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Experiment 1 : Der klassische Libet-Versuch zum freien Willen

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1. Der Versuch mißt keinen Akt der Entscheidung. Das stereotype Heben der Hand mußte in dem Libet-Experiment bis zu 40mal wiederholt werden, damit die äußerst schwachen Hirnströme statistisch überhaupt nachweisbar wurden. Ist dieser Drang, sich zu bewegen, aber schon eine bewußte Entscheidung? Wahrscheinlicher ist, daß die willkürliche Entscheidung im Bewußtsein schon vor Beginn der monotonen Versuchsreihe getroffen wurde. Nachdem die Teilnehmer in den Versuch einwilligten, delegierte ihr Bewußtsein die präzise Vorbereitung der Handbewegungen an jene motorischen Zentren, die im Gehirn solche Handlungen vorbereiten. In diesen Hirnregionen erfolgten die neuronalen Berechnungen für einzelne Handkrümmungen, die dann kurz vor Ausführung der Aktion vom Bewußtsein nur noch mit einer Art „Jetzt-Befehl“ gestartet wurden. Der Trick mit der Uhr mißt demnach gar nicht den bewußten Entschluß, sondern nur den Akt der Auslösung der simplen Bewegung. Der Anstieg des Bereitschaftspotentials dokumentiert allein die Erwartung des Bewußtseins, daß es die gleiche Fingerbewegung wiederholt auslösen soll.

2. Es gab keine echte Handlungsfreiheit. Von einer freien Entscheidung sprechen wir dann, wenn Handelnden unterschiedliche Alternativen offenstehen. Im Libet-Versuch konnten die Teilnehmer nur den Zeitpunkt einer zuvor festgelegten Bewegung „wollen“. Sie konnten also weder bestimmen, was sie tun wollen, noch ob sie es tun wollen. Darauf hat zuletzt der Philosoph Michael Pauen in seinem Buch „Illusion Freiheit?“ hingewiesen. Der Entscheidungsspielraum für den freien Willensakt bestand im Libet-Experiment also allein darin, die Bewegung innerhalb von drei zugestandenen Sekunden sofort oder eben einen Moment später auszuführen. Echte, selbst bestimmte Entscheidungen dagegen dauern eine gewisse Weile, weil nur so das Für und Wider fraglicher Optionen auszuloten ist. Das dies so ist, erkennt man schon daran, daß das Bereitschaftspotential bei vorausgeplanten im Vergleich zu spontanen Bewegungen früher einsetzte (gelber Pfeil). Auch wenn die Versuchspersonen in späteren Versuchen zwischen beiden Händen wählen durften bei der Fingerbewegung, setzte das Bereitschaftspotential im Durchschnitt früher ein.

3. Lesefehler: Falsche Datierung des Willensaktes. Die einzelnen Versuchspersonen in dem Libet-Experiment unterscheiden sich erheblich darin, zu welchem Zeitpunkt ihnen der Willensakt bewußt wird. Die Datierung des Drangs, sich bewegen zu wollen, schwankte zwischen 422 und 54 Millisekunden vor dem Beginn der eigentlichen Fingerbewegung, in einem Wiederholungsversuch sogar zwischen 984 und 4 Millisekunden.

Als Mittelwert aller Versuche ergaben sich für Libet daraus die häufig zitierten 150 bis 200 Millisekunden, bei späteren Wiederholungen der Versuche durch Patrick Haggard tauchte der bewußte Wille dagegen schon 350 Millisekunden vor der Bewegung auf, also deutlich früher. Offenbar verstanden nicht alle Teilnehmer das gleiche, als der Versuchsleiter ihnen sagte, sie sollten die Uhrzeit genau dann ablesen, wenn sie den „Drang, sich zu bewegen“, verspürten. Wahrnehmungspsychologen kennen zudem eine Art der optischen Täuschung, die entsteht, wenn Versuchspersonen einen sich rasch drehenden Zeiger verfolgen. Steht die Uhr etwa auf 12 Uhr, datiert das Bewußtsein in der Erinnerung diese Zeit um einige Dutzend Millisekunden vor, weil es den Zeitverzug zwischen Wahrnehmung und Bericht automatisch einberechnet. Solche Meßfehler verringern die Zeit zwischen dem Start des Bereitschaftspotentials und dem ersten Auftreten des bewußten Willens. Voreilige Rückschlüsse auf eine zeitliche Abfolge von unbewußten Vorgängen und dem Entstehen des bewußten Willens sind daher mit Vorsicht zu genießen.

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