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Faktencheck: Leser recherchieren mit : Textil-Boykott - hilft der?

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Siegel und Zertifikate

Eine weitere Frage ist, welche Rolle Zertifikate (wie etwa das Produktsiegel FairTrade oder der Hersteller-Verbund Fair Wear) dabei spielen könnten, die Arbeitsbedingungen der asiatischen Textilarbeiter zu verbessern. Nur weil solcherart Zertifikate existieren und es somit eine echte Alternative zu dem Angebot der Textildiscounter gibt, können Verbraucher schließlich anstreben, Produkte von bestimmten Ketten oder Marken zu meiden.
Aber: ist dem Versprechen der Zertifikate zu trauen? Wie gut können Produktionsbedingungen wirklich kontrolliert werden? Weiter noch: Durch ethischen Konsum und Maßnahmen der gesellschaftlichen Verantwortung von Unternehmen (CSR) mag es möglich sein, Nischen zu schaffen, in denen bessere Arbeitsbedingungen herrschen. Aber setzen solcherart Nischen auch einen Impuls dafür, dass sich insgesamt die Dinge zum  Besseren wenden? Auch hieran hegen Wirtschaftsforscher Zweifel. Ihrer Ansicht nach bleibt es bei Nischen – im besten Fall. Denn wenn bessere Arbeitsstandards allgemein Verbreitung finden würden, hätte dies nur negative Auswirkungen für die Textilarbeiter, weil die Beschäftigtenzahlen notwendiger Weise sinken würden (Vogel 2005).


In welcher Verantwortung stehen angesichts all dieser ungeklärten Fragen wir als Verbraucher: Leben wir als Konsumenten, die von dem günstigen Angebot profitieren, auf Kosten der Niedriglohn-Arbeiter in Asien und anderswo? Sollten wir eigentlich besser nur noch fair erzeugte Kleidung kaufen? Oder tun wir den Textilarbeitern schon damit einen Gefallen, wenn wir T-Shirts für 4,99 kaufen – weil wir damit die Beschäftigung sichern und diese, langfristig, zu wirtschaftlichen Wachstum und besserer Entlohnung in den Produktionsländern beiträgt? 
Diskutieren und recherchieren Sie mit: Welche der eingebrachten Argumente finden Sie besonders überzeugend? Wo gibt es Lücken in der Auflistung von Für und Wider? Kommentare im Forum werden fortlaufend in die Mindmap (siehe oben) übertragen.

Als Experten beteiligen sich an der Debatte im Forum und auf der Mindmap:

Dr. Gisela Burckhardt, Vorstandsvorsitzende von FemNet e.V. FemNet ist Mitglied im Trägerkreis der Kampagne für Saubere Kleidung (Clean Clothes Campaign). Das Ziel der Kampagne ist eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen in der weltweiten Bekleidungs- und Sportartikelindustrie. Hierzu werden Endverbraucher informiert, wird mit Unternehmen verhandelt, werden Organisationen der ArbeiterInnen unterstützt und öffentliche Kampagnen durchgeführt.

Dr. Ulrich Thielemann. Privatdozent an der Universität St. Gallen, Stellvertretender Beiratsvorsitzender des Ökosozialen Forums Deutschland und Direktor der Denkfabrik für Wirtschaftsethik Me’M. Das Me’M bearbeitet ökonomische Fragen unserer Zeit aus einer paradigmatisch neuartigen, ethisch-integrierten Sicht auf das Wirtschaften. Es möchte praktische Orientierungen bieten und Perspektiven eröffnen für eine Menschliche Marktwirtschaft.

Prof. Dr. Matthias Lücke. Honorarprofessor an der Christian-Albrechts-Universität Kiel; wissenschaftlicher Mitarbeiter im Forschungsbereich „Armutsminderung und Entwicklung“ am Institut für Weltwirtschaft in Kiel. Er meint:
„Die Erfahrung der vergangenen Jahrzehnte zeigt, dass absolute Armut vor allem dort zurückgegangen ist, wo es Wirtschaftswachstum gab – typischerweise verbunden mit wachsenden Industriegüterexporten. Gerade neue, im internationalen Geschäft unerfahrene Firmen können sich zunächst nur durch günstige Preise den Zugang zum Exportmarkt verschaffen. Vor diesem Hintergrund wären sehr hohe soziale und ökologische Standards für die gesamte Bekleidungs-Wertschöpfungskette entweder nicht durchzusetzen oder kontraproduktiv.“

Als Rechercheur begleitet die Debatte der Wirtschaftsjournalist Hubert Beyerle.
Hier noch einmal der Link zum Forum.

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Das Projekt Faktencheck wird gefördert durch die Robert Bosch Stiftung. Kostenfreie Wiederveröffentlichung diese Textes ist auf Anfrage möglich: faktencheck@debattenprofis.de

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