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Institute drängen Brüssel : Europas Genpolitik spielt den Multis in die Hände

  • -Aktualisiert am

Genetische Variation, wie sie die Natur bietet: Zucht-Tomaten. Bild: dpa

Ein Protestschreiben, viel Hoffnung: Mehr als hundert Pflanzenforschungsinstitute wollen Europa für die neue Gentechnik gewinnen. Es geht um Freiheit, Natürlichkeit und vor allem um die Zukunft vieler Start-ups. Ein Gespräch mit Holger Puchta.

          4 Min.

          Pflanzen, die nur eine einzige durch die Gen-Schere Crispr-Cas erzeugte Mutation besitzen, fallen unter das Gentechnikgesetz, so will es der Europäische Gerichtshof (EuGH). Den europäischen Pflanzenzüchtern sind dadurch Fesseln angelegt worden, die wissenschaftlich nicht zu begründen sind. Deshalb haben sich vor kurzem Forscher aus 116 öffentlich geförderten europäischen Institutionen an das neu gewählte Europaparlament und die Europäische Kommission gewandt und fordern eine zügige Modernisierung des europäischen Gentechnikrechts. Einer von ihnen ist Holger Puchta, Professor für Pflanzenmolekularbiologie und Biochemie am Karlsruher Institut für Technologie.

          FRAGE: Herr Puchta, die Entscheidung des EuGH erzürnt immer noch die Forschergemeinde, sie spricht vom Fehlen jeder wissenschaftlichen Logik. Was heißt das?

          ANTWORT: Wissenschaftlich gesehen, ist das Urteil aus zwei Gründen unlogisch. Zum einen wird die klassische Mutagenese nach wie vor von der Regulierung ausgenommen, obwohl der EuGH diese Pflanzen grundsätzlich auch als genetisch veränderte Organismen einstuft, als sogenannte GVOs. Pflanzen, bei denen dagegen nur eine vorgeplante, gerichtete Mutation mit der Gen-Schere eingeführt worden ist, unterliegen einer viel strengeren Regulierung. Das ist so, als ob man bei einer medizinischen Operation die Schrotflinte dem Skalpell vorzieht. Auf diese Idee käme auch niemand. Der zweite Grund hat mit der Überprüfung der Regulierung zu tun. Transgene Pflanzen lassen sich über ihre Fremd-DNA sicher und gerichtsfest identifizieren. Für Crispr-Cas-Mutationen gilt das nicht, denn niemand kann mit Sicherheit sagen, ob eine Mutation durch die Gen-Schere zustande gekommen ist oder auf natürlichem Wege, denn spontane Mutationen sind in der Natur häufig. Es wird also gar nicht möglich sein, bei den in die EU importierten Waren nachzuweisen, dass Crispr-Cas verwendet worden ist. Auch bei der Anmeldung einer neuen Sorte gibt es keine Möglichkeit, zwischen natürlichen und induzierten Mutationen zu unterscheiden.

          Genforscher Holger Puchta

          FRAGE: Wird sich die restriktive GVO-Gesetzgebung der EU damit gar nicht durchsetzen lassen?

          ANTWORT: Nicht durch ein gerichtsfestes Nachweisverfahren wie bei transgenen Pflanzen. Das muss allen Beteiligten klar sein.

          FRAGE: Gibt es einen Grund, dass in der von Ihnen mitverfassten Stellungnahme plötzlich so vehement auf eine zeitnahe Änderung des existierenden Regelwerks gedrungen wird?

          ANTWORT: Europa verliert im Vergleich zu vielen anderen Ländern, in denen die Technik ohne spezielle Regulierung angewendet werden darf, den Anschluss, wissenschaftlich, aber auch wirtschaftlich gesehen. Noch wichtiger ist uns aber, darauf hinzuweisen, dass diese Werkzeuge wichtige Beiträge für eine nachhaltige Entwicklung leisten können. Wir können jetzt anfangen, den Einsatz von Pestiziden in der Landwirtschaft zu minimieren und Pflanzen herzustellen, die besser mit der Erderwärmung umgehen können. Wir sollten das Potential dieser Technologie nutzen, um die Erde für künftige Generationen nachhaltiger und lebenswerter zu gestalten.

          FRAGE: Wie begründen Sie juristisch Ihre Forderung?

          ANTWORT: Die ursprüngliche Intention der 2001 erlassenen Freisetzungsrichtlinie war die Durchsetzung des Vorsorgeprinzips. Es sollten Schäden für den Verbraucher abgewendet werden. Heute ist man bei der Einschätzung der Risiken und Chancen sehr viel weiter. Pflanzen, die mit Crispr-Cas hergestellt werden, stellen kein höheres Risiko dar als klassische Sorten oder Sorten, die durch klassische Mutagenese entstanden sind. Zu dieser Einschätzung kommen nicht nur wir europäischen Wissenschaftler, sondern auch viele Behörden in Ländern außerhalb Europas.

          FRAGE: Was müsste am derzeitigen europäischen Gentechnikrecht genau geändert werden?

          ANTWORT: Es müsste die Freisetzungsrichtlinie über ein Gesetzgebungsverfahren geändert werden. Es sollten nur solche Pflanzen als GVOs reguliert werden, deren Genom sich eindeutig von natürlichen Sorten unterscheidet. Nicht der Prozess der Herstellung sollte bei der Klassifizierung eine Rolle spielen, sondern nur das Produkt.

          FRAGE: Wie stark fühlen Sie sich durch das Urteil des EuGH in Ihrer Forschung behindert?

          ANTWORT: Die Situation erfüllt uns alle mit großer Sorge. Natürlich versuchen wir erst einmal, auf dem Gebiet weiter zu forschen. Aber für entsprechende neue Forschungsprojekte werden in Deutschland und Europa derzeit keine Gelder mehr zur Verfügung gestellt. In der molekularen Pflanzenzüchtung wird es für den wissenschaftlichen Nachwuchs in Europa bald keine Stellen mehr geben, und die Expertise wird langfristig verlorengehen.

          Wer will künftig unterscheiden, was „Genfood“ ist?

          FRAGE: Wie sollte die Sortenzulassung einer Crispr-Pflanze aussehen, wenn sie nicht mehr als GVO eingestuft wird? Ganz ohne Hinweis auf den gentechnischen Herstellungsprozess?

          ANTWORT: Letztendlich geht es ja darum, den Verbrauchern die Möglichkeit zu geben, sich gegen den Konsum von Lebensmitteln zu entscheiden, die mit Hilfe von GVOs hergestellt werden. Dieses Problem könnte man dadurch lösen, dass Betriebe zertifiziert werden. Diese dürften dann ein Label benutzen, das dem Verbraucher garantiert, dass die Ware ohne Gentechnik hergestellt worden ist. Das beruht natürlich auf Vertrauen und stellt eine Umkehrung der GVO-Kennzeichnungspflicht dar. Aber die ist, nachdem der EuGH in seinem Urteil ganz klar und eindeutig alle mit klassischer Mutagenese hergestellten Pflanzen als GVOs klassifiziert hat, gar nicht mehr möglich.

          FRAGE: Das Besondere an der Gen-Schere ist eine Art Demokratisierung der Forschung. Das Editieren des Genoms ist keine Elite-Wissenschaft mehr, sondern ein Eingriff, den jedes gute Labor meistern kann. Wem schadet die Situation heute am meisten?

          ANTWORT: Weil die Anwendung so einfach ist, sind in den vergangenen Jahren weltweit viele Start-ups gegründet worden, die die modernen Technologien nutzen und weiterentwickeln. Hier entsteht also gerade ein nicht zu unterschätzendes Gegengewicht zu den großen multinationalen Agrarkonzernen. Dieser positiven Entwicklung wird nun in Europa der Garaus gemacht, da solche kleineren Unternehmen im Gegensatz zu den Konzernen nicht in der Lage sein werden, die Kosten in zweistelliger Millionenhöhe aufzubringen, die unter dem aktuellen Gentechnikrecht anfallen.

          FRAGE: In den zwanzig Jahren des kommerziellen Anbaus sind keine schwerwiegenden Schäden für Mensch und Natur bekanntgeworden, die es nicht auch schon durch die bisherige Landwirtschaft gibt. Sieht Europa in der grünen Gentechnik etwas Bedrohliches, was andere nicht sehen?

          ANTWORT: Viele Europäer setzen grüne Gentechnik mit dem aggressiven Geschäftsgebaren von globalen Konzernen wie Monsanto und dem Einsatz von Pestiziden gleich. Wir hoffen, dass wir mit unserer Stellungnahme sowohl der Öffentlichkeit als auch den Kritikern der grünen Gentechnik klarmachen können, dass Crispr-Cas eine der „grünsten“ Technologien ist, die je entwickelt worden ist. Mit minimalen Veränderungen können wir auf naturidentische Weise wichtige Verbesserungen zur nachhaltigen Entwicklung der Landwirtschaft auf unserem Planeten erreichen.

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