https://www.faz.net/aktuell/wissen/falling-walls/wie-kuenstliche-intelligenz-landwirten-und-afrikas-kindern-helfen-17627744.html

KI und Bildung : Lernende Algorithmen für Landwirte und Afrikas Kinder

Neunzig Prozent der Schüler in Westafrika hatten 2020 nicht mehr als eine halbe Stunde Unterricht pro Tag. (Archivfoto) Bild: AP

Nicht erst seit der Pandemie können Künstliche Intelligenz und Lerncomputer den Bildungsalltag von Schülern weltweit verändern. In Afrika hat die Bildungsinitiative Rising Academy Network dieses Potential erkannt.

          2 Min.

          Je ähnlicher die lernenden Maschinen mit ihren Chips und Algorithmen dem Menschen werden, umso dystopischer die Fantasien. In dem Film „Anima“ etwa verliebt sich ein junger Mann in einen Roboter. Viele könnten darin den Anfang einer Machtübernahme durch unmenschliche Automaten sehen. Für die Wiener Soziologin Helga Nowotny dagegen spiegeln solche Fiktionen nur die Ängste unserer Gegenwart, und sie hält es durchaus für möglich, dass der Mensch die Kon­trolle über die künstlichen Intelligenzen keineswegs verlieren muss. Im Gegenteil: Die Verteufelung der Maschinen kann in den Augen derer, die an den Nutzen der Automation und Datenindustrie glauben, letzten Endes dazu führen, dass wertvolle Anwendungen der lernenden Systeme nicht in die Praxis kommen.

          Joachim Müller-Jung
          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Falling Walls hat in diesem Jahr einige Beispiele ausgelotet, wo Künstliche Intelligenz (KI) ganz gezielt dem sozialen Miteinander und auch den Märkten jenseits der großen Plattformindustrien nützlich sein kann. Beispielgebend dafür ist das in Niederösterreich angesiedelte und dort auch massiv finanziell geförderte Projekt „d4agrotech“. In einem Roundtable-Gespräch haben die österreichischen Experten deutlich gemacht, dass lernende Computer und Maschinen, die mit unendlich vielen Sensordaten gefüttert werden, keineswegs Selbstzweck sind – ähnlich wie in der Medizin sind sie auch hier Assistenzsysteme. Die KI ist in den an vier österreichischen Standorten angesiedelten Versuchsgebieten auserkoren, einer effizienteren umweltschonenderen, nachhaltigeren Landwirtschaft den Weg zu ebnen. „Die Macht der Innovation stärken“, von der Hannes Androsch, der ehemalige Vizekanzler aus Wien, sprach, dient also zuerst der ökologischen Transformation.

          Wenig elitär, sondern so egalitär wie möglich steht auch ein von der Bildungsinitiative Rising Academy Network während der Pandemie ins Leben gerufenes Projekt in Afrika. Lernen mit Algorithmen, unter diesem Titel war es im Radialsystem von ihrem Direktor, George Cowell vorgestellt worden. Die Idee ist, ganz basale Bildungsinhalte mit Hilfe von KI-gesteuerten und über Smartphone interaktiv übermittelten Onlineseiten an die Kinder zu bringen. Gegründet wurde die Initiative vor sieben Jahren in Sierra Leone – quasi als Notfallschule in einigen westafrikanischen Gebieten, in denen die Schulen wegen der Ebola-Epidemie geschlossen worden waren. Nicht zuletzt aber auch, weil durch neuere soziologische Forschungen klar wurde, wie lückenhaft die Bildung vieler Kinder und Jugendlichen dort ist. Vier von fünf Jugendlichen – nach einer Studie an 133 Millionen Jugendlichen – haben den Klassenraum so selten gesehen, dass sie schon bei grundlegenden Rechen- und Schreibübungen scheitern.

          In der Pandemie verschlimmerte sich die Situation zusätzlich, berichtete Cowell. Neunzig Prozent der westafrikanischen Kinder hatten im vergangenen Jahr nicht mehr als eine halbe Stunde Unterricht pro Tag. Hier sprang in einigen Regionen Westafrikas die Lernsoftware „Rori“ ein. Mit Sprachnachrichten absolvierten die Minderjährigen Aufgaben, und das digitale System war angewiesen, den Lernfortschritten entsprechend die Lerninhalte fortzuentwickeln. „Es geht bei der dahinterstehenden KI nicht um ein hoch entwickeltes Bildungssystem, sondern um das sukzessive Lehren fundamentaler Konzepte“, sagte Cowell. Das Outsourcen des Unterrichts könnte allerdings auch helfen, den langfristigen Bildungserfolg in Afrika abzusichern. Tatsächlich scheint der Erfolg des automatisierten Lernprojektes dem Gründer und ehemaligen Lehrer recht zu geben: Cowells Unternehmen gehört zu den am schnellsten expandierenden Bildungsinstitutionen in ganz Afrika.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Autoproduktion im Mercedes-Werk in Sindelfingen im April 1976.

          Deutschland in der Krise : Zukunftsweisende Wirtschaftspolitik geht anders

          Geldverteilung mit der Gießkanne, Tricksereien mit der Schuldenbremse und eine ideologisch motivierte Energiepolitik: All das ersetzt keine zukunftsweisende Wirtschaftspolitik. In Deutschland ist eine Wende notwendig.
          Der französische Präsident Emmanuel Macron und der amerikanische Präsident Joe Biden am Dienstag im Weißen Haus

          Verhandlungen über die Ukraine : Bidens Signal an Putin

          Der amerikanische Präsident zeigt sich zu Verhandlungen mit Putin bereit, ohne die Regierung in Kiew zu erwähnen. Das ist noch kein Kurswechsel – verändert den Konflikt aber zugunsten Russlands.
          Einbürgerungsfest im Kaisersaal in Erfurt

          Einbürgerung : Vor allem Syrer und Türken werden Deutsche

          Um die deutsche Staatsangehörigkeit beanspruchen zu können, müssen Ausländer einige Kriterien erfüllen. Welche sind das? Und aus welchem Land stammen die meisten neuen deutschen Staatsbürger?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.