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Faktencheck  : Hilft das Sitzenbleiben in der Schule?

  • -Aktualisiert am

Interessant ist als Hintergrund vielleicht auch dieses: Der Streit ums Sitzenbleiben ist so alt wie seine Einführung, als es Ende des 18. Jahrhunderts noch jahrgangsübergreifenden Unterricht gab. Die Schüler rückten im Laufe der Zeit von den hinteren Sitzreihen einer Klasse langsam vor, bis sie Primus waren, also in der ersten Reihe saßen. „Wer die erwartete Leistung nicht bringen konnte, musste ’sitzen bleiben’“, beschreibt der Bildungshistoriker Elmar Tenorth den Vorgang. Allerdings regte sich früh Kritik an der Praxis. Der Reformpädagoge Peter Petersen nannte das Sitzenbleiben den „Bankrott des Jahrgangs-Klassensystems.“ Er verzichtete auf das Sitzenbleiben in seinem alternativen Jena-Plan und ersetzte die Noten durch Lernberichte.
Petersens Kritik aus dem frühen 20. Jahrhundert wurde später durch die empirische Schulforschung untermauert. Kemmler fand 1976 heraus, dass ein Drittel der zurückgestuften Kinder nach nur drei Jahren auch in ihrer neuen Klasse wieder zu den schlechtesten Schülern zählten (Kemmler 1976: 122ff nach Tillmann & Meier 2001: 470). Ingenkamp sah bereits 1969 den gleichen Effekt bei Sitzenbleibern, nämlich „dass die Repetenten durchschnittlich nicht den Leistungsstand der Versetzten finden“ (1969: 157). Glumpler kommt 1994 sogar zu dem Schluss, dass die deutsche Erziehungswissenschaft insgesamt die pädagogischen Wirkungen der Klassenwiederholungen überwiegend negativ einschätze.

Nationaler Bildungsbericht rügt Sitzenbleiben

Erst seit Pisa ist es möglich, in Zahlen und Jahren zu zeigen, wie viel Potenzial die deutsche Schule verschenkt. Bund und Länder haben, auf der Grundlage der neueren Studien, in ihrem erstmals 2006 erschienen Bericht „Bildung in Deutschland“ zum Thema Sitzenbleiben eindeutige Befunde vorgelegt. Ein erheblicher Teil der Schülerinnen „beendet aufgrund von Späteinschulung und/oder Wiederholung die Schullaufbahn mit erheblicher Verzögerung“, heißt es dort. Die WiederholerInnen hätten „signifikante Leistungsnachteile gegenüber Schülerinnen und Schülern, die sich nach einem regulären Durchlauf in derselben Jahrgangsstufe befinden“ (Bildungsbericht 2006:55). Die Schlussfolgerung:

  • „Ingesamt zeigt sich, dass trotz der Vielfalt an Übergängen und Wechselmöglichkeiten im allgemein bildenden Schulwesen soziale Ungleicheiten nicht annähernd ausgeglichen werden können, was nicht zuletzt auch daran liegt, dass die Duchlässigkeit in der Praxis eher gering sowie überwiegend ’abwärts’ gerichtet ist“ (Bildungsbericht 2006: 53).

Leider jedoch zeigt die Diskussion über das Sitzenbleiben typische ideologische Erscheinungen. Obwohl Forschung und Fachwelt deutlich negativ auf das Durchfallen reagieren, hält sich das Lob für die vermeintliche Ehrenrunde in der Bevölkerung hartnäckig. Externe Beobachter wie der Erfinder und Chef der Pisa-Studien, Andreas Schleicher von der OECD, konstatieren daher: Deutschland hat ein Modernisierungsproblem in seinem Bildungssystem.

Links & Literatur: siehe Extra-Seite


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