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Expedition Endurance22 (1) : Das am schwierigsten zu ortende Schiff der Erde

  • -Aktualisiert am

Das Forschungsschiff Agulhas II auf dem Weg ins Untersuchungsgebiet, wo das Wrack der 1915 gesunkenen Endurance vermutet wird. Bild: Lasse Rabenstein

1915 ging in der Antarktis das Schiff des Polarforschers Ernest Shackleton unter. Nun macht sich eine Expedition an die herausfordernde Aufgabe, das Wrack zu finden.

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          „Diese Reise ins Ungewisse ist ein einzigartiges Unterfangen, denn wir suchen das am schwierigsten zu ortende Schiff auf der Erde“, erklärt Lasse Rabenstein, leitender Wissenschaftler der Endurance­22-Expedition, „es gibt keine Erfolgsgarantie.“ Es ist der 5. Februar 2022. Der Geophysiker Rabenstein sticht von Kapstadt aus mit Polarforschern, Archäologen und Ingenieuren in See, zu diesem Zeitpunkt noch in Sommerkleidung. Auf der Agulhas II fahren die Forscher in südwestliche Richtung, um Ernest Shackletons verlorenes Schiff zu finden, das auf der letzten großen Expedition im goldenen Zeitalter der antarktischen Entdecker vor über hundert Jahren gesunken war. Rabenstein und sein Team senden regelmäßig Nachrichten von Bord der Agulhas II.

          Ernest Shackleton war 1914 mit der Endu­rance aufgebrochen, um als Erster den Kontinent über den geographischen Südpol hinweg zu durchqueren. Der dreimastige Großsegler mit Dampfmaschine war für polare Bedingungen konstruiert worden, und lockeres Packeis hätte die Endurance durchfahren können. Doch im Januar 1915 wurde sie vom Packeis des Weddell-Meeres vollständig eingeschlossen und nach 281 Tagen schließlich von Eismassen zerdrückt. Sie sank in 3000 Meter Tiefe hinab und wurde so berühmt wie Shackletons abenteuerliche Rettungsaktion, die schließlich alle Expeditionsteilnehmer vor dem Tod bewahrte. Knapp hundert Jahre später beschloss die private Stiftung Falklands Maritime Heritage Trust, das Wrack zu finden, und initiierte 2019 eine erste Suchexpedition, die jedoch scheiterte: Das Herzstück jener Suche, ein autonomes Unterwasserfahrzeug (Autonomous Underwater Vehicle, AUV) für unbemannte Tauchgänge, ging unter der geschlossenen Eisdecke verloren. Das Team kehrte enttäuscht, aber mit einiger Lernerfahrung zurück.

          Abermaligen Datenverlust verhindern

          Jetzt wäre man auf so einen Fall vorbereitet. „Damit im Falle eines AUV-Verlustes nicht auch die gesammelten Informationen verloren gehen, sendet das neue AUV alle Messdaten in Echtzeit an Deck“, erläutert Rabenstein. An Bord ist ein internationales Team aus Unterwasserrobotik- und Meereis-Experten, auch Kollegen vom Alfred-Wegener-Institut (AWI) und vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR), die im Weddell-Meer noch andere Forschungsvorhaben verfolgen. Doch bevor das AUV zum Einsatz kommt, müssen sie erst den Ort erreichen, wo die Endurance den historischen Aufzeichnungen gemäß vermutlich gesunken ist.

          Eisbrecher der Polarklasse 5: Das Forschungsschiff Agulhas II kommt mit lockerem Packeis gut zurecht.
          Eisbrecher der Polarklasse 5: Das Forschungsschiff Agulhas II kommt mit lockerem Packeis gut zurecht. : Bild: Lasse Rabenstein

          Die unbändige Kraft von kollidierenden Eismassen war nicht nur zu Shackletons Zeiten gefürchtet. Heute aber gibt es neben stabileren Eisbrechern auch moderne Prognosemethoden. Rabensteins vierköpfiges Eismonitoring-Team von Drift + Noise Polar Services, einer Ausgründung des AWI, wertet an Bord der Agulhas II zusammen mit dem DLR kontinuierlich Satellitendaten aus. Mittels Radarmessungen lassen sich Eiskonzentrationen auf dem Meer durch Wolken hindurch ermitteln. Diese Daten werden mit Wettermodellen kombiniert, um Eisbewegungen voraussagen zu können. Die Driftrichtungen der Eisplatten ändern sich ständig und schnell: Seewege in Form von Rissen im Eis öffnen und schließen sich temporär wie in einem bewegten Labyrinth. Es ist auch Rabensteins Aufgabe, den bestmöglichen Weg durchs Eis zu finden — oder, falls das ausweglos ist, zumindest die richtige Eisscholle auszuwählen, auf der das Untersuchungsgebiet „driftend“ erreicht werden kann.

          Auf einen frühen Winter vorbereitet

          Ungewissheiten gebe es viele, gibt Rabenstein am sechsten Tag der Überfahrt zum Weddell-Meer zu bedenken. Zum Beispiel ist die Agulhas II kein kernkraftbetriebener Atomeisbrecher der höchstmöglichen Eisklassifizierung „Polarklasse 1“. Das Schiff hat nur Polarklasse 5 und kommt nicht einfach durch drei Meter dickes Eis. Käme der Winter am Südpol zu schnell, könnte es eng werden, aber solche Eventualitäten sind einkalkuliert: „Falls wir nur auf 40 Seemeilen an die Wrackkoordinaten herankommen, greift Plan B: Zwei Helikopter würden den fünf Meter hohen Bohrturm auf eine ausgewählte Eisscholle bringen, die zum richtigen Zeitpunkt über die Koordinaten hinwegdriftet. Dort müsste die Bohrfirma ein Loch für den AUV-Einsatz setzen“, so Rabenstein.

          Als die Endurance-22-Expedition am 16. Februar das Untersuchungsgebiet erreicht, herrschen glücklicherweise noch einfache Eisbedingungen. Seit Freitag taucht das AUV nun nach dem Wrack, die Spannung wächst. Nur die Pinguine und Robben fläzen sich derzeit auf der Scholle. „Es ist der erste wichtige Meilenstein, überhaupt angekommen zu sein“, sagt Rabenstein, bevor er mit den AWI-Kollegen in Polarkluft von Bord geht. Auch die von ihm koordinierten wissenschaftlichen Tätigkeiten an Bord beginnen jetzt, parallel zur Wracksuche.

          Über den aktuellen Status der Expedition werden wir in den kommenden Wochen immer wieder an dieser Stelle berichten.

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