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Eßgewohnheiten : Guten Appetit!

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Gewöhnungsbedürftig: Würchwitzer Milbenkäse aus Sachsen-Anhalt Bild: ddp

Wer Gammelfleisch eklig findet, soll sich mal nicht so haben. Der Mensch verzehrt noch ganz andere Dinge, und das sogar mit vollstem Genuß. Das zeigt: Unsere Eßgewohnheiten sind extrem kulturabhängig.

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          Sieht eigentlich aus wie eine harmlose Heringsdose. Aber halt! Sie jetzt einfach zu öffnen wäre fahrlässig. Gewisse Sicherheitsmaßnahmen müssen beim Umgang mit schwedischem „Surströmming“ schon beachtet werden.

          Die erkennbar ausgebeulte, weil unter Druck stehende Dose kippt man am besten im 45°-Winkel von sich weg und bedeckt sie vor dem Öffnen mit saugfähigem Küchenpapier, damit das Faulgas kontrolliert entweichen kann und etwaiger Sud nicht durch die Gegend spritzt. Denkbar ist auch, die Dose in einem Wassereimer versenkt anzustechen und mit zugehaltener Nase auf das Ende des Blubberns zu warten. Dann kann, wer mag, sich über den milchsauer vergorenen und ein halbes Jahr gereiften (Nichtschweden würden sagen: verrotteten) Hering hermachen.

          So widerlich, daß der Verzehr eine Mutprobe ist

          Mit Kartoffeln und Zwiebeln auf Brot anrichten, werktags gehört ein Glas kalte Milch dazu, am Wochenende darf es auch ein Schnaps sein. Surströmming ist mindestens so schwedisch wie Ikea. Das Öffnen einer Dose Surströmming ist aber in deutschen Mietshäusern nach einem Urteil des Landgerichts Köln (12. Januar 1984 - 1 S 171/83, WM 1984, Seite 55) ein hinreichender Grund zur Kündigung; der Transport ist wegen möglicher Explosionsgefahr auf Flügen von British Airways und Air France ausdrücklich verboten.

          Angeblich gibt es in jeder Kultur ein Nahrungsmittel, das für Außenstehende wahlweise so widerlich schmeckt, aussieht oder riecht, daß sein Verzehr als Mutprobe gilt und gegebenenfalls eine Stammesinitiation ehrenhalber nach sich zieht. Seit der Homo sapiens das Fressen durchs Essen ersetzte, hat sich sein theoretisches Nahrungsspektrum ungeachtet tatsächlicher Eßbarkeit äußerst differenziert entwickelt und auch durchaus sinnlose Einschränkungen hervorgebracht.

          Auch psychologische oder moralische Gründe

          Sofern man nicht gerade Fäkalien oder Aas vor sich hat, ist Ekel in erster Linie kulturabhängig. Etwa im Alter zwischen fünf und sieben Jahren werden wir durch die Ekelmuster unseres Kulturkreises sozialisiert, spätere Korrekturen sind schwierig, erklärt der Ekelforscher Paul Rozin. Allerdings: In den beobachtbaren Äußerungen spontanen Ekels gleichen sich alle Menschen, und zwar kulturunabhängig. Wir reagieren entweder durch Vermeidungsmimik, also instinktives Zusammenkneifen des Mundes, Naserümpfen und Hochziehen der Augenbrauen oder durch Herausbeförderungsmechanismen, also explosiv ausgestoßene Laute, durch das Herausstrecken der Zunge oder das Zusammenkneifen der Augen, in extremen Fällen mit präventivem Würgen.

          Doch längst nicht jede Ekeläußerung wird von einem physiologisch notwendigen Schutzmechanismus ausgelöst. Genauso häufig springt die Abwehr aus psychologischen oder moralischen Gründen an. Dabei kann es sich um tradierte oder auch neue Reinheitsgebote handeln. So bekamen Mitte der neunziger Jahre Studenten im Rahmen einer Studie an der Arizona State University die Aufgabe, anderen Studenten vorgegebene Eigenschaften zuzuordnen.

          Hundeesser bitte ins nächste Restaurant

          Dabei wußten die Probanden über ihre Kommilitonen wenig mehr, als daß sie entweder Fast-food-Liebhaber oder Gemüsefreunde waren. Die intuitive Sortierung orientierte sich recht platt an der Maxime: Man ist, was man ißt. Wer sich mit Fast food ernährte, wurde als unmoralischerer, potentiell verdorbenerer Zeitgenosse eingestuft als die angeblich sensibleren, umsichtigeren Gesundheitsesser.

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