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Institute drängen Brüssel : Europas Genpolitik spielt den Multis in die Hände

  • -Aktualisiert am

Genetische Variation, wie sie die Natur bietet: Zucht-Tomaten. Bild: dpa

Ein Protestschreiben, viel Hoffnung: Mehr als hundert Pflanzenforschungsinstitute wollen Europa für die neue Gentechnik gewinnen. Es geht um Freiheit, Natürlichkeit und vor allem um die Zukunft vieler Start-ups. Ein Gespräch mit Holger Puchta.

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          Pflanzen, die nur eine einzige durch die Gen-Schere Crispr-Cas erzeugte Mutation besitzen, fallen unter das Gentechnikgesetz, so will es der Europäische Gerichtshof (EuGH). Den europäischen Pflanzenzüchtern sind dadurch Fesseln angelegt worden, die wissenschaftlich nicht zu begründen sind. Deshalb haben sich vor kurzem Forscher aus 116 öffentlich geförderten europäischen Institutionen an das neu gewählte Europaparlament und die Europäische Kommission gewandt und fordern eine zügige Modernisierung des europäischen Gentechnikrechts. Einer von ihnen ist Holger Puchta, Professor für Pflanzenmolekularbiologie und Biochemie am Karlsruher Institut für Technologie.

          FRAGE: Herr Puchta, die Entscheidung des EuGH erzürnt immer noch die Forschergemeinde, sie spricht vom Fehlen jeder wissenschaftlichen Logik. Was heißt das?

          ANTWORT: Wissenschaftlich gesehen, ist das Urteil aus zwei Gründen unlogisch. Zum einen wird die klassische Mutagenese nach wie vor von der Regulierung ausgenommen, obwohl der EuGH diese Pflanzen grundsätzlich auch als genetisch veränderte Organismen einstuft, als sogenannte GVOs. Pflanzen, bei denen dagegen nur eine vorgeplante, gerichtete Mutation mit der Gen-Schere eingeführt worden ist, unterliegen einer viel strengeren Regulierung. Das ist so, als ob man bei einer medizinischen Operation die Schrotflinte dem Skalpell vorzieht. Auf diese Idee käme auch niemand. Der zweite Grund hat mit der Überprüfung der Regulierung zu tun. Transgene Pflanzen lassen sich über ihre Fremd-DNA sicher und gerichtsfest identifizieren. Für Crispr-Cas-Mutationen gilt das nicht, denn niemand kann mit Sicherheit sagen, ob eine Mutation durch die Gen-Schere zustande gekommen ist oder auf natürlichem Wege, denn spontane Mutationen sind in der Natur häufig. Es wird also gar nicht möglich sein, bei den in die EU importierten Waren nachzuweisen, dass Crispr-Cas verwendet worden ist. Auch bei der Anmeldung einer neuen Sorte gibt es keine Möglichkeit, zwischen natürlichen und induzierten Mutationen zu unterscheiden.

          Genforscher Holger Puchta

          FRAGE: Wird sich die restriktive GVO-Gesetzgebung der EU damit gar nicht durchsetzen lassen?

          ANTWORT: Nicht durch ein gerichtsfestes Nachweisverfahren wie bei transgenen Pflanzen. Das muss allen Beteiligten klar sein.

          FRAGE: Gibt es einen Grund, dass in der von Ihnen mitverfassten Stellungnahme plötzlich so vehement auf eine zeitnahe Änderung des existierenden Regelwerks gedrungen wird?

          ANTWORT: Europa verliert im Vergleich zu vielen anderen Ländern, in denen die Technik ohne spezielle Regulierung angewendet werden darf, den Anschluss, wissenschaftlich, aber auch wirtschaftlich gesehen. Noch wichtiger ist uns aber, darauf hinzuweisen, dass diese Werkzeuge wichtige Beiträge für eine nachhaltige Entwicklung leisten können. Wir können jetzt anfangen, den Einsatz von Pestiziden in der Landwirtschaft zu minimieren und Pflanzen herzustellen, die besser mit der Erderwärmung umgehen können. Wir sollten das Potential dieser Technologie nutzen, um die Erde für künftige Generationen nachhaltiger und lebenswerter zu gestalten.

          FRAGE: Wie begründen Sie juristisch Ihre Forderung?

          ANTWORT: Die ursprüngliche Intention der 2001 erlassenen Freisetzungsrichtlinie war die Durchsetzung des Vorsorgeprinzips. Es sollten Schäden für den Verbraucher abgewendet werden. Heute ist man bei der Einschätzung der Risiken und Chancen sehr viel weiter. Pflanzen, die mit Crispr-Cas hergestellt werden, stellen kein höheres Risiko dar als klassische Sorten oder Sorten, die durch klassische Mutagenese entstanden sind. Zu dieser Einschätzung kommen nicht nur wir europäischen Wissenschaftler, sondern auch viele Behörden in Ländern außerhalb Europas.

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