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Faktencheck zu Organspende: das Ergebnis : Von Toten und Sterbenden

  • -Aktualisiert am
  • Der Patient bekommt beim reinen VERDACHT auf Hirntod keine Sedativa und Analgetika mehr, da sonst die Hirntoddiagnostik nicht durchgeführt werden kann und darf. Jetzt möge sich jeder selbst vorstellen, was das bedeutet, wenn das Hirn anschwillt – und das tut es häufig in diesen Fällen – und man keine medikamentöse Unterstützung erhält! Abgesehen davon dass der Patient möglicherweise unsagbare Schmerzen erleidet schädigt Stress das Gehirn noch zusätzlich. (Heike Braun (Honigfl…), faz.net, 18.01.2013 11:29 Uhr)

Ein Beleg dieser Behauptung steht aus. Ausführliche Protokolle von Erfahrungsberichte von Angehörigen und von Pflegekräften, die von der entwürdigenden Behandlung Sterbender zeugen, hat der Psychologe und ehemalige Krankenpfleger Roberto Rotondo erstellt.

Fazit

Wenn man sich mit der Debatte befasst, fällt auf: In der gesamten Auseinandersetzung zum Thema Organspende rekrutieren sich engagierte Befürworter und Gegner vor allem aus zwei verschiedenen professionellen Feldern. Mediziner betonen immer wieder, dass der Hirntod eine vergleichsweise abstrakte Angelegenheit sei – abstrakt insofern, als Patienten, die als hirntot gelten, noch Lebenszeichen wie spontane Reaktionen auf Schmerzreize zeigen. Pfleger und Krankenschwestern, auf der anderen Seite, wollen dieser „Abstraktion“ nicht folgen und insistieren in Erlebnisberichten immer wieder darauf, dass vermeintlich Hirntote für sie Patienten sind. Die ist nicht nur eine private Meinung. Die Auffassung entspricht auch den Richtlinien ihres Berufes.
Wer hat Recht? Wenn man dem Argument folgt, dass der Tod nicht wissenschaftlich definiert werden kann und dass die eigentlich Frage der Debatte folglich nicht das Kriterium für den Tod ist, sondern der Umgang mit Sterbenden, dann gibt es keinen Grund, davon auszugehen, dass Medizinern in dieser Frage über ein Wissen verfügen, welches dem der Pflegekräfte überlegen ist.
Dies führt zu der weiteren Frage, warum die Stimme der Pflegekräfte zumindest in den Expertisen zum Thema so wenig Gewicht hat. Krankenschwestern und Pflege stellen die größte Berufsgruppe dar, die an der Ex- und Transplantation von Organen beteiligt sind. Dennoch sind die Berufsverbände der Pflegekräfte bei den parlamentarischen Beratungen und Expertenanhörungen sowohl bei der Einführung des Transplantationsgesetzes in den späten 90er Jahren wie auch in jüngerer Zeit kaum zu Wort gekommen. Ein Grund dafür könnte folgender sein: Das, was die Pflegefraktion als „Position“ zu bieten haben, ist, zusammengefasst in der knappen Form eines Argumentes, weder besonders schlagkräftig noch neu: „Die Würde des sterbenden Menschen wird verletzt“. So etwas macht, neben anderen, womöglich mit Zahlenmaterial hochgerüsteten Formen der bioethischen Expertise, einen vergleichsweise schwachen Eindruck. Aber wer sich die Zeit nimmt und sich die Berichte durchliest oder ein Vortragsvideo anschaut, der wird das Argument der verletzten Würde schwerlich als irrelevant abtun können. Ein persönliches Resümee: Mich selbst, als Moderator der Faktencheck-Debatte, haben die Berichte der betroffenen Pfleger mehr als skeptisch gestimmt.

Nachtrag: Vorschläge zur Verbesserung des Spendenaufkommens


Es wurden im Verlaufe der Diskussion auch verschiedene Vorschläge dazu gemacht, mit welchen Maßnahmen sich die Spendenbereitschaft erhöhen ließe.


Zur Grafik hier klicken)

Nur kurz: In Bezug auf die Ausgangsfrage (Organspende: Für und Wider) sind diese Vorschläge insofern interessant, als hier noch einmal die Frage nach dem Charakter dieser “Spende” gestellt wird. Ein Beispiel:: Handelt es sich um einen Vertrag, der auf Leistung und Gegenleistung beruht – ähnlich wie dies in der Solidargemeinschaft der Krankenversicherten der Fall ist? (In welchem Fall es legitim wäre, den Empfang von Organen an die Spendebereitschaft zu koppeln. ) Oder um ein Geschenk, für welches keine Gegenleistung erwartet werden darf?

  • Zum Schluss noch ein einfach zu realisierender praktischer Vorschlag (eingebracht von Kai Bockelmann (KB63) , faz.net., 18.01.2013 10:37 Uhr): Organspende-Ausweise sollten auch dazu auffordern, anzukreuzen, ob man selbst im Falle des Falles eine Organspende erhalten möchte. Mancher, der ansonsten die Frage nach der Spendenbereitschaft mit “Nein” beantwortet, würde es sich vielleicht noch einmal überlegen.

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Das Projekt Faktencheck wird gefördert durch die Robert Bosch Stiftung. Kostenfreie Wiederveröffentlichung diese Textes ist auf Anfrage möglich: faktencheck@debattenprofis.de

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