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Zukunftslabor Lindau 2019 : „Es reicht nicht, was bisher erreicht wurde“

Wolfgang Ketterle auf der Nobelpreisträgerung 2019 Bild: Christian Flemming

Die 69. Nobelpreisträgertagung am Bodensee war so kämpferisch aufgelegt wie selten. Für die Wissenschaft geht es ums Ganze: gegen Populismus und Demagogie. Physik, das Thema des Treffens, trat aber nur kurzzeitig in den Hintergrund, 580 Jungforscher aus 89 Ländern sorgten dafür, dass der Blick nach vorne ging.

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          Man kann die Sippe, die seit nun fast siebzig Sommern Jahr für Jahr in einem Inseldorf am Bodensee zusammengetrommelt wird, als einen höchst ungewöhnlichen, höchst elitären Menschenstamm begreifen. Man kann es aber auch wie Brian Schmidt sehen. Er ist Australier, Physik-Nobelpreisträger von 2011, und er hat auf dieser 69. Lindauer Nobelpreistragung in einer faszinierenden Eröffnungsrede den „Stamm“ der Wissenschaftler aufgerufen, alles zu tun, den Rest der Gesellschaft wieder an das gemeinsame Lagerfeuer zurückzuholen – auch die Ignoranten, Andersmeinenden und vor allem die Demagogen und „politischen Kräfte, die unsere Welt zerstören wollen“.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Gut 580 ausgewählte junge Wissenschaftler aus sage und schreibe 89 Ländern (Rekord!) hörten ihm ehrfürchtig zu, und auch die 39 Nobelpreisträger in der Inselhalle hingen an Schmidts Lippen. Denn was der Kosmologe zu sagen hatte, der sich inzwischen auch als politischer Anwalt der aufgeklärten Welt versteht, hatte etwas von einer Ruckrede. „Wir müssen es irgendwie schaffen“, sagte Schmidt, zusammen mit allen eine Zukunft zu bauen, „in der man Wissenschaft und Evidenz wieder vertraut.“ Schon Bettina Gräfin Bernadotte, Gastgeberin des Laureatentreffens, gab in ihrer Rede dieser Sehnsucht eine Stimme. Den antiwissenschaftlichen Strömungen müsse etwas Überzeugendes entgegengesetzt werden. „Es reicht nicht, sich mit dem zufrieden zu geben, was erreicht ist“, sagte die Gräfin mit Blick auf die vielen Nachwuchstalente. Ja, die Zeiten sind ganze besondere.

          Die Wurzeln der Zukunft

          Zusammenrücken, nur nicht zurückschauen und abschotten, sondern den Blick stramm nach vorne richten, das war die Losung, die von den Veranstaltern (auch von Bundesforschungsministerin Anja Karliczek) zum Auftakt der Woche ausgegeben wurde. Für eine bessere Zukunft also. Woher kommt dieser Wunsch, die Vergangenheit, die in Lindau eine große und weit zurückreichende ist, so radikal hintanzustellen? Wissenschaft, das steht außer Frage, kommt ohne sie nicht aus. Neues Wissen baut stets auf einem Fundament gesicherten – aber eben auch alten Wissens auf. Mehr noch: Erst ein langer Atem, der auch weit zurückreicht, bringt oft den gewünschten Erfolg. Künstliche Intelligenz, das Hype-Thema der Gegenwart, ist ein Beispiel. Schmidt hat das sehr anschaulich an der Quantenforschung gezeigt: Vierzig Prozent der weltweiten Wirtschaftsleistung heute gründet auf den frühen Entdeckungen der Quantenphysik, die – vor mehr als hundert Jahren angefangen – die gesamte elektronische Welt heute einschließt.

          Und doch waren sich alle einig auf diesem Physikertreffen: In der Zukunft müssen wir Wurzeln schlagen. Hinter diesem klugen Wort des kanadischen Philosophen Charles Taylor, das fast klingt wie der Spruch eines Indianerweisen, konnten sich in Lindau alle versammeln. In dieser Beilage haben wir und unser Comiczeichner versucht, diesen emphatischen Geist im „Zukunftslabor Lindau“ mit den dort behandelten Themen angemessen zu illustrieren.

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