https://www.faz.net/-gwz-81eca

Kommentar: EU-Projekt in Not : Macht endlich etwas aus dem Gehirn

  • -Aktualisiert am

Virtuelle Nervenzellen aus dem Kortex in der Gehirn-Simulation. Bild: BBP/EPFL

Was nun Visionäre? Europas Milliarden schweres „Human Brain Project“ soll eines Tages das Gehirn simulieren. Vorausgesetzt es kommt jetzt endlich in Gang.

          2 Min.

          An Henry Markrams Vision, das menschliche Gehirn komplett nachzubauen, schieden sich früh die Geister, ebenso an dem autoritären Führungsstil, mit dem er das „Human Brain Project“ (HBP) auf seinen Kurs brachte. Von dieser Route kommt das milliardenschwere EU-Flagschiff jetzt immer weiter ab. Das dreiköpfige Exekutivkomitee um den südafrikanischen Neurophysiologen legte schon im Februar die Leitung nieder. Die Führung liegt provisorisch beim Direktorium, eine neue Struktur ist im Aufbau. Den Findungsprozess wird ein Governance Board begleiten, dem aktuelle und ehemalige Direktoren wissenschaftlicher Großinstitutionen wie das Cern oder die Europäische Raumfahrtagentur angehören. Das alles sind keine freiwilligen Rückzugsmanöver. Sie folgen dem sanften Druck einer Mediation, die in der vergangenen Woche ihren Bericht vorlegte. Das Direktorium nahm alle Empfehlungen an.

          Nach heftigem Dissens über den Kurs des Projekts hatte die EU-Kommission den deutschen Prozesstechniker Wolfgang Marquardt im Spätsommer als Schlichter eingesetzt. Vorausgegangen war der Beschluss des Exekutivkomitees, die kognitiven Neurowissenschaften aus dem Kern des Projekts auszuschließen, was diese auch um die Gelder aus dem zentralen EU-Topf brachte. Die Ausgrenzung brachte das Gesamtunternehmen noch stärker auf einen technologischen Kurs. Achthundert Neurowissenschaftler protestierten dagegen in einem offenen Brief an die Kommission. Das Projekt kam nicht mehr zur Ruhe.

          Henry Markram
          Henry Markram : Bild: Reuters

          Auch die EU-Kommission hat im März einen Expertenbericht vorgelegt, der die Projektleitung ungewohnt deutlich zur Räson ruft. Aus fast jeder Zeile ist hier herauszulesen, dass das Unternehmen nicht die gewünschte Entwicklung nimmt. Die Integration der über hundert Institute scheint nicht zu gelingen. Dass dies am autokratischen Führungsstil des demissionierten Exekutivkomitees liegt, legen die vielen Mahnungen zu fairen und transparenten Entscheidungen nahe. Auf Distanz geht der Bericht auch zu Markrams großsprecherischer Vision. Unrealistische Erwartungen seien um jeden Preis zu vermeiden.

          Wie geht es nun weiter? Die Wiedereingliederung der Neurowissenschaften, die beide Berichte verlangen, soll auf neue und besondere Weise geschehen. Man will Gruppen für ganz konkrete neurowissenschaftliche Probleme definieren, die den Nachweis liefern, dass die technischen Werkzeuge für die Lösung dieser Forschungsfragen nötig waren. So sind neurophysiologische Erkenntnisfortschritte auf kleinerer Ebene unabhängig vom Erreichen des Gesamtziels möglich. Gleichzeitig gewinnt der neurologische Werkzeugkasten an Profil. Technische Infrastrukturen für die Hirnforschung waren von Beginn an ein erklärtes Ziel des HBP. Teilweise ein hochspekulatives: Neuromorphe Computerchips müssen ihre Betriebsfähigkeit erst einmal beweisen. Ob die große Gehirnsimulation am Ende einmal laufen wird (was viele bezweifeln), ist am Ende gar nicht mehr so entscheidend.

          Die neue, postvisionäre Phase des Projekts setzt stärker von unten an, baut Sicherungen ein und verteilt die Gewichte auf mehreren Schultern. Den Mediatoren schwebt der Aufbau einer neuen Leitungsebene aus den Institutionen vor, die am stärksten zum HBP beitragen. Die Lausanner École polytechnique fédérale bleibt darunter, ist aber nicht mehr federführend. Dazu mahnt der Bericht eine klare Trennung zwischen Forschung, Management und Evaluation an. Über Budgetfragen dürften nicht Leute entscheiden, die davon betroffen wären. Das scheint vorher anders gewesen zu sein. Die neue Leitung wird sich schnell finden müssen. Noch läuft der Aufbau der Strukturen. 2016 geht das Projekt in die operative Phase.

          Thomas Thiel

          Redakteur im Feuilleton.

          Folgen:

          Weitere Themen

          Was für eine Wurzelei

          Ab in die Botanik : Was für eine Wurzelei

          Der Arm sah nicht gut aus, so grün, gelb, blauviolett schillernd. Aber einem Baum kann man eigentlich keinen Vorwurf machen, dass seine Wurzeln mitunter schmerzhafte Unfälle verursachen.

          Topmeldungen

          Kreuz und Blumen auf dem Grab eines Corona-Opfers in Valle de Chalco, Mexico

          Johns-Hopkins-Universität : Mehr als eine Million Corona-Tote weltweit

          UN-Generalsekretär António Guterres spricht von einem „qualvollen Meilenstein“, sagt aber auch: „Wir können diese Herausforderung überwinden.“ Dafür brauche es verantwortungsbewusste Führungsstärke, Wissenschaft und weltweite Zusammenarbeit.
          Christian Lüth (Mitte) auf dem 8. Bundesparteitag der AfD im Congresszentrum in Hannover am 02. Dezember 2017.

          Pro-Sieben-Doku über Rechte : Das ist kein „Vogelschiss“

          Auf die Pro-Sieben-Doku „Rechts. Deutsch. Radikal“ reagiert die AfD schnell. Den einstigen Sprecher Christian Lüth, der meinte, man könne Migranten „erschießen“ oder „vergasen“, setzt sie vor die Tür. Der Reporter Thilo Mischke hat aber nicht nur deshalb Großes geleistet.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.