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Institute drängen Brüssel : Europas Genpolitik spielt den Multis in die Hände

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FRAGE: Was müsste am derzeitigen europäischen Gentechnikrecht genau geändert werden?

ANTWORT: Es müsste die Freisetzungsrichtlinie über ein Gesetzgebungsverfahren geändert werden. Es sollten nur solche Pflanzen als GVOs reguliert werden, deren Genom sich eindeutig von natürlichen Sorten unterscheidet. Nicht der Prozess der Herstellung sollte bei der Klassifizierung eine Rolle spielen, sondern nur das Produkt.

FRAGE: Wie stark fühlen Sie sich durch das Urteil des EuGH in Ihrer Forschung behindert?

ANTWORT: Die Situation erfüllt uns alle mit großer Sorge. Natürlich versuchen wir erst einmal, auf dem Gebiet weiter zu forschen. Aber für entsprechende neue Forschungsprojekte werden in Deutschland und Europa derzeit keine Gelder mehr zur Verfügung gestellt. In der molekularen Pflanzenzüchtung wird es für den wissenschaftlichen Nachwuchs in Europa bald keine Stellen mehr geben, und die Expertise wird langfristig verlorengehen.

Wer will künftig unterscheiden, was „Genfood“ ist?

FRAGE: Wie sollte die Sortenzulassung einer Crispr-Pflanze aussehen, wenn sie nicht mehr als GVO eingestuft wird? Ganz ohne Hinweis auf den gentechnischen Herstellungsprozess?

ANTWORT: Letztendlich geht es ja darum, den Verbrauchern die Möglichkeit zu geben, sich gegen den Konsum von Lebensmitteln zu entscheiden, die mit Hilfe von GVOs hergestellt werden. Dieses Problem könnte man dadurch lösen, dass Betriebe zertifiziert werden. Diese dürften dann ein Label benutzen, das dem Verbraucher garantiert, dass die Ware ohne Gentechnik hergestellt worden ist. Das beruht natürlich auf Vertrauen und stellt eine Umkehrung der GVO-Kennzeichnungspflicht dar. Aber die ist, nachdem der EuGH in seinem Urteil ganz klar und eindeutig alle mit klassischer Mutagenese hergestellten Pflanzen als GVOs klassifiziert hat, gar nicht mehr möglich.

FRAGE: Das Besondere an der Gen-Schere ist eine Art Demokratisierung der Forschung. Das Editieren des Genoms ist keine Elite-Wissenschaft mehr, sondern ein Eingriff, den jedes gute Labor meistern kann. Wem schadet die Situation heute am meisten?

ANTWORT: Weil die Anwendung so einfach ist, sind in den vergangenen Jahren weltweit viele Start-ups gegründet worden, die die modernen Technologien nutzen und weiterentwickeln. Hier entsteht also gerade ein nicht zu unterschätzendes Gegengewicht zu den großen multinationalen Agrarkonzernen. Dieser positiven Entwicklung wird nun in Europa der Garaus gemacht, da solche kleineren Unternehmen im Gegensatz zu den Konzernen nicht in der Lage sein werden, die Kosten in zweistelliger Millionenhöhe aufzubringen, die unter dem aktuellen Gentechnikrecht anfallen.

FRAGE: In den zwanzig Jahren des kommerziellen Anbaus sind keine schwerwiegenden Schäden für Mensch und Natur bekanntgeworden, die es nicht auch schon durch die bisherige Landwirtschaft gibt. Sieht Europa in der grünen Gentechnik etwas Bedrohliches, was andere nicht sehen?

ANTWORT: Viele Europäer setzen grüne Gentechnik mit dem aggressiven Geschäftsgebaren von globalen Konzernen wie Monsanto und dem Einsatz von Pestiziden gleich. Wir hoffen, dass wir mit unserer Stellungnahme sowohl der Öffentlichkeit als auch den Kritikern der grünen Gentechnik klarmachen können, dass Crispr-Cas eine der „grünsten“ Technologien ist, die je entwickelt worden ist. Mit minimalen Veränderungen können wir auf naturidentische Weise wichtige Verbesserungen zur nachhaltigen Entwicklung der Landwirtschaft auf unserem Planeten erreichen.

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