https://www.faz.net/-gwz-78u0x

Faktencheck: Praenatest (1) : Welche Regeln für nicht-invasive vorgeburtliche Gentests?

  • -Aktualisiert am

„Keine öffentlichen Gelder!“

„Sollte der Praena-Test zukünftig eine Kassenleistung sein?“ – mit dieser Frage möchten wir in die Diskussion einsteigen. Der Hintergrund: In der aktuellen Stellungnahme des Ethikrates fordert eine Minderheit der Ratsmitglieder in einem Sondervotum:
„Verfahren wie der PraenaTest oder entsprechende Nachfolge-Diagnosen sollten nicht durch öffentliche Förderungsmittel unterstützt werden und auch nicht in den Leistungskatalog der gesetzlichen oder privaten Krankenkassen aufgenommen werden“
Ähnliche Forderungen hatten bereits im vorigen Jahr die Behindertenverbände erhoben, so etwa das Institut Mensch Ethik Wissenschaft, dem eine Vielzahl von Organisationen der Behindertenhilfe und Behindertenselbsthilfe als Gesellschafter angehören.
Das Thema „öffentliche Finanzierung“ steht also im Raum. Was öffentliche Forschungsgelder betrifft, sind bereits Fakten geschaffen worden: Die Firma LifeCodexx und das Mutterunternehmen GATC Biotech, die in Deutschland den Praenatest anbieten, haben im Rahmen des BMBF-Förderprogramms KMUinnovativ eine Förderung in Höhe von knapp 250.000 EUR und durch das BMWi im Rahmen des Programms ZIMSolo eine weitere Förderung in Höhe von 200.000 EUR erhalten, um den Praena-Test zur Marktreife zu bringen und Kooperationen mit pränataldiagnostischen Zentren in Deutschland und in der Schweiz aufbauen zu können.
Noch einmal in aller Deutlichkeit: Wir, die Autoren des Faktenchecks, haben uns entschieden, die Forderung nach einer Kassenfinanzierung des Praena-Tests offensiv in den Raum zu stellen, obwohl derzeit niemand diese Forderung offen ausspricht. (Andererseits: einige Versicherungen zum Beispiel in den USA übernehmen bereits die Kosten für den Test und haben damit Fakten geschaffen.) Wir tun dies nicht deshalb, weil wir diese Forderung unterstützen. Unsere Beweggründe sind vielmehr zweierlei: Einmal denken wir, dass es sich über ein positives Vorhaben ganz einfach besser diskutieren lässt als darüber, etwas verhindern. Dann, wichtiger: Die Diskussion, ob ein vorgeburtliches Screening auf Basis fetaler Zellen im mütterlichen Blut Kassenleistung sein, wird schon allein deshalb bald auf der Tagesleistung stehen, weil sich mit Hilfe solcher Tests bereits heute neben der Trisomie 21 die Chromosomenstörungen T13 und T18 diagnostizieren lassen. In naher Zukunft werden sich womöglich auch Krankheiten wie das Turner-Syndrom, genetische Veranlagungen für erst später auftretende Erkrankungen sowie, mit ziemlicher Sicherheit, Risiko von Schwangerschaftskomplikationen wie der Präeklampsie bestimmen lassen. (Die Präaeklampsie ist eine Bluthochdruckerkrankung der Mutter während der Schwangerschaft, die als eine der Haupt-Todesursachen von Mutter und ungeborenem Kind gilt und und bei etwa zwei bis fünf Prozent aller Schwangerschaften in Deutschland auftritt. Für ein entsprechendes Testverfahren werden bis Jahresende Fördermittel aus dem BMBF in Höhe von 519tausend Euro  geflossen sein).


Wenn all diese Versprechen Wirklichkeit geworden sind und neue Standards setzen, werden die Kassen sich den Anforderungen früher oder später nicht mehr entziehen können. All dies wird gesondert Thema in einer weiteren Folge unseres Faktenchecks sein.

Argument-Browser


Wie in den vergangenen Faktenchecks, haben wir auch diesmal eine umfangreiche Argumentkarte angefertigt. Darüber hinaus wagen wir diesmal ein neues Experiment: Ein Argument-Browser führt durch die einzelnen Punkte der Debatte. Leser können selbst entscheiden, wie tief sie an den einzelnen Punkten einsteigen möchten. Antworten und Kommentare, welche Leser bei der Navigation durch die Argument-Struktur hinterlassen, wollen wir in einer Fortsetzung dieses Faktenchecks anonym veröffentlichen.

  • Uns interessiert vor allem: Was ist die Faktenbasis der unterschiedlichen Punkte? Wo ist es nötig, die von der Ethikrat-Stellungnahme vorgegebene Argumentation zu verändern oder andere Horizonte in den Blick zu nehmen? Das heißt: Auch Ihre Expertise ist gefragt!


Wir gehen zunächst die einzelnen Argumente durch, die, für sich genommen, für und gegen eine Aufnahme des bereits auf dem Markt befindlichen Trisomie-21-Bluttests in das Leistunsspektrum der Kassen sprechen.Dabei liegt für Viele der Einwand nahe, dass die flächendeckende Einführung des Tests mit Unterstützung der Kassen eine Diskriminierung von Menschen mit Behinderung zur Folge haben würde. In Punkto „Diskriminierung“ fragen wir erst danach, ob überhaupt eine Diskriminierung von Menschen mit Behinderung vorliegt und dann, ob die durch den nicht-invasiven Down-Test bewirkte Diskriminierung gegebenenfalls neue Fakten schafft. Ganz zum Abschluss stellen wir die Frage der Abwägung: Wie sind die Argumente für und wider in der Zusammenschau zu gewichten?
Hier der Fragenverlauf im Überblick (Hier klicken für größere Ansicht):

Bild: FAZ

Wir beginnen damit, einen Vorschlag zur Diskussion zu stellen:


Die Diskussion führt anhand von Fallbeispielen, Statistiken und generellen Überlegungen durch die Argumente Für und Wider hinsichtlich einer Finanzierung des Praena-Tests durch die Krankenkassen. Dabei wird auch das Leistungsspektrum des Tests untersucht. Außerdem befasst sich die Argumentation damit, inwiefern der Test eine Diskriminierung von Menschen mit Behinderung darstellt. Mit „Weiter“ geht’s weiter.

Bild: FAZ

 Die dem Argument-Browser zugrunde liegende Argumentkarte kann ergänzend als PDF heruntergeladen werden.
 

Links und Literatur auf einer Extra-Seite

Über neue Folgen des Faktencheck informiert werden?


Folgen Sie uns über Twitter. Oder beziehen Sie ein Abo via E-Mail .
Dieser erste Teil des „Faktencheck Praena-Test wurde gefördert durch die Robert Bosch Stiftung. Außerdem an der Finanzierung beteiligt: die Crowdfunding-Plattform Krautreporter.de , über die auch die Sponsoren für die weiteren Teile dieses Faktenchecks eingeworben wurden.
 

Kostenfreie Wiederveröffentlichung diese Textes ist auf Anfrage möglich: faktencheck@debattenprofis.de

Weitere Themen

Räuber im Ibengarten

Ab in die Botanik : Räuber im Ibengarten

Wenn jetzt die leuchtroten Früchte im dunklen Grün der Eiben locken ist Vorsicht geboten. Für die Krebstherapie waren die Giftstoffe dieser Pflanze eine wichtige Entdeckung, und ihr Holz ist seit langem begehrt.

Topmeldungen

Die Ko-Vorsitzenden Habeck und Baerbock am Montag in der Bundespressekonferenz

Nach F.A.Z.-Informationen : Grüne wollen Habeck als Vizekanzler

Mit Annalena Baerbock als Kanzlerkandidatin sind die Grünen an ihren eigenen Ansprüchen gescheitert. Nun ist nach Informationen der F.A.Z. klar: Wird die Partei Teil der nächsten Bundesregierung, will sie Robert Habeck zum Vizekanzler machen.

Wer koaliert mit wem? : Der Wähler als Humorist

Alle haben verloren, tun aber so, als hätten sie gewonnen: Um die Koalitionsgespräche zu analysieren, braucht es Spieltheoretiker und keine Politologen.
Olaf Scholz muss um eine Ampelkoalition kämpfen – auch gegen Strömungen in der eigenen Partei.

Kommt die Ampel-Koalition? : Scholz und die irrlichternden SPD-Linken

Olaf Scholz braucht für eine Ampel die FDP. So ganz scheint man dies in der SPD-Linken aber noch nicht verstanden zu haben. Auch die Überlegungen, die Grünen seien natürlicher Koalitionspartner, könnten sich als voreilig erweisen.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.