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Faktencheck: Leser recherchieren mit : Bienensterben: Sollten Insektizide verboten werden?

  • -Aktualisiert am

1. Die Suche nach handfesten Beweisen dafür, dass Neonicotinoide Bienen schädigen oder gar verantwortlich sind für das in den vergangenen Jahren zu beobachtende Bienensterben gestaltet sich als schwierig. Zwar konnte die schädigende Wirkung in Laborexperimenten gezeigt werden. Die Übertragbarkeit der Resultate auf Freiland-Bedingungen jedoch ist kaum möglich (siehe Karte). Denn die Wirkung von Giften ist bekanntlich eine Sache der Dosis. Welche Dosis des Giftes Bienen im Freiland zu sich nehmen, konnte jedoch trotz zahlreicher Studien nicht geklärt werden. Und es ist auch nicht zu erwarten, dass dies in Zukunft geleistet werden kann. Allein was die tödlichen Folgen des Giftes betrifft, müssen einige tausend Forschungsfelder bearbeitet werden (siehe Karte). Hinzu kommen Wechselwirkungen zum Beispiel mit Fungiziden auf der einen Seite und nicht-tödliche Effekte: Wenn Bienen in Kontakt mit Neonicotinoiden kommen, kann es passieren, dass ihr Orientierungsvermögen darunter leidet. Die Folge: sie finden nicht mehr zurück in den Stock. Tritt dieses Phänomen in großem Stil auf, kann auch dies zum Tod ganzer Bienenvölker führen.


Von daher kann man also den Schlussfolgerungen, welche Industrievertreter ziehen, durchaus zustimmen:


Through all the mounting fury of the claims about bees and pesticides there is no hard evidence from the field which shows that neonicotinoids damage bee health, or that banning them will improve things for bees. In fact the only evidence against these pesticides is completely theoretical and based on incorrect assumptions about what might happen in the field. (Syngenta-Sprecher Luke Gibbs, zitiert im sehr empfehlenswerten Faktencheck zum Thema “What is the value of bees?” im Guardian)


2. Die Frage ist allerdings: Welche Konklusion leitet man aus der Beobachtung ab, dass ein Schaden nicht hieb- und stichfest beweisbar ist? Die Forderung von Bayer & Co., dass die schädigende Wirkung erst in Freilandversuchen bewiesen sein muss, bevor ein Verbot rechtfertigt ist, schlechterdings nicht erfüllbar – einfach weil es zu viele Fragen gibt, die geklärt werden müssten (siehe Karte). Ein „Faktencheck“ hilft hier nicht weiter.
Interessanter ist hier die Frage, was auf dem Spiel steht, wenn man in Sachen Neonicotinoid das Vorsorgeprinzip walten ließe. Welche unbeabsichtigten Nebenwirkungen könnte ein Verbot der Neonicotinoide haben? Hier ist die Diskussion sehr viel übersichtlicher. Die seitens der Industrie erhobene Behauptung, dass ein Verzicht auf Neonicotinoide nicht nur zu starken wirtschaftlichen Einbußen führen, sondern – durch Über-Eck-Effekte – auch ökologisch Schaden anrichten würde, wird in der Hautsache durch eine einzige Studie gedeckt, die auch noch von einem Industrie-Konsortium finanziert wurde! Alle einzelnen Behauptungen, die aus der Studie abgeleitet werden, sind zudem umstritten.


Ausschlaggebend dafür, wie sich ein Verbot von Neonicotinoiden auswirken würde, ist am Ende der Masterplan: Um zu vermeiden, dass Landwirte auf andere Pestizide ausweichen, müsste ein übergeordneter Pestizidreduktionsplan mit festen Teilschritten erarbeitet werden, so wie dies die Grünen es in ihrem Antrag fordern, der anlässlich der am 15. März in Brüssel verhandelten Neonicotinoid-Frage dem Bundestag vorgelegt wurde.

Unterm Strich scheint es ernstzunehmende Argumente dafür zu geben, dass die von den Industrievertretern ins Feld geführten negativen Effekte vermeidbar sind. An dieser Stelle sollte die Debatte weiter fortgeführt werden! Die Forderung jedoch danach, dass zunächst belastbare Beweise in Freilandversuchen erbracht werden müssten, um ein Verbot rechtfertigen würden, kann hingegen kaum anders beurteilt werden denn als unverfrorener Coup der Industrielobby. Derartige Beweise können vermutlich niemals erbracht werden - was nicht auf ein zu vernachlässigendes Risiko hindeutet, sondern auf die immense Komplexität der Beweisführung.

Links und Literatur: siehe Extra-Seite.


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