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Faktencheck  : Hilft das Sitzenbleiben in der Schule?

  • -Aktualisiert am

Sitzenbleiben ist Mit-Ursache für schlechte Leistungen


Eine der Tiefenanalysen des Schulsystems vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung zeigte, dass vor allem zwei Ursachen für das niedrige Leistungsniveau an deutschen Schulen verantwortlich sind: das gegliederte Schulsystem (inklusive der „Abschulung“ von leistungsschwachen Schülern zum Beispiel vom Gymnasium in die Realschule) und das Sitzenbleiben. Die reine Sitzenbleiberquote lag in Deutschland durchschnittlich bei 24 Prozent, im Westen des Landes bei über 30 Prozent (mit Spitzenwerten in Bremen und Schleswig-Holstein), im Osten bei knapp 15 Prozent.
Der Mechanismus, welcher dafür verantwortlich ist, dass das Sitzenbleiben zu einer Verschlechterung des Leistungsniveaus führt,  besteht vor allem darin, dass die Wiederholung einer Klasse von den Schülerinnen und Schülern als ein massiver Misserfolg erlebt wird. Dieser Misserfolg wird durch die Wiederholung selbst nicht kompensiert. Analysen von Tillmann und Meier zeigten, dass die Leistungen der Sitzenbleiber schwächer sind als die der normal versetzten Schüler (2001: 475) Die Autoren führen dies darauf zurück, dass zwei leistungsbehindernden Faktoren zusammenkommen:

  • „Zum einen sind Wiederholer im Durchschnitt mit weniger guten kognitiven Voraussetzungen ausgestattet (...); zum zweiten wird ihnen aber auch die Befassung mit den anspruchsvolleren fachlichen Inhalten der nächsten Klassenstufe verwehrt. Und dies gilt für alle Fächer.“ (475)

Die Autoren ziehen damit die pädagogische Wirksamkeit des Sitzenbleibens grundsätzlich in Zweifel.

Jungs und Migranten betroffen

Das Sitzenbleiben ist nicht für jede soziale Gruppe gleichbedeutend. Es betrifft viel stärker Jungen als Mädchen und es wirft vor allem SchülerInnen mit Migrationshintergrund aus der Bahn. Krohne und Meier (2004) haben die Versetzungspraxis auf Jungen und Migranten besonders untersucht. Die Studie legt nahe, dass ein pädagogisches Instrument, das derart ungleich in Schullaufbahnen interveniert, mit der Verfassung nicht vereinbar ist. „In allen Schulformen ist der Sitzenbleiberanteil der Jungen deutlich höher als der ihrer Mitschülerinnen“ (2004: 121) In der Schule mit mehreren Bildungsgängen und der Realschule bleiben sieben Prozentpunkte mehr Jungen als Mädchen sitzen. (z.B. 23,7 zu 16,4 Prozent; 30 zu 23,2 Prozent). Bemerkenswert ist dabei, dass die Ursachen für das Sitzenbleiben nicht in der mangelnden intellektuellen Leistungsfähigkeit der Jungen gesehen werden, sondern Eigenschaften wie Ausdauer, Genauigkeit oder Sorgfalt den Ausschlag geben. Es gibt also eine soziale Diskriminierung von Jungen in der Schule. Ältere Untersuchungen von Ingenkamp kamen zu dem gleichen Ergebnis (Ingenkamp 1972: 98).
Bei Migranten liegt der Fall noch deutlicher. „Es offenbart sich eine im Vergleich zu deutschen Kindern alarmierend hohe Sitzenbleiberquote der Migrantenkinder in der Grundschule“ (Krohne & Meier 2004: 135) Die Rate der Nichtversetzungen differiert um 11 bis 35 Prozentpunkte – je nach Schulform, am schlimmsten ist es in den Schulen mit mehreren Bildungsgängen. Vor allem die Mädchen mit Migrationshintergrund leiden massiv unter den Nichtversetzungen.

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