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Schadstoff-Studie schreckt auf : Europäer verlieren zwei Lebensjahre durch schlechte Luft

Osteuropa hat die höchsten Belastungen und vorzeitigen Todesfälle: mehr als zweihundert von 100.000 Einwohnern sterben wegen chronischer Schadstoffkonzentrationen früher als nötig. Bild: EPA

Schlimmer als Tabak: Die Wissenschaft macht im Streit um die Gesundheitsrisiken von Luftschadstoffen Ernst und setzt die Umweltpolitik mit neuen Zahlen unter Druck.

          Die Hoffnung auf laxere Grenzwerte für Luftschadstoffe, die mit dem wochenlangen Streit um Diesel-Fahrverbote aufkeimte – sie ist in den vergangenen Tagen buchstäblich im Keim erstickt worden. Und zwar keineswegs allein durch den Brief, den jüngst der Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie an die Mitglieder verschickt hat. In dem weist der Berufsverband der Lungenärzte auf die „nicht nachlassenden Anstrengungen um eine weitere Reduktion der Luftbelastung“ hin – neben dem Kampf gegen das Rauchen und Schadstoffe am Arbeitsplatz.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Auch die wissenschaftliche Fachgesellschaft der deutschen Toxikologen hat mit reichlicher Verzögerung in einer Stellungnahme klargestellt: Der aktuelle europäische Grenzwert für Stickstoffdioxid von 40 Mikrogramm pro Kubikmeter in der Außenluft, über ein Jahr gemittelt, sei nicht etwa abzuschwächen, sondern sei angesichts der Studienlage „wissenschaftlich plausibel“. Tatsächlich jedoch rechnen führende Pneumologen inzwischen fest mit einem Vorschlag der Weltgesundheitsorganisation, den Stickoxid-Grenzwert weiter zu senken.

          Damit nicht genug: Noch erheblich stärker wächst jetzt der Druck wegen der Partikelbelastung. Bei den Feinstaub-Grenzwerten in der Luft liegt die Europäische Union immer noch deutlich über den Empfehlungen der WHO: um das Zweifache, was die PM10-Partikeln mit einem Durchmesser von maximal zehn Mikrometer angeht (EU-Jahresmittelwert 40 Mikrogramm) und sogar um das Zweieinhalbfache, wenn es um die kleineren und noch deutlich gesundheitsschädlicheren PM2,5-Partikeln geht (EU-Jahresmittelwert 25 Mikrogramm pro Kubikmeter).

          8,8 Millionen vorzeitiger Todesfälle

          Im September vergangenen Jahres hatte ein internationales Team um den kanadischen Umwelttoxikologen Richard Burnett die Gesundheitsrisiken durch diese Feinstäube deutlich nach oben korrigiert. Nicht 4,5 Millionen vorzeitige Todesfälle würden weltweit auf das Einatmen feinstaubbelasteter Luft zurückgehen, wie das die WHO noch in ihrem jüngsten Krankheitsbericht „Global Burden of Disease“ hochrechnete, sondern fast 8,9 Millionen. Die Unsicherheiten bei solchen epidemiologischen, sprich statistischen Schätzungen sind stets hoch, durch Daten- und Studienlücken kann die Zahl der tatsächlich Betroffenen womöglich um plus oder minus 50 Prozent abweichen. Doch die neue, beste Schätzung war im Raum – und damit eine entscheidende Botschaft: Luftverschmutzung verursacht global womöglich sogar mehr vorzeitige Sterbefälle als das Tabakrauchen (laut WHO 7,2 Millionen jährlich, inklusive Passivrauchen).

          In der Öffentlichkeit war all das mehr oder weniger untergegangen. Burnett hatte zum ersten Mal mehr als 41 große Kohortenstudien in 16 Ländern in sein Modell einfließen lassen, darunter die jüngsten und größten Studien aus China, wo sich der Einfluss von erhöhten Luftschadstoff-Konzentrationen auf die Organe und das Sterberisiko besonders klar abzeichnet.

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