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Gentechnik : Europa versagt

Bild: dpa

Den Hunger besiegen ohne Fortschritte in der Pflanzenzucht ist unmöglich. Die EU aber verweigert seit Jahren ihre Verantwortung, indem sie die Augen schließt und ihre Gen-Richtlinie wie teures Antiquariat hütet.

          Die Tragödie ist mit Händen zu greifen: Die Zahl der Hungerleidenden in der Welt nimmt wieder zu, so referierte gerade die Welternährungsbehörde in Rom; drei Jahre in Folge düstere Zahlen. Der beschleunigte Klimawandel und Kriege zerstören die Ernten, jedes fünfte Kind muss Tag für Tag fürchten, kein Essen zu bekommen, in Afrika vor allem und in Lateinamerika hungern immer mehr Menschen.

          Und Europa? Der Kontinent, der sich als die Geburtsstätte und Hüter der Aufklärung versteht, in dem sogar noch früher die Philosophen, etwa Aristoteles in seiner Nikomachischen Ethik, die Tugend erfunden haben und die Ideen vom guten Handeln, in dem der richtige Weg zwischen Mangel und Übermaß beschrieben wurde und in politischen Reden immer wieder beschworen wird, dieses große, alte Europa steht jetzt in den Krisen da wie ein Politikversager ersten Ranges. Denn Europa hat zwar die Größe und die Mittel, neue Lösungen für die Probleme der Welt beizusteuern, es hat auch viele Ideen, aber es nimmt sich selbst die Möglichkeiten dazu. Europas Fortschrittswille lahmt.

          Der mögliche Beitrag zur Lösung der Hungerkrisen in der Welt ist da beispielhaft. Schon im Jahr 2001 hat sich die Europäische Union eine restriktive Gentechnik-Gesetzgebung verordnet. Sie war geprägt von dem Willen, die Bürger und die Natur Europas vor den damals noch weitgehend unklaren Risiken gentechnisch veränderter Nutzpflanzen zu schützen. Die Genforschung in den akademischen Labors hat das nicht stark beeinträchtigt. Doch der Aufbau einer starken mittelständischen Pflanzenzucht, die mit biotechnischen Verfahren ertragreichere und widerstandsfähigere Nutzpflanzen entwickeln könnte, wurde erstickt. Außerhalb Europas dagegen haben Konzerne die Chancen ergriffen, mächtige Netzwerke aufzubauen und die Gentechnik als Teil einer chemiefreundlichen Intensivlandwirtschaft einzusetzen. Auf fast zweihundert Millionen Hektar weltweit werden diese ersten gentechnisch veränderten Sorten angebaut – zu Bedingungen für die Landwirte, die bedenklich stark von der Großindustrie bestimmt werden.

          Nicht gegen, zusätzlich zum Ökolandbau

          Diese Macht zu durchbrechen und einen neuen, naturfreundlichen, umweltschonenderen Weg zu öffnen, ist die in Europa aufstrebende Ökolandwirtschaft angetreten. Das europäische Gentechnikrecht hat ihr dazu auch Argumente geliefert und nicht nur das: Auch die kritische Haltung vieler Europäer zur grünen Gentechnik ist heute erheblich davon geprägt. Zur Tragödie ist das alles geworden, weil Europas politische Klasse immer noch nicht ihre historische Chance erkannt hat, die auseinanderklaffenden Pole, die noch immer einen ideologischen Krieg um die Rolle der Gentechnik führen, auf ein gemeinsames Ziel einzuschwören: eine schonendere, nachhaltige Landwirtschaft.

          Der Urteil des Europäischen Gerichtshofs in Luxemburg vom Juli dieses Jahres muss man als Aufschrei dieses Politikversagens verstehen. Die obersten europäischen Richter hatten darüber zu entscheiden, wie mit den sogenannten Gen-Scheren umzugehen ist. Die Gen-Scheren, angeführt von Crispr-Cas, das Labore weltweit in kurzer Zeit erobert hat, gelten als das Werkzeug einer wahrhaftigen biologischen Revolution. Damit ist die Gentechnik und mit ihr die Pflanzenzucht und die Medizin eine andere geworden – das „Editieren“ mit Gen-Schere ist ohne die Einführung artfremder Gene möglich, es ist präziser, einfacher, und vor allem verspricht die Technik, unsere wertvollsten Nutzpflanzen so schnell und unkompliziert an die rasend schnellen Umweltveränderungen anzupassen.

          Crispr verändert alles

          Weil nun die Genveränderungen in Crispr-Pflanzen von natürlichen Mutationen oft gar nicht zu unterscheiden sind, haben Kanada, Japan, die Vereinigten Staaten und bald auch Australien solche Crispr-Pflanzen nicht so streng reguliert wie die mit „alter“ Gentechnik veränderten Sorten. Der Europäische Gerichtshof freilich hat anders entschieden. Auf der Grundlage der geltenden EU-Gentechnikrichtlinie hat er bestimmt, dass auch die Gen-Schere, das neue „Skalpel“ der Pflanzenzucht, wie herkömmliche Gentechnik zu werten ist. Ausgerechnet die alten, geradezu antiquierten Züchtungsverfahren mit Bestrahlung und chemischer Mutagenese hingegen, die quasi im Schrotflintenverfahren zu wahllosen Genveränderungen führen, sind von der strengen und kostspieligen Zulassung ausgeschlossen. Natürlich bleibt Crispr nicht verboten. Doch wieder ist der Weg länger geworden, die europäische Vision einer nachhaltigen Landwirtschaft aus eigener Kraft zu verwirklichen.

          Der Fortschritt wird vor allem dort benötigt, wo der Hunger am schnellsten wächst. Afrika allein wird in dreißig Jahren seine Bevölkerung auf zwei Milliarden Menschen verdoppeln. Da kann Europa nicht länger still sitzenbleiben. In der EU liegt der Schlüssel für den aristotelischen Mittelweg im Umgang mit der neuen Gentechnik. Wann wird nicht mehr der Prozess – die Gentechnik – unter Verdacht gestellt, sondern jeweils das herzustellende Produkt – die Pflanze – im Einzelfall auf mögliche neue Risiken untersucht? Hilfreich, weil vorbildhaft wäre da nur eine konsequente Anpassung des EU-Gentechnikrechts an die wissenschaftliche Realität.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

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