https://www.faz.net/-gwz-8awo4

Lisa-Pathfinder : Europas neuer Forschungssatellit nach Panne perfekt gestartet

Lisa-Pathfinder in der Animation. Bild: dpa

Besser hätte es dann doch nicht laufen können. Seit heute Morgen ist der Satellit Lisa-Pathfinder endlich im All. Er soll den Weg in eine neue Ära der Gravitationswellenforschung einläuten.

          Es war dann doch ein gelungener Start, als die  Vega-Rakete am frühen Mittwochmorgen  um 1.15 Uhr Ortszeit (5.15 Uhr mitteleuropäischer Zeit) vom Weltraumbahnhof Kourou in Französisch-Guayana endlich abhob. Sehr zur Freude der vielen Zuschauer, die sich auf der Terrasse des Kontrollzentrums „Jupiter“ versammelt hatten, um das Schauspiel  aus zwölf Kilometern  zu verfolgen. Der ursprünglich für den Vortag anberaumte Starttermin war wenige Stunden zuvor, verschoben worden. Der Grund waren unklare Temperaturwerte, die Tests der vierten Raketenstufe der Vega geliefert hatten. In der Nacht hatte man die Fehlerquelle identifiziert und ausräumen können.

          Grelles Leuchten

          Manfred Lindinger

          Redakteur im Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Als die Haupttriebwerke europäischen Trägerrakete zündeten war zunächst war nur ein grelles Leuchten zu sehen,  Dann fühlte man ein leichtes vibrieren. Den Lärm der Antriebsmotoren hörte man erst, als die kleinere Schwester der Ariane-Rakete samt ihrer wertvollen Fracht an der Spitze, längst den Sartplatz verlassen hatte und wie ein brennender Pfeil senkrecht  in den Nachthimmel schoss. Minuten danach war die Vega  nur noch  ein winziger Punkt im schwarzen Himmel, der bald aus dem Sichtfeld verschwand. Nur das leise Knattern der Triebwerke erinnerten noch an den Start der Rakete.

          Dass die vierte und letzte Stufe der Vega in einer Höhe von 193 Kilometern gezündet hatte,  verkündete die Stimme aus dem Lautsprecher, die alle Geschehnisse aus dem Kontrollzentrum übertrugen. Bis dahin waren sechseinhalb Minuten vergangen.  Dann war es erst mal still in Kourou, fast zwei Stunden lang. Denn so lange musste man auf die erlösende Nachricht aus dem Lautsprecher warten:  „Die letzte Stufe der Trägerrakete  ist abgetrennt und die kostbare Fracht – der Satellit Lisa-Pathfinder  – hat ihre elliptische Parkumlaufbahn erreicht und schwebt sicher in 244 Kilometern Höhe.“ Dann brach der Jubel bei den Wissenschaftlern und Ingenieuren der europäischen Weltraumagentur Esa und dem Raumfahrtunternehmen Airbus aus, vor allem bei den Forschern, die Lisa-Pathfinder entwickelt und gebaut haben. Das Ergebnis von 17 Jahren harter Arbeit schwebte erst mal sicher im All. 

          Präzisionsexperimente in 1,5 Millionen Kilometer Entfernung

          Der 2 mal 1 Meter große und 430 Kilogramm schwere Satellit Lisa-Pathfinder ist ein ambitioniertes Gemeinschaftsprojekt von sieben europäischen Nationen, darunter Deutschland, Frankreich Italien und die Schweiz.  Es soll den Weg ebenen für das künftige weltraumgestützte Observatorium „Lisa“, das die Wende bei der Suche nach Gravitationswellen bringen soll, deren Existenz Albert Einstein vor hundert Jahren aus den Gleichungen der Allgemeinen Relativitätstheorie geschlossen hatte. Diese periodische Verzerrungen des Raumes sollen immer dann entstehen,   wenn Massen beschleunigt oder abgebremst werden. Gravitationswellen  sind aber nur von großen beschleunigten Massen messbar. Lisa wird von drei baugleichen Satelliten gebildet, die im Formationsflug ein gleichseitiges Dreieck von mehreren Millionen Kilometer Kantenlänge aufspannen. Das riesige Interferometer würde entlang der Erdbahn um die Sonne kreisen und alle niederfrequenten Gravitationssignale registrieren, die etwa von rotierenden Supermassiven Schwarzen Löchern, möglicherweise auch aus der Frühphase des Universums stammen.

          Weil man mit Lisa  wissenschaftliches und technisches Neuland betritt hat man das Demonstrationsprojekt Lisa-Pathfinder ersonnen, das bereits Technologien für das geplante  Observatorium unter realistischen Bedingungen testen soll. Lisa-Pathfinder ist Lisa gewissermaßen im Labormaßstab. Herzstück des Satelliten sind zwei kubische Testmassen aus einer Gold-Platin-Legierung, die im Inneren schweben.  Lisa-Pathfinder  folgt den beiden jeweils zwei Kilogramm schweren Testmassen an Bord, die auf ihrer eigenen Umlaufbahn frei fliegen. Mit einem Laserinterferometer misst man nun, wie sich unter bestimmten Bedingungen der Abstand der beiden Massen zueinander verändert.

          Stationiert wird es im Lagrangepunkt 1. Dort, in 1,5 Millionen Kilometer Entfernung, heben sich Anziehungskräfte zwischen Erde und Sonne fast auf.  Bis Lisa-Pathfinder sein endgültiges Ziel erreicht werden noch einige Wochen vergehen. Ausgehend von der jetzt erreichten Parkbahn wird der Satellit  schrittweise in immer höhere Umlaufbahnen befördert. Sechs Mal wird dazu das Haupttriebwerk des Vorschubmoduls gezündet. Beim sechsten Mal verlässt der Flugkörper die Erdumlaufbahn. Dann driftet er 40 Tage lang bis zum 1,5 Millionen Kilometer entfernten Lagrange-Punkt 1. Nach einem Korrekturmanöver wird das Vortriebsmodul schließlich abgesprengt. Von da an ist Lisa-Pathfinder auf sich alleine gestellt. Am 15. oder 16. Februar kommenden Jahres folgt der entscheidende Augenblick: Dann werden die beiden bis dahin mechanisch fixierten Testmassen freigelassen. Von da an nehmen die an der Mission beteiligten Wissenschaftler für die kommenden neun Monate die  Kontrolle über Lisa Pathfinder. Denn so lange werden die Wissenschaftler für die geplanten Präsizionsmessungen  mindestens benötigen.

          Weitere Themen

          Maßlos überhitzt!

          Klimawandel in einer Grafik : Maßlos überhitzt!

          Der Plot, der die Weltklimakrise besser begreifen lässt als jede Zahl: Unter #Showyourstripes“ hat ein Klimaforscher Daten aus aller Welt gesammelt und die Erwärmung in Streifenmustern visualisiert. Eine Ikonographie des Unheils.

          Wieder Methan auf dem Mars

          Rätselhafter Gasausstoß : Wieder Methan auf dem Mars

          Der Marsrover „Curiosity“ hat wieder Methangas auf dem Roten Planeten gemessen. Diesmal war die Gasmenge besonders groß. Doch woher stammt der Kohlenwasserstoff, der auf der Erde vorwiegend aus biologischen Quellen stammt?

          ISS-Raumfahrer zurück auf der Erde Video-Seite öffnen

          204 Tage im All : ISS-Raumfahrer zurück auf der Erde

          Die Sojus-Kapsel mit den drei Astronauten ist sicher in der kasachischen Steppe gelandet. An Board befanden sich drei Raumfahrer aus den Vereinigten Staaten, Kanada und Russland, die während ihres Aufenthalts auf der Internationalen Raumstation verschiedene Experimente durchgeführt haben.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.