezifischen Lachen der anderen Art, die ihren Chorgesang noch ergänzen kann – mit beeindruckend schepperndem Hall.

Scharf durchdringend sind auch die Rufe von Tanysiptera sylvia, dem „buff-breasted paradise kingfisher“, im Deutschen Paradiesliest genannt. Was Beobachtern übrigens hilft, die Vögel zu finden, denn diese sind in den Regenwäldern von Neuguinea oder Queensland nur schwer zu Gesicht zu bekommen. Die acht Arten der Gattung Tanysiptera, die in Neuguinea, Australien und auf den Molukken verbreitet sind, könnten als Paradebeispiele für die verblüffende Tarnung ihres bunten Gefieders herangezogen werden. Die Tiere, obwohl mit dickem rotem Schnabel, roten Füßen, braunem Bauch und blauem Kopf samt schwarzen Augenstreifen prächtig gefärbt, sind nicht mal als bunter Streifen zu sehen, wenn sie im Wald an einem vorbeifliegen. Gelingt die Beobachtung aber doch einmal, erscheinen sie beinahe wie die Karikatur eines Eisvogels, insbesondere wenn sie mit ihren harschen Rufen versuchen, ein Weibchen anzulocken. Kennzeichnend für die Gruppe sind nämlich überlange Schwanzfedern, die beim Paradies-Eisvogel weiß und blau glänzen und am Ende gerundete Spitzen aufweisen. Diese Federn schwenken sie so rhythmisch, als wollten sie einen Kontrapunkt zu ihren nicht sehr melodischen Rufen setzen.

Lachender Hans (Dacelo novaeguineae) Foto: Picture Alliance

Paradies-Eisvögel sind keine Fischer, sondern sie jagen hauptsächlich auf dem Waldboden und suchen dort nach Würmern, Käfern, Insektenlarven, Spinnen, kleinen Fröschen und Schnecken. Einen sah man mal eine kleine Schildkröte gekonnt knacken und anschließend verzehren, was darauf hinweist, dass Eisvögel in der Lage sind, durch das Erlernen neuer Techniken sich neue Nahrungsquellen zu erschließen. Welche Entwicklungsschritte sie tatsächlich vollzogen haben, ist ungewiss, wie so vieles dieser Gattung. Nicht einmal die Lebensräume und deren Nutzung sind für alle Tanysiptera-Arten umfassend beschrieben. Wahrscheinlich leben sie als Einzelgänger in Territorien, wie der Großteil ihrer Eisvogelverwandtschaft, deren Grenzen sie vor allem durch ihre Rufe markieren. Eine seltsame Eigenart teilen sie jedenfalls mit ihren Verwandten: Tragen sie eine Heuschrecke so im Schnabel, dass deren Kopf Richtung Spitze weist, wollen sie damit die Jungen füttern. Zeigt der Kopf schon Richtung Schlund, möchten sie das Insekt gerne selbst verzehren.

Quelle: F.A.S.

Veröffentlicht: 06.04.2019 14:40 Uhr