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Faktencheck  : Hilft das Sitzenbleiben in der Schule?

  • -Aktualisiert am

Sitzenbleiben ist teuer

Die pädagogischen Benachteiligungen durch das Sitzenbleiben sind bereits länger untersucht. In den letzten Jahren kam hinzu, dass auch die volkswirtschaftlichen Kosten ins Blickfeld gerieten. Die jüngste Untersuchung von Klemm zeigte 2009, „dass in Deutschland Jahr für Jahr mehr als 0,9 Milliarden Euro (931 Millionen Euro) für Klassenwiederholungen ausgegeben werden.“ (2009:5) Frühere Berechnungen im Auftrag der GEW kamen sogar auf 1,2 Mrd. Euro. Pro nicht versetztem Schüler fallen etwa 4.700 Euro jährlich an (GEW 2005).

Die Stimmen der Befürworter

Die Bevölkerung teilt die Ansichten der Sitzenbleiben-Kritiker aus den Reihen der Bildungsforscher nicht. In einer Forsa-Umfrage waren es 2002 satte 80 Prozent der Menschen, die sich für das Wiederholen einer Klassenstufe aussprachen. Im Jahr 2006 befragte das Meinungsforschungsinstitut erneut die Bevölkerung – diesmal waren es immer noch 66 Prozent, die das Sitzenbleiben gut fanden. In der jüngsten Studie der Berliner Forsa-Meinungsforscher (2013) fänden es 73 Prozent der Befragten falsch, wenn Bundesländer das Sitzenbleiben abschafften. Interessant ist, dass bei den Schülern selbst das Sitzenbleiben einen noch besseren Ruf hat als bei Erwachsenen: 85 Prozent der Schüler und Studenten sind für die Klassenwiederholung. Die Begründung: Die Abschaffung des Sitzenbleibens würde sich negativ auf die Leistungsbereitschaft der Lernenden auswirken. Selbst die Mehrheit der Grünenwähler (56 Prozent) sieht eine leistungsmotivierende Wirkung. Bei der FDP sind es fast 90 Prozent, die auf den Stachel Sitzenbleiben nicht verzichten wollen.
Die Ansicht „Sitzenbleiben spornt an“ findet sich auch in der Forschungsliteratur. Sie wird auf zweierlei Art beschrieben:

  • Erstens wird das Sitzenbleiben für Schüler als Schuß vor den Bug verstanden. Schüler erhöhten ihre Anstrengungen, fassten wieder Tritt „und können auf diese Weise ihr Lern- und Leistungsproblem überwinden“ (Hong & Raudenbush 2005: 206).  Der Ökonom Michael Fertig bestätigte diese Annahme durch eine rechnerische Analyse der späteren Erfolge von Sitzenbleibern. Unter dem Titel „Sitzenbleiben nützt den Schülern“ wurde seine Studie veröffentlicht. Darin fand der Forscher des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung heraus, dass Sitzenbleiben Spätentwicklern nütze. Sie bekamen laut seiner Studie von 2004 später bessere Jobs und verdienten mehr Geld. Allerdings hatte Fertig nur eine Mini-Stichprobe von 20 Personen aus einem Sample von 300 Probanden untersucht.
  • Zweitens, so die Meinung einiger Bildungsforschert, wirke sich das Heraussortieren der langsameren Schüler überdies positiv auf den Rest der Klasse aus, weil die Homogenität steigt - „damit wird der Lernerfolg für die Übriggebliebenen besser“ (Hong & Raudenbush 2005: 206)

Sitzenbleiben-Kritik seit dem 18. Jahrhundert

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