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Denkfabrik #FactoryWisskomm : Weltverbesserer sollen sich am Riemen reißen

Wissenschaftler mit Mission: Wo endet die Aufklärung, wo beginnt der Aktivismus? Bild: Picture-Alliance

Aufklärer an die Front: Die Denkfabrik des Forschungsministeriums legt „Handlungsperspektiven“ für die Wissenschaftskommunikation vor. Viele Ideen sind enthalten – und eine deutliche Warnung, nicht zu überziehen.

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          Forschung, Lehre und, ja, Kommunikation: Die Wissenschaft soll und sie will sich öffnen, aber wirklich so? In dieser progressiven Dreifaltigkeit? Der Traditionalismus bröckelt, stürzt er jetzt vielleicht sogar ein? „Stürzt euch in den Meinungsstreit“, das hat einmal an dieser Stelle die vor drei Jahren als Seiteneinsteigerin an die Spitze des Bundesforschungsministeriums berufene Anja Karliczek der Academia zugerufen. Wie viele von dem gelehrten Personal in ihren Studierstuben und Laboren sie dafür belächelt haben, lässt sich daran ermessen, wie heftig einige Gegenreaktionen inzwischen ausfallen.

          Joachim Müller-Jung
          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          „Kommunikativer Aktionismus“ sei das, anmaßende Selbstvermarktung und gefährliche Instrumentalisierung. Die Leopoldina als Nationalakademie kennt das: Erneuerung, die ins Gegenteil umgedeutet und als verstörender Zeitgeist bekrittelt wird. Dabei ist das ewige Eis an den Kommunikationspolen der Forschung spätestens in der Pandemie gebrochen. Christian Drosten war gewissermaßen das kommunikative Geschenk der Wissenschaft an die Öffentlichkeit.

          Karliczek jedenfalls liefert auch: „Handlungsperspektiven für die Wissenschaftskommunikation“, damit ist das Abschlussdokument überschrieben, das in ihrer „Denkfabrik“ namens #FactoryWisskomm nach monatelangen Beratungen mit 150 Fachleuten hervorgebracht wurde. Auch der Autor dieser Zeilen war teilnehmender Beobachter dieses Prozesses, kein Autor, coronabedingt nicht einmal ein aktiver Anwalt der eigenen Sache. Denn auch der Wissenschaftsjournalismus erlebt fundamentale Umbrüche, und so lieferte der digitale Umbau der Medienindustrie ebenso wie die Kommunikation aus der Wissenschaft heraus Diskussionsstoff in der ministerialen Denkfabrik.

          Wissenschaftskommunikation ist zum Politikum geworden

          Wann hat es das einmal gegeben in der Wissenschaftsgeschichte, dass die Vermittlungsaufgabe der Wissenschaften systematisch bis in die entferntesten Verzweigungen des kommunikativen Geflechts des Wissenschaftsbetriebs politisch verhandelt wurde? Die aus England vor zwei Jahrzehnten importierte PUSH-Initiative („Public Understanding of Science and Humanities“) war im Vergleich dazu ein diskursives Geplänkel unter Aliens: hier der in sich verkapselte Kosmos der Gelehrten, dort die fragende Masse der Konsumenten, Industriellen und Politiker, die ihren Wunsch nach Aufklärung möglichst kreativ und unkompliziert – aber ohne große Systembrüche – erfüllt haben wollte. Überragend viel hat das am Stellenwert der Kommunikation in den deutschen Lehrstühlen nicht geändert.

          Mittlerweile ist Wissenschaftskommunikation zum Politikum geworden. Das ist in der Pandemie mit den antiwissenschaftlichen Attacken von außen sichtbar geworden, aber eben auch mit den intellektuellen Scharmützeln zwischen den wissenschaftlichen Disziplinen selbst. Und es wird durchaus auch für jeden erkennbar in dem passagenweise programmatischen Papier zur #FactoryWisskomm. Wer jedenfalls noch mehr PUSH-Geplänkel erwartet hatte, wird enttäuscht werden. In der Einleitung lauten die beiden zentralen Sätze: Wissenschaftskommunikation sei als „integrales Element des Wissenschaftssystems“ zu betrachten und „unterliegt den gleichen Erwartungen und Standards, die an gute Forschung und Lehre angelegt werden“. Damit bleiben die alten Prioritäten zwar unangetastet. Aber mit dem ergänzenden und abschließenden Hinweis, dass die „Unterstützung und Förderung der Wissenschaftskommunikation noch mehr im Wissenschaftssystem zu verankern“ sei, ist hier ein Weg vorgezeichnet, der vor wenigen Jahren noch unvorstellbar war.

          Die Präsidenten in der Allianz der Wissenschaftsorganisationen werden sich an dieser von ihnen mitgetragenen Aussage messen lassen müssen. Konkret geht es etwa um das, was in den vorgelegten To-do-Listen der Arbeitsgruppen als Handlungsfeld „Wisskommfreundliche Kultur/Anerkennungskultur“ bezeichnet wird. Hier zeigt sich, was unter der bislang an PR-Stellen delegierten Kommunikationsarbeit künftig auch zu verstehen ist: Kommunikation als karrierefördernder Baustein. Jahrzehntelang war sie bloß Störfaktor im Akademiebetrieb. Wer sich als Forscher auf Blogs, Twitter und Instagram engagiert, wer sich in Medien geäußert oder auf dem Youtube-Kanal Aufklärungsarbeit geleistet hat, der durfte bisher weder auf wissenschaftliche Meriten noch auf Vorteile in Berufungsverhandlungen hoffen.

          Punktabzug gibt es erst recht für Interventionen, die den gelehrten Absender – auch das zeigte die Expertendebatte in der Pandemie – als vermeintlichen Aktivisten erkennen lassen. Ein sensibler Punkt auch im #FactoryWisskomm-Prozess: Wissenschaftskommunikation, heißt es da, „wahrt die Distanz zu persönlichen Werturteilen“. Und: „Gute Wissenschaftskommunikation bedeutet, dass unter Umständen weniger statt mehr kommuniziert wird.“ Weltverbesserer haben es schwer. Natürlich ist das keine Selbstzensur. Und doch wirkt es wie der Widerruf zur ministeriellen Ansage, man möge sich auch in den öffentlichen Streit um große Fragen einmischen.

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